In den kommenden Zeit findet Ihr / finden Sie hier jeden Sonntag und jeden Mittwoch einen Impuls

22.08.2021 Sommerserie der Kolpingsfamilie „Herzhupferl“ 4/2021: Aus dem Ländle

„Kannst du die Stille hören?“ fragte mich diese Woche eine Kolpingschwester, die mich zusammen mit ihrem Mann nach Saig eingeladen hatte. Dort angekommen hatte ich sofort das Gefühl von Entspannung und Ruhe. Rundherum Schwarzwald Schwarzwald Schwarzwald – weiter Blick, grüne Wiesen, Wolkenbilder ziehen am Himmel vorüber, zwischendurch ein leises Rascheln der Blätter der Birken in der Nähe. Wie gut das tut – mein Herzhupferl diese Woche.

Zusammen mit einer Wiederbegegnung mit einem meiner Sehnsuchtsorte im Schwarzwald: Die Vater-unser-Kapelle in Unteribental, die die Bitten des Vater unser mit den vier Elementen und der Schöpfung verknüpft, erbaut von der Familie Herder. In dieser Kapelle gibt es den sogenannten Gnadenstuhl – darüber steht die Versöhnungsbitte des Vater unser. Ich erinnere mich viele Jahre zurück an meine Ausbildungszeit. Ich war dort zu einem Bußgottesdienst eingeladen. An diesem Gnadenstuhl sitzend wurde jeder und jedem Einzelnen Gottes Vergebung zugesprochen. Das hat mich tief berührt und sich in mir eingesenkt.

In der vergangenen Woche haben Kolpinggeschwister ihre Herzhupferl zugesendet in Bildern und Worten.

  • „Wir freuen uns so sehr an unserer noch ganz kleinen Enkeltochter. Wir freuen uns, dass wir sie gerade öfters sehen zu können. Welch‘ ein Schatz für uns als Großeltern.“
  • Unser Familienausflug auf dem Stocherkahn anlässlich des 50.Geburtstags unserer Tochter hat uns begeistert. Ein Teil unserer Großfamilie war dabei. Es hat uns gut getan, so beisammen sein zu können und den Nachmittag zu genießen.“
  • „Eigentlich sollte der etwas marode Flechtkorb im Grillfeuer in Flammen aufgehen. Jetzt ist aus ihm ein tolles blühendes Kleinod auf meinem Balkon geworden.“
  • „Unsere Radtour mit Freunden in die höchsten Höhen des Schwarzwaldes wurde für unseren Freundeskreis zum Herzhupferl. Wir spüren, wie sportlich wir noch unterwegs sind und was die Kraft in den Beinen alles möglich macht.“
  • „Ich bin so froh, dass meine Mutter ihre Tumoroperation gut überstanden hat. Das ist ein ganz besonderes Herzhupferl für mich und sie.“
  • „Ich bin in diesen Ferien auf die höchsten Berge des Schwarzwaldes gewandert. Erholsam, grandiose Panoramen.“
  • „Ich bin ja passionierte Pilzesammlerin und habe einen neuen Pilzsammelfreund gewonnen. Er hatte gleich den Blick für die besten Fundstellen und die größten Exemplare. Wow.“
  • „Unser Kolpingfrauentreff hat sich endlich nach eineinhalb Jahren wieder getroffen. Welch‘ eine Freude hatten wir miteinander.“
  • „Ich habe am Säntis meine Höhenangst überwunden.“
  • Pfifferlingsessen mit Freunden – das tat meiner Seele und uns allen gut.“
  • „Ich bin überglücklich, dass meine älter werdenden Eltern noch so fit sind und wir viel miteinander unternehmen können.“
  • „Wenn mein Tageskind mir freudestrahlend entgegenspringt, wenn ich den Kleinen aus dem Kindi hole, da geht mir das Herz auf.“
  • Die ehemalige Skigruppe meines Mannes war bei uns zu Gast. Alle weit über 80 Jahre, zwei an Demenz erkrankt. Wir hatten so viel Spaß aneinander. Wir sind so dankbar, dass wir uns getroffen haben.“

Welch‘ wunderbare Erfahrungen! Welche Gottesgaben und Gottesgeschenke. Anders kann ich diese Fülle an Glück und heilsamen Begebenheiten nicht deuten. Wie passend sind da die Worte des Sonntagsevangeliums: „Wohin sollten wir gehen, Jesus? Du hast Worte des ewigen Lebens.“ Die Herzhupferl sind „seine Worte heute“, Jesu Berührungen mitten im Alltag. Jesus lebt mitten unter uns, in uns, in unserem Handeln.

Bitten wir auch inständig um Segen und eine friedliche Entwicklung in Afghanistan. Beten wir um Vernunft und Einsicht aller Hoffnungslosigkeit zum Trotz.

 

15.08.2021 Sommerserie der Kolpingsfamilie „Herzhupferl“ 3/2021: „Sommer ist, was in deinem Kopf passiert“

Die Wise Guys singen diese Zeile in ihrem Hit „Jetzt ist Sommer“. Gestern, auf der Rückfahrt aus dem Allgäu, erklang der Song im Radio. Wie oft haben viele dieses Jahr schon gesagt: „Es wird gar nicht richtig Sommer“ oder „Es ist gar kein Sommer“ – eben weil es so viel regnet und nach einer Woche Sonnenschein sich bereits wieder eine Regenwoche angekündigt hat. Manchmal habe ich dann gesagt: „Doch, es ist Sommer“. Ich denke, es geht darum, wie ich das Leben wahrnehme und ob ich die Herzhupferl entdecken kann – jene Momente, die meine Seele nähren, die mir eine unerwartete Erkenntnis schenken, die mich innerlich blühen lassen. Eine geradezu überschwängliche Herzhupferl-Woche habe ich gerade im Allgäu erlebt.

An einigen möchte ich euch teilhaben lassen.

Ich war in Füssen-Oberkirch direkt am Weissensee. Im Allgäu war ich noch nie im Urlaub. Ich war sehr gespannt. Würde ich bei meinen Radtouren die Steigungen schaffen, war meine Sorge. Herzhupferl 1: Ich schaffte alle, musste immer wieder mal absteigen und verschnaufen, doch nur einmal für wenige Meter mein Fahrrad schieben. Am ersten Tag erwischte mich dann noch ein heftiger Regenschauer, der mich lehrte, dass ich meine bisherige Behauptung, dass Rad fahren bei Regen gar keinen Spaß machen könne, revidieren musste. Zugegeben, es machte mir begrenzt Spaß. Doch ich machte eine neue Erfahrung mit mir.

Herzhupferl 2: Jede Anstrengung wurde mit einem gigantischen Blick belohnt, mit erholsamem Sitzen und die Gedanken ziehen lassen an den Ufern der zahlreichen Seen – ob es nun der Hopfensee war, der auch die Riviera des Allgäu genannt wird, oder der Alatsee mit seinen geheimnisvollen Geschichten oder der Forggensee oder der Weissensee ... Welche Ruhe trotz vieler Urlauber, welche Ausstrahlung und Energie mir zufloss. Danke, danke, danke.

Herzhupferl 3: Die Highline 179 bei Reutte/Tirol – ca. 114 m hoch über der Straße und 406 m lang. Ich liebe Hängebrücken, habe keinerlei Höhenangst und kann das Schaukeln genießen. Auf dieser Brücke kann man viele internationale Begegnungen machen, wenn einem die Lust, andere anzusprechen, überfällt. Und diese Lust hatte ich. Sätzchen wie „Ganz schön hoch“ – „Welch ein Blick“ waren Gesprächsöffner.

Und das ist mein Herzhupferl 4. Ich sprach die ganze Woche über gerne Leute an -  vielleicht macht man das eher, wenn man allein unterwegs ist. Und so hörte ich einige Lebensgeschichten und Erfahrungen, die mich beschenkten, oder dass ich in eine Situation hinein ein gutes Wort sagen konnte.

Herzhupferl 5: Der Tegelberg mit seinem grandiosen Bergpanoramablick. „Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen. Woher kommt mir Hilfe? Meine Hilfe kommt vom Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat.“ Der Psalm 121 ist immer mein Lobgebet auf Bergen oder Anhöhen. Obwohl der Himmel ja kein Ort über uns ist, sondern um uns herum und in uns, spüre ich mich Gott immer ein wenig näher, wenn ich die hohen Berge betrachte, die in den Himmel ragen. Und wie es dann der Zufall oder die Fügung will, traf ich Ergenzinger. Welch‘ eine Überraschung.

Herzhupferl 6: Ich brauche immer Bücher um mich herum – auch im Urlaub. Elke Heidenreich„Männer in Kamelhaarmänteln“ ist eine entzückende humorvolle Lektüre über Kleidung und Kleider. Nein, es geht nicht um die Reichen und Schönen, es geht um biographische Erzählungen der Autorin über eigene Erfahrungen und über die Erfahrungen anderer. Unbedingt empfehlenswert. Pascal Mercier„Das Gewicht der Worte“ ist ein Buch über die Freiheit, unser Leben zu gestalten, und über die Freiheit, die die Literatur verspricht. Mir schenkt das Buch auf jeder Seite neu die Erkenntnis, weshalb ich den Umgang mit der Sprache so liebe, weshalb ich nicht möchte, dass „der Dativ dem Genitiv sein Tod ist“ (so ein anderer Buchtitel). Und dann noch Marion Küstenmacher„Mein fliegender Teppich des Geistes“.  Sie denkt darüber nach, welche geistlichen Erfahrungen in vielen ihrer Kindheitserinnerungen liegen. Sie ordnet sie ein in ihren weiteren Lebensweg und beschreibt ihre Bedeutung. Ich kenne die Autorin persönlich; mit ihr habe ich einige Jahre immer wieder Kurse zu spirituellen Themen gestaltet. Aus Kindheitserfahrungen lässt sich eine lebendige Spiritualität weben. Viele Erinnerungen sind in mir wach geworden und ich bewege sie gerade hin und her und ergründe ihre Bedeutung für meinen gesamten Lebensweg. Das ist so spannend wie aufregend und anregend!

