Kritische und unbequeme Geister stehen für Entwicklung – zu Joh 20,19-31 - Ein Impuls der Kolpingsfamilie zum 2. Ostersonntag

Der Tod von Hans Küng hat in dieser Woche viele berührt. In diesem Jahr 1980, in dem ihm die Lehrbefugnis entzogen wurde, war ich junge Theologiestudentin. Noch grün hinter den theologischen Ohren, doch auf die theologischen Diskussionen dieser Zeit absolut neugierig und diskussionsfreudig. Wir waren aufgebracht als Hans Küng, diesem großen Visionär, versagt wurde, seine wissenschaftlich begründeten Ansätze weiterhin an der theologischen Fakultät Tübingen zu diskutieren.

Foto: Pfarrbriefservice

Hans Küngs Stimme wurde damit nicht zum Verstummen gebracht. Sein kritisch-theologisches Denken und seine Unbeugsamkeit, seine große Weite fanden Eingang in all seine Visionen einer versöhnen Christenheit, eines Friedens der Religionen und einer echten Gemeinschaft der Nationen.

Zweifel gehören zum Denken – hat Hans Küng einmal geschrieben. Welches Lebensthema, welche Lebensfrage lässt sich wirklich eindeutig und endgültig beantworten? Welches theologische Thema kann wirklich als in Stein gemeißelt nur eine Antwortmöglichkeit haben? Verändert sich unser Denken, unsere Einstellung, unsere Überzeugung nicht jeweils entsprechend dem, was auf uns zukommt und wie sich unsere Welt verändert? Die existentiellen Themen und Fragen kehren immer neu in immer neuen Kleidern zurück. Das Evangelium deutet das Leben auf immer neue Weise und Kirche muss sich auf immer neue Weise weiterentwickeln. Da können die Herausforderungen unbequem werden und die notwendigen Lösungen erst recht. Doch so geschieht Entwicklung auf Zukunft hin.

Zweifel gehören zum Denken – das war diesem Apostel Thomas aus dem heutigen Evangelium ebenfalls zu eigen. Hans Küng und Thomas wären einander sicher sympathisch gewesen. Ich jedenfalls mag diesen Thomas. Thomas nahm nicht einfach hin, dass andere ihm sagten, Jesus sei auferweckt – nein, diese Erfahrung wollte er am eigenen Leibe spüren. Er wollte die Zeichen sehen, die ihn überzeugten. Er war für seine Mitapostel, die gerade voller euphorischer Stimmung gewesen sind, unbequem. Er störte ihre gute Laune und ihr Hochgefühl. – Die junge Kirche damals kannte den Zweifel und sie kannte das tiefe Überzeugtsein, dass Jesus lebt, gleichermaßen. Sie hielt sich fest an ihrer Überzeugung und hatte immer zu ringen mit denen, die fragten und suchten, die Zweifel in den Alltag brachten. Durch alle Jahrhunderte bis heute tut sich Kirche und tun sich Gemeinden mit denen schwer, die sich kritisch, prophetisch, unbequem engagieren. Dass auch heute solche Christen zur Seite geschoben werden, hören wir immer wieder. Doch mit ihnen geschieht Entwicklung auf Zukunft hin.

Dieser Apostel Thomas könnte ein Vorbild für Gemeinden werden, die nach ihrer Zukunft suchen. Er könnte Vorbild für alle Verbände sein, die ihre Aufgaben in einem veränderten Umfeld neu formulieren müssen. Denn er zeigt beide Seiten des Lebens: Suchen und Finden, Fragen und Antwort erhalten, Zweifeln und Glauben, Trauern und Hoffen. So geschieht Entwicklung auf Zukunft hin.

Einen gesegneten Sonntag.

Claudia Hofrichter