Und aller guten Dinge sind 7 – wieder zuhause gleich noch ein Herzhupferl 7: Eine Kolpingschwester und ihr Mann hatten die indischen Priester, die für ein halbes Jahr in Ergenzingen wohnen, eingeladen, dazu zwei Ehepaare, Francis und mich. Wir hatten einen wunderbaren Abend bei Leberkäs, Kartoffelsalat und Gurkensalat, bei Gesprächen über Politik, Kultur, den Alltag, das Deutsch lernen, die Religion ... Wie schön, zu erleben, wie so unterschiedliche Kulturen und Menschen beieinander sitzen und voneinander lernen – in einer Atmosphäre, in der das leicht und unkompliziert möglich ist, in einer Atmosphäre, in der die Begegnung im Vordergrund steht und zugleich Lernen fürs Leben geschieht.

Diese Herzhupferl-Auswahl ist meine ganze persönliche – meine Essenz aus der vergangenen Woche. Vielleicht mögt Ihr eure dazu erzählen, entdecken, sie genießen. Ich freue mich auf eure Geschichten.

Einen gesegneten Sonntag und Maria Himmelfahrtstag – Gottes Herzhupferl heute an uns.

Und hier zum Hit: https://www.youtube.com/watch?v=h0YGhpaWspU

 

08.08.2021 Sommerserie der Kolpingsfamilie "Herzhupferl" 2/2021: Zeitkapsel

Ich gebe es zu: manchmal schaue ich Serien. Beim „Bergdoktor“ gestern Abend wurde ich an die „Zeitkapsel“ erinnert. Zwei Schwestern, die eine todkrank, die andere versucht, ihr (etwas aufdringlich) beizustehen, - sie gehen miteinander auf den Berg – dorthin, wo sie als Teenies eine Zeitkapsel versteckt hatten. Und sie lasen sich vor, was sie sich vorstellten, was aus der anderen einmal werden würde, wo sie einander sehen nach vielen Jahren wenn sie erwachsene Frauen sein würden.

Die Zeitkapsel ist ein Behältnis, das z.B. bei der Grundsteinlegung eines Gebäudes in den Grundstein mit eingemauert wird. Auch in der Kugel von Kirchturmspitzen werden Zeitkapseln hinterlegt. Zeitkapseln beinhalteten Wünsche für die Zukunft – heute in ihrer modernen Variante konservieren sie auch Lieblingsgegenstände und andere Erinnerungen.

Für mich ist die der Zeitkapsel mein Herzhupferl an diesem Wochenende. Gerne schenke ich mein „Herzhupferl“ weiter. Wie wäre es, eine eigene Zeitkapsel herzustellen. Wie wäre es, sich Zeit zu nehmen und darüber nachzudenken:

  • Was möchte ich, dass der Nachwelt von mir erhalten bleibt?
  • Was muss man unbedingt wissen von dem, was man nicht so offensichtlich sieht?
  • Was von meinem innersten Kern möchte ich, dass andere bewahren?
  • Wie möchte ich mich weiterentwickeln?
  • Wo möchte ich in zehn oder in fünf oder in zwei Jahren stehen?
  • Welche Sehnsucht treibt mich um, welche Hoffnungen, vielleicht auch Ängste und Traurigkeiten?
  • Welches kleine Symbol soll mit hinein in meine Zeitkapsel?

Wo werde ich sie aufbewahren? Und wann wird der Augenblick kommen, an dem ich sie öffnen werde, um nachzusehen, was ich „damals“ geschrieben habe? Wovon werde ich dann überrascht sein.

Mich hat die Idee der Zeitkapsel gleich kreativ gemacht. Deshalb ist sie mein Herzhupferl. Ich werde meine persönliche Zeitkapsel herstellen. Jetzt in meiner Sommerpause habe ich die Muße dazu. Und ich ahne, dass sie mich inspirieren wird, meine eigene Biographie mehr und mehr in Gottes Licht zu verstehen. - So macht es dann doch Sinn, ab und an eine Serien zu schauen.

Wir brauchen Herzhupferl in dieser Zeit, in der es notwendig ist, aktiv unsere Solidarität mit den Menschen an der Ahr, mit denen, deren Heimat brennt, mit denen, die noch immer unter dem Atombombenabwurf vor 76 Jahren leiden, zu zeigen. Ein Kirchenherzhupferl ist der Augsburger Religionsfriede, dessen Gedenktag heute ist und an dem für evangelische (und katholische) Christen ein neues Kapitel begann.

Allen einen gesegneten Sonntag.

 

01.08.2021          Sommerserie 2021 der Kolpingsfamilie - Teil 1: Herzhupferl

Vor einigen Monaten habe ich dieses Wort zum ersten Mal gehört. Es zauberte mir sofort ein Lächeln ins Gesicht und alle ungelösten Themen und schweren Fragen waren erst einmal vom Horizont verschwunden. Mir wurde buchstäblich warm ums Herz. Welch‘ ein Zauberwort! – dachte ich.

Und ich fing an, Bilder, Eindrücke, Situationen, die mein Herz anrühren und stärken, zu sammeln und zu notieren.

  • Die leuchtende Farbenpracht des Sommers, die ihre Kraft entfaltet.
  • Die kurze Begegnung mit einem Fremden während meiner letzten Radtour.
  • Das Zufallsgespräch mit meiner Nachbarin am Gartenzaun.
  • Der Glücksmoment, als ein Freund wieder gesundete.
  • Der Anruf einer Freundin, die mir von ihrer neuen Liebe erzählte.

Solche Herzhupferl-Momente sind so wichtig im Alltag als  wohltuender Gegenpol zu den vielen unfassbaren Nachrichten der vergangenen Wochen und Monate. Wie sehr hat uns doch die Pandemie in Mitleidenschaft gezogen! Wie sehr bestürzt uns doch die Überschwemmungskatastrophe in einigen Regionen Deutschlands! Niemals hätten wir geglaubt, dass das passieren könnte. Wie sehr erschüttern uns die Krisen auf der ganzen Welt! Wie sehr brauchen wir doch diese Herzhupferl, die uns Mut machen und trösten!

Herzhupferl verpflichten – nämlich zu einem Handeln, dass andere viele Herzhupferl entdecken können. Die große Herzhupferlgabe Gottes an uns ist sein Geist, sein Atem, mit dem wir in diese Welt gesshickt sind und als Kolpinggeschwister leben.

Gott gab uns Atem, damit wir leben. Er gab uns Augen, dass wir uns sehn. Gott hat uns diese Erde gegeben, dass wir auf ihr die Zeit bestehn. Gott hat uns diese Erde gegeben, dass wir auf ihr die Zeit bestehn.

Gott gab uns Ohren, damit wir hören. Er gab uns Worte, dass wir verstehn. Gott will nicht diese Erde zerstören. Er schuf sie gut, er schuf sie schön. Gott will nicht diese Erde zerstören. Er schuf sie gut, er schuf sie schön.

Gott gab uns Hände, damit wir handeln. Er gab uns Füße, dass wir fest stehn. Gott will mit uns die Erde verwandeln. Wir können neu ins Leben gehn. Gott will mit uns die Erde verwandeln. Wir können neu ins Leben gehn.

Das Lied von Eckart Bücken und Fritz Baltruweit besingt es. Ein Herzhupferl-Lied für diesen Sommer.

Schreibt mir eure Herzhupferl-Erfahrungen. Ich freue mich darauf.

 

18.07.2021         Ich schenk dir einen Augenblick

Die vergangene Woche und die kommenden Wochen sind für viele Menschen in Nordrhein-Westfalen und Rheinland Pfalz, doch auch in anderen Regionen Deutschlands und der Nachbarländer eine Katastrophe. Jeder Mensch, der durch die Macht des Wassers sein Leben verloren hat, ist einer zu viel; jeder Mensch der das Dach über dem Kopf verloren hat, ist einer zu viel; jeder Mensch, der um Angehörige trauern muss, ist einer zu viel. Die Wassermassen haben viel Leid hinterlassen. Durch die Medien landet ein Stück dieses Leids in unseren Wohnzimmern. Niemand kann und darf sich der Not verschließen. Doch was es für die Menschen in diesen Regionen bedeutet – können wir das wirklich ermessen? Und jede/r kann helfen: Durch eine noch so kleine Spende, durch einen Augenblick des Gedenkens, durch ein Nachdenken über Ursachen solcher Katastrophen, die ja nicht nur buchstäblich vom Himmel fallen, sondern an denen auch unser aller Umgang mit dieser Welt beteiligt ist. Die Rettungsdienste aus unsrem Bundesland helfen mit, die Not zu lindern bis hin zu den Notfallseelsorger/innen, die angefragt wurden.

„Ich schenk dir einen Augenblick“ – das ist eine Lebenshaltung für alle Tage. Das ist die Haltung der Achtsamkeit füreinander. Das ist der Auftrag aneinander das Gute zu entdecken, den Wert des anderen immer neu zu erspüren. Es ist eine Lebenshaltung und eine Lebensaufgabe – einübbar in vielen großen und kleinen Situationen – auch jetzt.

In diesem Sinn einen schönen Sonntag.

 

11.07.2021         Weisheitsgeschichten

Ein Tourist macht Station in einem Kloster. Er wird freundlich aufgenommen, und man bietet ihm eine Mönchszelle als Schlafquartier an. Darin stehen nur ein Bett und ein Stuhl. In der Tür fragt der Tourist erstaunt: „Und wo sind Ihre Möbel? – Wo sind denn Ihre?, erwidert der Mönch. Verwirrt antwortet der Tourist: Ich bin ja nur auf der Durchreise. Der Bruder lächelt: „Wir auch.“

Heute Morgen wurde mir diese kleine Geschichte geschenkt. Ich bekomme an jedem Wochenende per Email den Wochenendletter „die andere Zeit“. Es wird von „andere-Zeiten“ herausgegeben, von den Adventskalender- und Fastenbegleiter-Macher/innen, die das ganze Jahre über anregende Impulse zum Innehalten für uns bereithalten.

Die Geschichte vom Touristen im Kloster ist solch eine kleine Weisheitsgeschichte, die mich aufhorchen lässt. Da werde ich aufmerksam auf das, was ich zum Leben brauche und spüre, was elementar für mich ist. Es geht ja nicht um die Anzahl meiner Möbelstücke in meiner Wohnung oder den überflüssigen Schnick-Schnack. Es geht vielmehr darum, die innere Mitte immer wieder zu spüren, es geht darum, das gerade Wichtigste zu sehen – die Aufgabe, die ich habe, den gesellschaftlichen Auftrag, der sich mir geradezu aufdrängt, der Blick auf die Wunden, die ich heilen könnte. – Darum geht es: Um die offenen Augen, um das sehende Herz – für die Menschen um mich herum, für die Themen der Gesellschaft und der Welt und für mich selbst.

Und nochmal ein Geschenk, das mir heute Morgen gemacht wurde von einem Pfarrer, der gestern aus Indien eingereist ist und den ich heute morgen fragte, wie es ihm nach den ersten 24 Stunden in Deutschland gehe. Er antwortete mit einem Kalenderblatt: „Enthusiasmus ist das schönste Wort der Erde.“ Christian Morgenstern hat das gesagt.

In diesem Sinn einen schönen Sonntag und eine gute Woche.

 

20.06.2021         Von den Stürmen des Lebens – Ein Impuls der Kolpingsfamilie

Mk 4, 35-41 ist heute in den katholischen Gottesdiensten zu hören – dieses allzu bekannte Evangelium von der Stillung des Sturmes. Wie sehr kann sich doch jede und jeder von uns darin finden. Wir kennen sie, diese Zeiten der Unruhe – der inneren wie der äußeren. Wir suchen dann nach Ruhe, nach Balance nach Gelassenheit.

„Still werden will ich
vor Dir, mein Gott,
Dir alles lassen,
was mich unruhig macht:
den Mangel an Vertrauen,
die Gedanken, die mich verfolgen,
die Fesseln der Sorgen,
meine inneren Kämpfe und Widerstände.“

Antje Sabine Naegeli hat ihre Erfahrungen so beschrieben.

Der Sturm legt sich, weil Jesus es ernst meint. Und er kritisiert das mangelnde Vertrauen der Jünger und Jüngerinnen auf Lösungen und Veränderungen. Die Todeswasser haben nicht das letzte Wort. Die vielen Stürme dieser Welt, die vielen Konfliktwasser dieser Welt – darin brauchen wir alle und die Verhandlungsträgerinnen und –träger alle Kraft zur Besänftigung. Und sie brauchen den Glauben, dass der gestillte Sturm ein Leben in Fülle und gemeinsamem Wohl aller schenkt.

Dr. Claudia Hofrichter

30.05.2021  Geh aus, mein Herz, und suche Freud!

Kim und Toni nehmen sich diesen Liedruf „Geh aus, mein Herz“, im wahrsten Sinn des Wortes zu Herzen und machen sich auf großen Reise. Sie sitzen nur noch ganz kurze Zeit bei Alma und Alfred, um sich zu verabschieden. Zur Wochenmitte erzählen sie vom Flughafen und dann noch einmal von ihren Erfahrungen am Zielort. Heute morgen haben Kim und Toni Claudias Impuls auf der Diözesanverbandshomepage gesehen und meinten, dass das auch was für die Ergenzinger ist.

Seit einigen Wochen gehen mir dieses Lied und seine Melodie nicht mehr aus dem Kopf. Es ist ein Lied voller Sehnsucht nach Erfüllung und Glück. Paul Gerhardt hat seine Botschaft in zahlreiche frühsommerliche und sommerliche Naturbilder gekleidet. Man braucht ziemlich viel Ausdauer für diese 15 Strophen. Die Suche nach Erfüllung und Glück, eben nach der Freude, verlangt einem manchmal ganz schön viel Geduld ab. Und dann – ganz plötzlich und unerwartet – ereignet sich etwas von dieser Freude des Herzens. Mir ging das in den vergangenen Wochen in vielen spontanen Begegnungen beim Radfahren so. Da traf ich viele Bekannte und auch fremde Menschen, mit denen ich in ein kurzes überraschendes Gespräch kam. Aus einem „Hallo“ und „Grüß Gott“ entwickelte sich immer wieder ein tiefsinniges Gespräch über Sorgen und Hoffnungen, über die Pandemie und den Wunsch, wieder einmal in Urlaub fahren zu können, über Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit, über all die Offenbarungen der vergangenen eineinhalb Jahre, über die Sorge, wie sich unsere Gesellschaft wohl weiter entwickeln würde. Das löste Freude in mir aus und ließ mich immer wieder meine innere Kraft spüren, meinen Dank für mein Leben mit seinen vielen guten Erfahrungen, die die Erschütterungen, die ich auch zur Genüge kenne, aufzuheben vermögen. All das Gute ist stärker als die Trauer über Unerfülltes.

Paul Gerhardt schrieb sein Lied 1653, der Dreißigjährige Krieg ist gerade vorbei, seine Heimat liegt in Schutt und Asche. Er ist in Sorge um seine Frau;  gemeinsam trauern sie um ihr verstorbenes Kind. Das mag sich doch eher nach Herbst und Winter als nach Frühling und Sommer anfühlen. Mitten in diese Situation schreibt er dieses Lob Gottes, mitten in dieser Situation betont er immer wieder, dass er das Lob Gottes nicht lassen kann:

„Ich selber kann und mag nicht ruhn, des großen Gottes großes Tun, erweckt mir alle Sinnen; ich singe mit, wenn alles singt, und lasse, was dem Höchsten klingt, aus meinem Herzen rinnen.“

Welch‘ ein unerschütterliches Vertrauen, das er, der evangelische Theologe, mit der Botschaft des Evangeliums, mit Leben, Tod und Auferweckung Jesu verbindet. Solche Lieder, solche Texte machen Mut – gerade jetzt in einer Phase der Pandemie, in der wir die Lockerungen sichtlich spüren, in der wir auf die Impfungen vertrauen, in der wir hoffen, dass es gut weitergehen wird für unser Land und unsere Welt. Und dass wir auch in unserer persönlichen Welt, zu der unsere Kolpingsfamilien gehören, wieder gut auf die Beine kommen werden, dass wir unseren ganzen Schwung wieder einsetzen können werden, um Erbe und Auftrag Adolph Kolpings mit Tatkraft und Gottvertrauen, mit Engagement und Mut zu erfüllen. Gott schenke uns dazu alle Gelassenheit.

 

24.05.2021 Pfingstmontag: Einander verstehen

Kim und Toni waren gestern mit Claudia mit ihren Fahrrädern nach Baisingen gefahren, um dort den Weg des Glaubens zu erkunden. Da erlebten und hörten sie vieles.

Toni:
Eigentlich hatten wir uns ja auf Zweisamkeit oder besser Dreisamkeit mit Claudia eingestellt. Doch daraus wurde nichts.

Kim:
Und wie toll es dann geworden ist. Wie viele Bekannte wir getroffen haben! Und wie viel wir einander zu erzählen hatten. Das war echt toll.

Toni:
Schon als wir Baisingen reinfuhren trafen wir als erstes Annerose und Alfons. Sie beschlossen dann, mit uns weiter zu fahren. Bevor wir zu den ersten Feldern kamen, kamen uns Anton und seine Frau entgegen und wir kamen ins Erzählen. Und gleich kamen Beatrice und Albrecht dazu.

Kim:
Alle hatten ihre Hunde dabei. Du kennst ja Claudia und ihre Angst vor Hunden. Ich kann es verstehen. Denn sie hat ja einige schlechte Erfahrungen gemacht.

Toni:
Es war so schön, wie wir uns alle gut verstanden haben. „Einander verstehen“ – darum geht es ja auch an Pfingsten. Oder noch besser: Gottes Geist zeigt uns wie wir einander verstehen können. – Das ist doch eine tolle Botschaft.

Kim:
Und so haben wir uns auch von unseren Pfingsterfahrungen erzählt. Nein, nicht nach dem Motto „Mein Pfingsterlebnis heute war …,“, sondern einfach kleine Geschichten hat jede und jeder erzählt.

Toni:
Die einen schwärmten vom wieder ersten Singen beim Pfingstgottesdienst, weil er im Freien gefeiert wurde; die anderen von der guten Orgelmusik und der guten Laune beim Gottesdienst drinnen. Einige fanden ihren Spaziergang toll und wie schön doch das Wetter geworden ist. Und dass wir alle einander getroffen hatten.

Kim:
So richtiges Pfingstwetter, wie wir es uns vorstellen. Ein wenig Wind, der mich an das Pfingstbrausen erinnert hat, und dann viel Sonne, um sich zu wärmen und um etwas vom Atem des Lebens zu spüren.

Toni:
Also, nachdem wir alles fertig geredet hatten – oder es meinten, sind wir mit Alfons und Claudia schon mal vorausgefahren zum ersten Kreuz. Annerose blieb noch etwas plaudern.

Kim:
Ja, das war dann lustig. Denn der Wind hatte das schöne Plakat zum Besinnungsweg weggerissen und es lag schmutzig auf dem Boden unter der Bank. Alfons hatte die passenden Utensilien dabei, um das Plakat zu retten, neu zu montieren und säuberte es mit Sprudel.

Toni:
Typisch Alfons, hat immer alles bereit. So konnten nun wieder alle Leute erkennen, dass ab hier ein besonderer Weg beginnt. Dann kam auch Annerose. Und wir bestaunten die Kreuze und waren begeistert von den schon gepflegten kleinen Plätzen und überall stand eine Bank zum Sitzen. Einfach toll.

Kim:
Da kann man Geisterfahrungen machen. Und wir waren so neugierig und wollten nun auch die Geschichte des jeweiligen Kreuzes oder Ortes erfahren. Doch da stand nicht alles, was uns interessierte, in der Datei, die wir per OR-Code öffnen konnten. Wer hat z.B. das Häusle mit Marienfigur mitten im Wald erbaut. Das hätte uns auch interessiert.

Toni:
Wir saßen lange im Wäldchen an diesem Ort, wo die Sonne so warm durch die Bäume blitzte, die Blätter der Bäume in tollem Grün glänzten. Und wir erzählten einander, was uns so alles beschäftigt.

Kim:
Ein feiner Weg war das, inspirierend. Und dann fuhren wir Richtung Göttelfingen zum Kreuzweg. Doch bis wir dort waren, dauerte es.

Toni:
Wir trafen wieder gefühlt 1000 Leute, die Alfons und Annerose kannten. Und die wussten dann auch die Geschichten, die uns beim Weg des Glaubens noch fehlten.

Kim:
Wir trafen eine Familie, die sich auf die Erstkommunion freut.

Toni:
Tolle Pfingstbegegnungen. Einander verstehen war da zu spüren.

Kim:
Na ja, bei solchen Zufallsbegegnungen fängt man ja auch keinen Zoff an, sondern macht small talk.

Toni:
Nein, Kim, das war schon mehr. Du hast doch auch genau hingehört. Und du hast sicher alle Zwischentöne in den kurzen Gesprächen wahrgenommen. Die Leute haben doch viel erzählt, was sie beschäftigt, wie sie gerade mit Begegnungen umgehen, was ihnen Sorge und was ihnen Freude macht.

Kim:
Du hast Recht. Und mich hat sehr berührt, wie wir alle einander verstanden und spüren konnten. Echte Pfingsterfahrung.

Toni:
Auf dem Heimweg haben Annerose und Alfons noch die Station zum Kritischen Spaziergang bei Claudia angeschaut.

Kim:
Ein rundum toller Pfingsttag war das.

Toni:
Das gibt Kraft und Mut für unsere große Reise demnächst.

 

23.05.2021 Pfingstsonntag

Kim und Toni sind schon bei ihren Reisevorbereitungen. Dabei überlegen sie miteinander, was ihnen wichtig ist mitzunehmen. Das Pfingstfest gibt ihnen Impulse, die sie gerne mit uns teilen.

Kim:
Ich bin schon ganz aufgeregt, wenn ich an unsere große Reise denke.  Noch nie waren wir soweit weg.

Toni:
Mir geht es auch so. Was glaubst du denn, was wir alles einpacken sollten?

Kim:
Den Kindern bringen wir Handtücher mit, T-Shirts, und den Mamas ein Parfum und ein Fotobuch von unserer Region.

Toni:
Das ist eine gute Idee? Und was brauchen wir beide? Was sollten wir nicht vergessen?

Kim:
Schau uns beide doch mal an! Alma und Alfred haben uns mit den wichtigsten Dingen, die wir brauchen, ausgestattet.

Toni:
Weisheit, Mut geben, Liebe, Gottvertrauen, Tatkraft, Rat geben, Engagement, Frömmigkeit. – Das sind total wichtige Eigenschaften.

Kim:
Das erleben wir auch hier in Ergenzingen. So viele Menschen engagieren sich hier für andere. Und sie versuchen einiges, damit mindestens kleine Begegnungen während Corona stattfinden können.

Toni:
Ja, heute zum Beispiel zieht der TUS mit einem Essenswagen durch unser Dorf und verkauft unter anderem Schupfnudeln.

Kim:
Hm, meine Lieblingsmehlspeise. Da müssen wir hin. Da hat ein guter Geist gewirkt, dass der TUS die Idee hatte.

Toni:
Ja, das machen wir auf jeden Fall. Dort treffen wir sicher einige unserer Kolpinggeschwister. Die machen ja zusammen mit der Kolpingjugend auch eine Pfingstaktion, die dann vier Wochen dauert. Sie laden zu einem „entrüstet unterwegs“-Spaziergang durch Ergenzingen ein. Dabei informieren sie kritisch auf Plakaten über Rüstungsexporte und stellen viele Fragen zum Nachdenken. Und sie bieten auch am 8. Juni – da sind wir beide leider schon weg – einen Bibelabend an mit dem Thema „Schwerter zu Pflugscharen“. Das ist so spannend.

Kim:
Da hat auch ein guter Geist gewirkt. Der Geist des Engagements, denn die Organisation des Spaziergangs ist dann ja schon ein kleiner Aufwand. Den Spaziergang machen wir auf alle Fälle. Ich bin schon gespannt auf interessante Gespräche unterwegs. O ja, das ist wichtig.

Toni:
Du, erinnerst du dich an den Markus. Der wurde gestern zum Ständigen Diakon geweiht. Claudia hat uns davon erzählt. Sie war auch zur Feier eingeladen, konnte jedoch nicht mit, weil sie die Maske nur ganz kurz tragen kann. Sie fand es sehr schade und war ein wenig traurig. Alfred hat uns nun davon erzählt. Ich hoffe, wir sehen den Markus noch, bevor wir abfliegen.

Kim:
Jetzt sind wir ganz abgekommen von den wichtigen Dingen zum Mitnehmen. Unbedingt dieses Gottvertrauen und den Mut. Wir fliegen ja in eine für uns total neue Kultur. Wir kennen Juliet und die Kinder nur von Fotos. Und wir können nur ein wenig Englisch. Und wir wissen nicht genau wie die Menschen in Ghana leben. Wir müssen erst einmal viel zuhören und kennenlernen, was ihnen wichtig ist und wie sie denken.

Toni:
Ich bin so gespannt, welche Erfahrungen wir machen. Doch weißt du, wenn ich mir Francis anschaue, wie er sich bei uns so gut eingelebt hat, dann schaffen wir das auch bei Claudias Freunden in Ghana. Ja, und mit Mut und Gottvertrauen und unserer Offenheit für neue Erfahrungen geht alles gut.

Kim:
Wir hatten schon eine Menge an Impfungen und jetzt noch die Covid-Impfung. Unser Körper hatte ganz schön viel zu verarbeiten.

Toni:
Geschadet hat es uns nicht. Und so sind wir jetzt auf der sicheren Seite.

Kim:
Und Engagement und Tatkraft nehmen wir auch mit. Wir haben uns ja vorgenommen, an den Schulen der Kinder ein wenig mitzuarbeiten. In der Küche und in der Mensa und im Schulkiosk. Ob wir die Kids auch verstehen werden. Sicher rufen sie „Obruni“ – „die mit der hellen Haut.“

Toni:
Wir werden dort schon ziemlich auffallen. Doch ich freue mich so riesig. Ich bin so gespannt. Doch jetzt bleiben wir die Pfingstwoche noch hier. Sicher bekommen wir wieder viel Besuch. Dann können wir uns auch ordentlich verabschieden.

Kim:
Toni, darf ich dir noch eine kleine Pfingstpredigt halten. Du weißt doch, wie gerne ich predige.

Toni:
Aber klar doch. Ich lausche deinen Worten.

Kim:
Ich glaube, Pfingsten ist in Fest der neuen Perspektiven. Wir feiern, dass Jesu Geist uns begleitet in guten wie in schweren Tagen. Besonders feiern wir heute unseren Auftrag, unsere Sendung, die Menschen in ihren verschiedenen Lebenssituationen zu stärken. Gerade in dieser Zeit, ist es sehr wichtig, nah zu einander zu kommen und uns gegenseitig zu stärken.  Wir sind auch eingeladen Brücken zwischen Menschen zu bauen – vor allem in Momenten, in denen uns die Angst und Ausweglosigkeit quält, in denen unsere Pläne und Träume ins Wasser fallen, in denen wir trauern und uns sorgen.

Toni:
Angst hatten ja so viele Menschen in den vergangenen Monaten. Ich kann es ihnen nicht verdenken. Diese Pandemie hat ja alles so durcheinander gebracht und keinen Stein auf dem anderen gelassen.

Kim:
Und deshalb glaube ich, es ist dieser Heilige Geist, der unser Leben und unsere Welt inspiriert und uns fähig macht, kreativ und kraftvoll Lösungen zu entdecken und immer neue Perspektiven zu finden. Angst und Trauer, Mutlosigkeit und Verzweiflung werden besiegt. Der Heilige Geist beschenkt uns seit Beginn unseres Lebens mit seinen Gaben. Er will uns führen und begleiten. Er hilft uns, in den vielfältigen Fragen des Lebens gute Wege und Entscheidungen zu finden. Wer sich Gottes und Jesu Geistkraft aussetzt und versucht, diese Kraft immer wieder zu erspüren, in dem kann sie sich voll entfalten.

 

16.05.2021 Schaut hin! – Zum Motto des 3. Ökumenischen Kirchentag 2021

Es könnte kaum passender sein für unsere Zeit – dieses Motto des dritten ökumenischen Kirchentags. Zwei Bibelstellen fallen mir dazu ein. Jesu „Kommt und seht“ und aus der Speisung der Vielen dieses „Kommt und seht nach“. Kim und Toni haben vom evangelischen Kirchentag gehört und unterhalten sich, was ihnen zu diesem Motto alles einfällt und weshalb sie es passend finden.

Kim:
Toni, hast du eine Idee zum Kirchentagsmotto?

Toni:
Klar, als Erstes fällt mir ein, dass die Kolpingsfamilie mit uns beiden durch Ergenzingen wandert, damit viele hinschauen. Viele sind neugierig auf uns und sie fragen immer wieder bei unseren Kolpinggeschwistern, was wir bedeuten.

Kim:
Ja, und wir werden ja auch immer wieder gefragt, weshalb wir hier an der Ecke sitzen. Ich denke an so viele gute Gespräche, die wir geführt haben. Viele freundliche Menschen kamen; manche haben sich auch ein wenig bei uns ausgelassen und waren etwas zynisch.

Toni:
Schaut hin! -  das Kirchentagsmotto passt doch total in diese Zeit. Wegsehen ist viel leichter. Doch da würde man es sich sehr einfach machen. Viele machen es sich einfach, indem sie wegsehen und nur ihre eigenen Sorgen im Kopf haben.

Kim:
Du bist ganz schön hart, wenn du so sprichst.

Toni:
Ja, manchmal bin ich sauer, wenn jemand nur an den Urlaub denkt, in den er nicht fahren konnte, oder daran, nicht ins Kaffee sitzen zu können oder shoppen zu gehen.

Kim:
Das gehört heute alles zum guten Lebensgefühl dazu. Doch ich gebe dir auch Recht. Jetzt war nun mal die Zeit des Verzichtens zugunsten der ganzen Welt und zugunsten all derer, deren ganze Kraft sich aufzehrt in der Pflege und medizinischen Versorgung der Kranken. Verzichten macht halt keinen Spaß.

Toni:
Weißt du, „schaut hin“ heißt auch besonders: Achtet auf das Gemeinwohl, schaut immer auf das große Ganze. Du kennst doch den Spruch: Global denken und lokal handeln. Wenn wir auf das Gemeinwohl achten, dann geht es vielen besser und uns somit auch gut. – Was hier in unserem Umfeld geschieht, hat Auswirkungen auf viel mehr Menschen als wir es uns vorstellen können.

Kim:
Toni, ich verstehe gut, was du meinst. Dennoch hoffe ich, dass wir nicht demnächst etwas von einer vierten Welle und einen nächsten Notlockdown hören müssen.

Toni:
Das möchte ich auch auf keinen Fall – auch, weil wir beide ja nach Pfingsten einen großen Plan haben. Wir wollen ja zu den Kolpingschulkindern nach Ghana fliegen und dort helfen.

Kim:
Schaut hin! Der Kampf zwischen Palästina und Israel geht mit diese Woche auch sehr nahe. Was geht in den Köpfen von Menschen nur immer vor, dass sie sich nicht darauf beschränken können, mit Worten zu kämpfen! Claudia hat uns von ihrer Israelreise erzählt und wie sie es jetzt empfindet, wenn sie im Fernsehen Bilder von bombardierten Orten sieht, die sie besucht hatte. Das blutet ihr Herz. Jahrzehnte dauert nun dieser Konflikt schon an.

Toni:
Ich hoffe, dass die USA nun vermitteln können. Und unsere Aufgabe hier ist es, gut informiert zu bleiben, und überall zu sagen, was es zum Frieden braucht – welche Haltungen da nötig sind.

Kim:
Und dann regen sich schon über eine Woche viele über den Tübinger Oberbürgermeister auf. Etwas vorlaut und spontan was raushauend in die sozialen Netzwerke – das ist oft etwas ungeschickt. Seine Partei hat nun genug von ihm und will ihn ausschließen.

Toni:
Ob das wirklich eine Lösung ist? Ich frage einfach mal, wenn es uns heute um dieses  „Schaut hin“ geht. Vielleicht muss man manchmal noch mehr um die Ecke denken, um Lösungen zu finden.

Kim:
Schaut hin! Der Koalitionsvertrag für unser Bundesland ist unterzeichnet Diese Woche wurde die Landesregierung vereidigt und hat ihre Arbeit begonnen. Schauen wir genau hin, wie sie ihre Versprechen erfüllen – und wie wir sie gegebenenfalls erinnern können, wenn wir etwas vermissen. Und schauen wir hin, wie wir unsere Anliegen wirksam an die Regierungsmitglieder weitergeben können.

Toni:
Genau darum geht es, dass wir dran bleiben du hinschauen auf das, was wir haben, auf das, was fehlt und auf das, was ziemlich falsch läuft.

Kim:
Ja, unsere Kolpinggeschwister haben ja wieder eine Aktion geplant. Und zwar machen sie ab Pfingsten aufmerksam auf die vielen Rüstungsexporte. Sie wollen informieren und zur Diskussion und Bewusstseinsbildung anregen. An 12 Stationen in Ergenzingen gibt es kleine Infoplakate. „Entrüstet unterwegs“ heißt das Motto des Stationenspaziergangs.

Toni:
Dieses Wortspiel passt ja total und das ist eine gute „Schaut hin“-Aktion.
Diskriminierung ist ja gerade auch ein großes Thema. Manche reden von Rassismus, andere von Diskriminierung. Jedenfalls nehmen die Nachrichten kein Ende. Und es ist gut, dass wir die Flagge dabei haben, die sich gegen Diskriminierung wendet.

Kim:
Schaut hin – könnte doch einfach bedeuten: Schaut nicht darauf, wie jemand aussieht, wo er oder sie herkommt, was er oder sie arbeitet, …, Vielmehr: Schaut auf den Menschen. Seht auf sein Herz. Seht seine Liebe. Seht sein Engagement.

Toni:
Da fällt mir nun logisch auch unser Aufregerthema um die Segnung gleichgeschlechtlicher Paare ein. „Liebe gewinnt“ ist das Motto der Segnungsgottesdienste, die gerade an vielen Orten stattfinden. Dass es um die Liebe geht, das wünsche ich mir, dass die  Kirchenleitung endlich auch einsieht.

Kim:
Sie müssen doch hinschauen und merken, dass man Segen nicht verweigern kann.

Toni:
Heute endet der ökumenische Kirchentag. Wir haben ja online einiges mitgemacht. Das tat uns gut. Und heute ist nun noch der Abschlussgottesdienst.
Schaut hin war ein tolles Motto. Schade, dass man nur online dabei sein konnte und sich nicht real begegnen. Das hat schon gefehlt.

Kim:
Schaut hin – geht ja weiter für  jede und jeden von uns. Es ist eine Woche vor Pfingsten. Da lohnt es sich, genau hinzuschauen und Gottes Heiligen Geist zu erahnen und zu entdecken, um dann Pfingsten zu feiern.

Toni:
Und jetzt freue ich mich auf die Maiandacht heute Abend. Da wird nämlich auch genau hingeschaut.

Kim:
Bis bald wieder.

 

13. Mai 2021 Christi Himmelfahrt: Gottes Bogen in den Wolken – der Himmel steht offen

Einen Augenblick steht der Himmel wieder einmal offen als Jesus in diesen aufgenommen wird. Immer wieder, wenn es um wichtige Ereignisse im Leben Jesu ging, stand der Himmel offen. Bei seiner Geburt, bei der Taufe im Jordan, bei der Verklärung, bei der Auferweckung und Himmelfahrt ... Alles, was wir sonst noch über Jesu Leben und Handeln erfahren, ist sozusagen der Kommentar. Wenn Jesus handelt, dann hält er den Himmel offen, es geht ihm immer um die Menschen, die Orientierung suchen, die geheilt werden, die ihren Weg suchen und finden möchten. Es geht immer um Gerechtigkeit für alle, es geht um Gemeinwohl, es geht darum, niemanden auszuschließen oder zu diskriminieren. Es geht um die Würde des Menschen unabhängig von sexueller Orientierung, Herkunft, Stand, Beruf. Darauf möchten wir heute gern an diesem Festtag das Augenmerk noch einmal lenken.

Kim und Toni sind heute noch etwas müde von ihrer Wanderung zu Alma und Alfred in den Mönchweg 62, deshalb gibt es heute noch kein neues Gespräch. Doch sie sind nicht müde geworden genau auf diese Botschaft aufmerksam zu machen. Auf diese Botschaft, dass dieser Jesus von Nazareth den Himmel offen hält für alle Menschen, dass der bunte Bogen Gottes über uns alle ausgespannt ist, über alle, die ihren Weg in Verantwortung füreinander gehen. Kim und Toni setzen sich weiter dafür ein, dass die Liebe gewinnt. Sie tragen den Regenbogen als Zeichen bei sich. „Liebe gewinnt“ – Unter diesem Motto fanden in dieser Woche an vielen Orten Segnungsgottesdienste mit gleichgeschlechtlichen Paaren statt. Diese Bewegung verstehen wir als geisterfülltes Zeichen innerhalb der Kirchen.

Feiern wir Christi Himmelfahrt als Fest des offenen und immer offenen bleibenden Himmels für alle Menschen guten Willens und für all jene, die sich von Gott gerufen wissen, diesen Himmel offen zu halten.

Der Himmel geht über allen auf,
auf alle über, über allen auf.
Der Himmel geht über allen auf,
auf alle über, über allen auf.
Wilhelm Willms 1974

 

Kim und Toni zum 6. Sonntag der Osterzeit – Muttertag und Europatag

Kim und Toni hatten diese Woche viel Zeit zum Nachdenken. Dabei beschäftigte sie der Muttertag und der Europatag. Sie hatten auch viel Besuch als der Regen aufhörte und die Leute wieder rausgingen.

Kim:
Diese Woche war ganz schön hart.

Toni
Oh ja, Frost so dass wir unsere Glieder kaum noch bewegen konnten. Dann kamen der Regen und der Sturm. Wir wurden fast weggeweht.

Kim:
Ja, das war schrecklich. Wir waren ganz schön durchnässt. Heute scheint wieder die Sonne für uns. Ein bisschen kühl ist mir trotzdem noch.

Toni:
Kim, hör auf zu jammern. Schau in den Himmel. Ist das nicht schön!

Kim:
Heute ist Muttertag. Es ist gut, dass es diesen Tag gibt.

Toni:
Der Muttertag ist wie ein wichtiger eye-catcher, ein Aufmerksammacher auf unersetzbar wichtige Rolle von Frauen in der Entwicklung von Kindern. Die Fürsorge der Mütter und natürlich auch der Väter stärkt Kinder und lässt in ihnen ein Grundvertrauen ins Leben wachsen.

Kim:
Wie viele geduldige Stunden verbringen Mütter am Bett ihrer Kinder, wie viele Stunden gemeinsam auf dem Spielplatz, wie viel Zeit bei Elternabenden. Und jede Mutter kennt nur allzu gut die Erfahrung, wie sich die Beziehung zu den Kindern verändert, wenn sie selbständiger und flügge werden, wenn sie immer mehr ihren eigenen Lebensraum erobern. Durch alle Konflikte hindurch: die Liebe bleibt, diese Verbindung zu der Frau, die uns geboren hat.

Toni:
Kim, du weißt ja, dass ich immer das Sonntagsevangelium lese. Da steht heute ein ganz besonderer Satz drin: „Es gibt keine größere Liebe, als wenn einer sein Leben für seine Freunde hingibt“, hörten wir Jesus sagen. In Familien geschieht so etwas im Idealfall permanent. Da verzichten Eltern für ihre Kinder auf eigene Freizeitgestaltung, sie setzen ihre Kraft für eine  gute Entwicklung des Kindes ein. Genau das ist Hingabe.

Kim:
Jetzt in der Coronapandemie war immer wieder zu hören und zu lesen, dass die Mütter wesentlich mehr belastet sind als die Väter. Es wurde deutlich, dass alte Rollenmuster plötzlich wieder eine Renaissance fanden: die Mutter da für Kinder, Küche, Haushalt, Einkaufen, Homeschooling und Homeoffice. Das moderne Familienverständnis wurde wieder fragil.

Toni:
Und gerade deshalb gebührt heute der Dank an alle Mütter, ob nun noch in der Familienphase oder betagt: Danke für eure Liebe und Selbstlosigkeit, danke für eure Hingabe, jede Zärtlichkeit, danke für jede Umarmung, danke für alles Aushalten an Grenzen. Danke.

Kim:
Toni, ich habe das Evangelium auch gelesen und da stand noch ein ganz mächtiger Satz: „Dies trage ich euch auf: Liebt einander!“ und „Wie mich der Vater geliebt hat, so habe auch ich euch geliebt. Bleibt in meiner Liebe. Das gibt Jesus seinen Jüngerinnen und Jüngern bis heute auf den Weg mit. Nach wie vor können wir sagen, dass Europa aus seinen christlichen Wurzeln lebt, auch wenn sich nur ein begrenzter Teil der Menschen ausdrücklich zum Christsein bekennt.

Toni:
Genau. Gegenseitige Wertschätzung und gegenseitiges Vertrauen sind zwei Säulen, auf denen das europäische Miteinander aufbaut. Am 9. Mai 1950 hielt der französische Außenminister Robert Schuman seine visionäre Rede, in der es um eine neue Form politischer Zusammenarbeit ging. Es ging ihm um ein vereintes Europa, in dem Kriege nicht mehr möglich wären und in dem wirtschaftlicher Zusammenhalt tragend sein sollte. Der Grundstein für die heutige EU war gelegt. Eine Wirtschaftsgemeinschaft war damals geplant.

Kim:
Jesu poetisch klingende Worte klingen in politische Sprache übersetzt natürlich nüchterner. Da geht es dann permanent um Themen, wie unsere Wirtschaftsgemeinschaft gut funktionieren kann, da geht es um soziale Gerechtigkeit für alle und um das Gemeinwohl. Es ist ein Akt der Liebe, gerechte Tariflöhne auszuhandeln für alle, die unsere Gesellschaft am Laufen halten, für alle, die mit großem Einsatz und wenig ausdrücklichem Dank Menschen pflegen bis an die Schmerzgrenze, die Regale einräumen und die niemand fragt, ob ihr Rücken schmerzt.

Toni:
Dann geht es ja auch um eine Wertegemeinschaft. Wenn sich alle auf die „Liebe“ berufen würden!

Kim:
Ja, die Liebe hält die Welt zusammen – die Große und unsere Kleine um uns herum. Davon bin ich überzeugt. Und ich bin auch davon überzeugt, dass hinter allem Guten letztlich die Liebe Jesu steht. Ich bin davon überzeugt, dass Gott unsere Welt in seinen Händen hält und auch irgendwie zusammenhält.

 

05. Mai 2021      Europatag

Das genieße ich schon ein wenig, dass der Europatag, der Jahrestag der Gründung des Europarates am 5. Mai 1949 in London mit meinem Wiegenfest zusammenfällt. Ziele dieses damaligen Zehnmächtepaktes waren vor allem der Schutz der Menschenrechte und die Sicherung demokratischer Grundsätze. Heute gehören dem Europarat 47 Staaten an. Zur EU haben sich 27 Staaten zusammen geschlossen.

Als weiterer Europtag gilt der 8. Mai als der Tag des offiziellen Endes des Zweiten Weltkrieges mit der Kapitulation der deutschen Wehrmacht – und Gott sei Dank der Tag des Endes des nationalsozialistischen Systems.

Unvergessen die visionäre Rede des französischen Außenministers Robert Schuman am 9. Mai 1950, in der es um eine neue Form politischer Zusammenarbeit ging. Es ging ihm um ein vereintes Europa, in dem Kriege nicht mehr möglich wären und in dem wirtschaftlicher Zusammenhalt tragend sein sollte. Der Grundstein für die heutige EU war gelegt.

Man kann sich nun aussuchen, ob an am 5., 8. oder 9.5. den Europatag feiern möchte.

Der Friede unter den Völkern erscheint immer wieder fragil. Manchmal rücken die Konfliktherde so nah und sind nicht nur irgendwo in der Welt. Sich für den Frieden unter den Völkern einzusetzen, das ist eine Aufgabe für jeden und jede von uns. Da können wir uns nicht heraushalten. Was kann ich beitragen zum Frieden in der Welt? Womöglich mehr als ich zunächst ahne oder wahrhaben möchte. Es geht, davon bin ich überzeugt, immer mehr als auf den ersten Blick klar wird.

Unsere Gesellschaft hat viele Hausaufgaben zu erledigen, das hat die Coronapandemie ungeschminkt ans Licht gebracht. Die vergangenen Monate haben auch gezeigt wie viel Kraft und Energie zum Aushalten einer Situation in uns steckt. Sie haben jedoch auch Engstirnigkeit gezeigt und ebenso viel Weitsicht. Möge uns vor allem der Weitblick und die Weisheit geschenkt sein, immer das Richtige zu entscheiden und zu tun. Jede und jeder von uns habt diese Gabe.

 

02. Mai 2021      Halbzeit auf Pfingsten zu

Kim:
Jetzt sind wir schon eine Woche bei Peter und Birgit und hatten viele Begegnungen.

Toni:
Ja, und ich hoffe, dass Birgit uns heute wieder an die Ecke stellt, nachdem sie uns für die Nacht zum 1. Mai zu sich auf die Terrasse eingeladen hat, damit wir gut ruhen können.

Kim:
Ja, ich habe wirklich nichts mitbekommen, dass es heute Nacht unruhiger war.

Toni:
Es ist schon lustig, wenn die Menschen neugierig schauen, was auf unserer Dose steht und dann reinschauen und sich gerne eine Süßigkeit mitnehmen.

Kim:
Das ist immer wieder nett. Du, ich möchte noch einmal das interessante Gespräch Revue passieren lssen, das wir diese Woche hatten.

Toni:
Da hat jemand den ersten Johannesbrief zitiert: „Gott ist größer als unser Herz und weiß alles.“

Kim:
Welche Weite drückt doch dieses Wort aus dem ersten Johannesbrief aus. Mit diesem Wort lässt sich befreit durch das Leben gehen. Gott weiß um den Zustand unserer Welt, unserer Gesellschaft, unserer Politik, unserer Kirche, um die Seelenregungen jedes einzelnen Menschen. Gott weiß um unsere Wertungen und Bewertungen von Menschen und Situationen, Gott kennt unsere Barmherzigkeit und unsere Unbarmherzigkeit gegenüber vielem, was uns stört. Gott weiß um die Grenzziehungen, die oft passieren, wenn jemand quer zu den eigenen Vorstellungen denkt oder sich verhält.

Toni:
Manchmal denke ich, dass es Gott ein Lächeln ins Gesicht zaubert, das uns sagen will: „Macht euer Herz weit, denkt groß von den Menschen und denkt groß von mir. Überlegt einmal, was euch die zu sagen haben, deren Stil und deren Vorstellungen ihr nicht mögt. Welchen Impuls geben sie euch? Stören sie euch, weil sie ein Teil dessen sind, was ihr in euch selbst kennt? Stören sie euch, weil ihr mit euch selbst nicht ganz im Reinen sind? Stören sie euch, weil sie auch nicht erreichen, was ihr erreichen möchtet?“

Kim:
Das sind keine moralisierenden Fragen, sondern Reflexionsfragen, die der Schreiber des Johannesbriefes uns implizit stellt.

Toni:
Wir haben gegenüber Gott Zuversicht – wörtlich aus dem Griechischen „Freimut“.Noch so ein traumtänzerischer Gedanke. Wer Gott so gegenübertritt, tut dies mit Mut und Stärke und einem großen Selbstbewusstsein.

Kim:
Wer so lebt, erwartet alles von Gott.

Toni:
So verstehe ich das auch. Das heißt dann, Gottes großes Herz spüren lernen und in allem sehen.

Kim:
Ja, die ganzen schwierigen Kirchenthemen würden dann vielleicht auch einfacher. Professorin Johannes Rahner und Bischof Oster haben ja ziemlich gestritten. Der Bischof hatte Johanna niedergeschmettert und ihre Worte so gedeutet, wie sie nicht gemeint waren.

Toni:
Ich habe gelesen, dass beide inzwischen miteinander gesprochen haben und eine Lösung gefunden. Ich glaube, da war Gottes größeres Herz und Gottes Geist im Spiel.

Kim:
Wenn man nur mit dem Thema „Segnung homosexueller Partnerschaften“ endlich auch den Weg des weiten Herzens Gottes gehen würde.

Toni:
Das wünsche ich mir sehr. Diese ganzen schwierigen Kirchenthemen stellen so sehr das von den Kirchenmännern beherrschte System in Frage. Wie sehr braucht es da das weite Herz Gottes.

Kim:
Und bei den ganzen gesellschaftlichen Fragen hier und den weltweiten Themen würde es auch befruchtend sein, mit den Augen und mit dem Herzen Gottes draufzuschauen.

Toni:
Wir gehen ja auf Pfingsten zu. Die frühe Kirche war ziemlich konfliktreich Das hat sich ja bis heute nicht zurecht geruggelt. Doch wenn ich die Apostelgeschichte lese und die Briefe in der Bibel, dann habe ich da immer den Eindruck, als würden die Menschen sehr nach Gottes Geist und seiner Wegweisung suchen.

Kim:
Toni, du empfiehlst uns also, Gottes Geist in die Mitte zu rücken und zu entdecken.

Toni:
Genau, das wünsche ich mir. Vielleicht können wir mit den Leuten, die diese Woche vorbei kommen, darüber sprechen.

Kim:
Gute Idee.

 

01. Mai 2021 Gerecht geht anders

Das ist der Titel eines Buches von Paul Schobel, dem Urgestein der Betriebsseelsorge. Am Vorabend zum 1. Mai 2021 war er online zu Gast bei der Kolpingsfamilie Ergenzingen. Unter den 23 Gästen des Abends waren Ortschaftsrats- und Gemeinderatsmitglieder, Kirchengemeinderäte und natürlich Kolpinger und Menschen, die von der kurzfristig ins Programm aufgenommenen Veranstaltung gehört hatten.

„Entweder lernen wir teilen oder das Licht geht aus“ ist nur einer der kernigen Worte von Paul Schobel, die sehr ins Bewusstsein bringen, worum es in der Gesellschaft, für jeden einzelnen bis hin zur Weltgemeinschaft geht. Solidarisch ist man nicht allein. Nur wenn wir die Güter der Erde miteinander teilen und jede/r das bekommt, was er zum Leben braucht, werden wir in eine gute Zukunft gehen, die nicht vom Kapitalismus, von Egoismus und Gier gesteuert wird. Denn die Gier frisst wieder auf, was erwirtschaftet wurde. Die Wirtschaft muss sozial, ökologisch und demokratisch sein, so das Fazit von Paul Schobel. Diese Kurzformel für eine gerechte Marktwirschaft speist sich aus dem Miteinander teilen, aus der Verantwortung für das Klima und den Schutz der Schöpfung sowie auf Mitbestimmung.

Mit seinem breiten Fachwissen ermöglichte uns Paul Schobel eine Zusammenschau über die Kernpunkte sozialer Gerechtigkeit, wie sie die Coronakrise offenbart hat. Wir brauchen eine neues Verhältnis zu vielen Aufgaben unserer Gesellschaft und zu vielen Problemen, die eine neue Lösung brauchen und den Abschied von scheinbar altbewährten kapitalistischen Denkweisen.

Als Kolpinger haben wir Verantwortung mitzumischen bei allen Veränderungen hin zu mehr Gerechtigkeit für alle.

Paul Schobel spricht heute bei der DGB-Kundgebung in Ludwigsburg. Online im Internet aufrufbar.

 

25.4.2021 Kim und Toni und der gute Hirte – Ein Impuls der Kolpingsfamilie zum 4. Ostersonntag

Kim:
Toni, das war heute gar nicht leicht, von Claudia wegzugehen und weiterzuziehen.

Toni:
Mir ist das auch schwer gefallen. Es war schön bei ihr unter der Tanne, Claudia hat mit uns geredet und es kamen so viele Leute vorbei.

Kim:
Doch hast du gesehen, wie Birgits Augen heute geleuchtet haben, als sie uns abholte. Sie freut sich echt, dass wir nun bei ihr sitzen.

Toni:
Und nur ein paar Meter weg von Claudia an der Ecke Edelmannstrasse/Starenweg.

Kim:
Ja, jetzt bin ich gespannt, worüber sich Peter und Birgit mit uns unterhalten. Und sie haben ja auch vor, dass sie uns eine Botschaft an unsere Kleidung anheften.

Toni:
Ja, wir haben ja gerade die Osterzeit und bewegen und Richtung Pfingsten. Das wird sicher spannend.

Kim:
Und aus vier Richtungen sehen uns hier die Leute. Das ist ein super Platz.

Toni:
Sei nicht so stolz.

Kim:
Doch ich bin schon ein wenig stolz. Ein Sonnenplatz ist es auch. Wir können hier so viele Menschen treffen.

Toni:
Ja, bei Claudia haben über 50 Leute ein Ei mitgenommen und die schöne Geschichte von den weißen Bändern am Apfelbaum.

Kim:
Das ist schon ein Erfolg gewesen. – Doch, Toni, morgen ist der sogenannte Gut-Hirten-Sonntag. Da geht es um Gottvertrauen und um Berufung und darum, sich einzusetzen für andere.

Toni:
Ganz schön anspruchsvoll. „Ich bin der gute Hirte“, sagt Jesus zu den Menschen. Und er erzählt ziemlich drastisch wie er das meint. „Der gute Hirt gibt sein Leben für die Schafe.“

Kim:
Das klingt ein wenig übertrieben. Du liest doch gern bibelwissenschaftliche Texte. Was stand denn diesmal da drin?

Toni:
Da stand drinnen, dass Jesus ganz schön übertreibt. Ein Hirte wäre zur Zeit Jesu nicht so weit gegangen, sein Leben für die Schafe zu riskieren. Der Schreiber des Johannesevangeliums wollte sagen, dass Jesu Bereitschaft, ganz für die Menschen zu leben, noch viel größer ist als die Bereitschaft eines Hirten, gut für seine Schafe zu sorgen.

Kim:
Ja, dieser Jesus war schon ein absolut beeindruckender Mensch. Manchmal sehne ich mich danach, ihn ganz original kennenzulernen.

Toni:
Da kann ich dich gut verstehen. Jesus muss so faszinierend gewesen sein und so das Leben vieler verändernd. Manchmal überlege ich dann auch, was die originale Begegnung mit Jesus in mir veränderte hätte, wenn ich ihn damals getroffen hätte.

Kim:
Ich vermute mal, dass dasselbe passiert wäre wie heute. Du hast Feuer gefangen und erzählst begeistert von hm und versuchst immer Gutes zu tun und die Welt ein wenig besser zu machen.

Toni:
Ja, die Kolpingleute helfen mir dabei. Sie haben einen Blick für das Gute.

Kim:
Also, dann lass uns mal neugierig sein auf die Menschen, die uns hier besuchen. Sicher sind einige unter ihnen, denen wir Gutes tun können – so wie es gerade passiert zur Spendenaktion mit dem Büchle „Kraut ond Riaba“.

 

Sonntag, 17.4.2021 Wenn es Liebe regnet, wünscht sich keiner einen Schirm – Kim und Toni - Ein Impuls der Kolpingsfamilie zum 3. Ostersonntag

Geht es Euch und Ihnen auch so? Diese Redeweise aus Dänemark zaubert einem sofort ein Lächeln ins Gesicht. Alle Sehnsucht nach Glück, alle Gefühle von Menschen füreinander, alle Suche nach Antworten, alle Hoffnungen auf die Erfüllung der tieften Wünsche, alles Ansinnen nach der totalen Erfüllung und Glückseligkeit des Lebens spiegelt sich in diesen poetischen Worten. Sie lösen ein großes Gefühl von Freiheit aus, von Beschwingtheit. Sie verleiht dem Leben Flügel. Man mag einfach nur noch Träumen und sich die ganze Welt voller Liebe und Liebeszeichen vorstellen.

Kim:
Wir reden noch ein letztes Mal unter Claudias Tanne, bevor wir zum nächsten Wochenende weiterziehen.

Toni:
Ja, es war hier gut sein. Viele Menschen waren hier mit ihren Geschichten.

Kim:
„Wenn es Liebe regnet, wünscht sich keiner einen Schirm.“ – Das ist schon ein tolles Zitat. Geht es dir auch so? Diese Redeweise aus Dänemark zaubert einem sofort ein Lächeln ins Gesicht.

Toni:
Sie lösen ein großes Gefühl von Freiheit aus, von Beschwingtheit. Sie verleiht dem Leben Flügel. Man mag einfach nur noch Träumen und sich die ganze Welt voller Liebe und Liebeszeichen vorstellen.

Kim:
O ja. Wenn es Liebe regnet, dann wirkt sie wie ein Schutzschirm über allem, über den Sorgen und trüben Gedanken, über allem Schweren und aller Einsamkeit, die man manchmal fühlen möchte.

Toni:
Ich erinnere mich, wie eine Nachbarin, die ihren Kater sehr umsorgt, uns erzählt hat, dass er uns von weitem immer anschaue, sich jedoch nicht in unsere Nähe traue. Irgendwie sind wir ihm nicht ganz geheuer.

Kim:
Ja, ich habe ihn auch immer wieder um die Ecke blitzen sehen. Doch ganz zu uns traute er sich nicht.

Toni:
Alle Sehnsucht nach Glück, alle Gefühle von Menschen füreinander, alle Suche nach Antworten, alle Hoffnungen auf die Erfüllung der tieften Wünsche, alles Ansinnen nach der totalen Erfüllung und Glückseligkeit des Lebens spiegelt sich in diesen poetischen Worten.

Kim:
Paul Gerhardt, der große geistliche Dichter, hat das einmal so beschrieben:
„Wer unterm Schirm des Höchsten sitzt,
der ist sehr wohl bedecket;
wenn alles donnert, kracht und blitzt,
bleibt sein Herz ungeschrecket.
Er spricht zum Herrn: Du bist mein Licht,
meine Hoffnung, meine Zuversicht,
mein Turm und starke Feste.“

Toni:
Der Schirm des Höchsten, das ist der Regen der unendlichen Liebe Gottes.

Kim:
Erinnerst du dich an die Geschichten, die Menschen mit uns an der Tanne geteilt haben?

Toni:
Kannst du dich an die ältere Dame erinnern, die öfters kam und meinte, dass wir hier jedes Wetter aushalten würden: Sonne, Regen, ein bisschen Schnee, Wind – Und wir würden uns nichts anmerken lassen, dass es manchmal ganz schön frostig ist. Sie hat jedes Mal ein Ei mitgenommen. Und unsere Apfelbaumversöhnungsgeschichte fand sie auch so toll.

Kim:
Und dann war da der alte Mann, der fünfzig Jahre mit seiner Frau verheiratet war. Kurz vor Ostern war sie gestorben. Er hat uns erzählt, wie sie jeden Tag ihres Lebens gemeinsam verbracht haben. Als sie alt geworden waren, hätten sie sich gegenseitig versorgt. Und sie hätten sich jeden Tag ein kleines Zeichen der Liebe geschenkt: einen Kuss auf die Wange, die Hände streicheln, durch das ergraute Haar streichen, eine Blume aus dem Garten hereinbringen. Ein Lächeln. Er meinte zu uns „Ich bin so dankbar. Und sie ist mir noch immer ganz nah.“

Toni:
Das berührt mich sehr. Und dann war die Tochter der Frau, die mit Mitte fünfzig gestorben war, hier. Sie war schwer krank, doch für die Tochter war es einfach viel zu früh, dass sie gehen musste. Sie standen einander sehr nahe. Sie hat uns Geschichten auf der Kindheit erzählt.

Kim:
Ja, da haben wir sehr mit ihr gefühlt und versucht, ihr ein wenig Trost zu geben.

Toni:
Und ich erinnere mich an die zwei Frischverliebten, die gar nicht voneinander lassen konnten. Eng umschlungen standen sie da und haben und erzählt, dass sie sich mitten in der Coronazeit bei einem Spaziergang zum Märchensee kennengelernt hatten. Es hätte gleich gefunkt.

Kim:
Wir hatten eine echt gute Zeit hier unter der Tanne.
Jetzt bin ich gespannt auf unsere nächste Station.

Toni:
Das wird wie ein kleiner Emmausspaziergang.  Es ist schön, dass uns Leute hier auch von ihren Ostererfahrungen erzählt haben. Das waren alles Liebesgeschichten.

Kim:
Wenn es Liebe regnet, wünscht sich keiner einen Schirm.
Ich bin gespannt, was wir weiter erleben werden.

 

Mittwoch, 14.04.2021 Kraut ond Riaba - Gedichte voller Humor und Lebensweisheit

Unsere Kolpingschwester Erika Grammer kennen viele vom jährlichen Theater und von ihren unzähligen Büttenreden und Gedichten bei den verschiedendsten Anlässen. Und dann kommt der Tag, an dem die Begegnung mit einer Illustratorin dazu führt, gemeinsam ein kleines Buch zu machen. Jetzt ist das Buch erschienen. Erika Grammer liest in der Andacht am 15.4., 18:30 Uhr in der Heilig-Geist-Kirche, "Wähle das Leben" einige ihrer Gedichte. Auch Conny Nagel ist dabei. - Dort können Sie das Büchle mitnehmen.

Kraut ond Riaba - so ist das Leben.
Kraut ond Riaba - die besondere Sicht auf das Leben und die besondere Ordnung des Lebens. 
Erika Grammer greift Anlässe aus dem Alltag, wie das Wetter, besondere Zeiten, wie Ostern, Jubiläen, und christlich-religiöese Überzeugungen und Werte in ihren Gedichten in Versen auf.  Sie tut dies tiefgründig und mit viel Humor. Das macht den Wert ihrer Texte aus: die Verbindung von Leben und der Deutung des Lebens.
Conny Nagel, im "normalen" Leben Kirchenrechtlerin aus Vorarlberg, hat die Sketchnotes - Bildgeschichten - gezeichnet.
Eine rundum gelungene Gemeinschaftsarbeit, die hier entstanden ist.
Die Kolpingsfamilie gratuliert.
Und wir freuen uns besonders, dass den Projekten, die die Kolpingsfamiilie unterstützt, die Spendeneinnahmen (15 €uro pro Exemplar) zu Gute kommen. Wir werden damit konkrete Nöte am Ort und drum herum lindern helfen und dann auch unser Schulgeldprojekt in Ghana unterstützen. Unser Blick geht in die Nähe und in die Ferne.
Wer das Buch gegen die Spende gerne haben möchte, kann sich an Erika Grammer oder Alfred Nisch wenden.

Sonntag, 11.04.2021   Kritische und unbequeme Geister stehen für Entwicklung – zu Joh 20,19-31

Der Tod von Hans Küng hat in dieser Woche viele berührt. In diesem Jahr 1980, in dem ihm die Lehrbefugnis entzogen wurde, war ich junge Theologiestudentin. Noch grün hinter den theologischen Ohren, doch auf die theologischen Diskussionen dieser Zeit absolut neugierig und diskussionsfreudig. Wir waren aufgebracht als Hans Küng, diesem großen Visionär, versagt wurde, seine wissenschaftlich begründeten Ansätze weiterhin an der theologischen Fakultät Tübingen zu diskutieren.

Hans Küngs Stimme wurde damit nicht zum Verstummen gebracht. Sein kritisch-theologisches Denken und seine Unbeugsamkeit, seine große Weite fanden Eingang in all seine Visionen einer versöhnen Christenheit, eines Friedens der Religionen und einer echten Gemeinschaft der Nationen.

Zweifel gehören zum Denken – hat Hans Küng einmal geschrieben. Welches Lebensthema, welche Lebensfrage lässt sich wirklich eindeutig und endgültig beantworten? Welches theologische Thema kann wirklich als in Stein gemeißelt nur eine Antwortmöglichkeit haben? Verändert sich unser Denken, unsere Einstellung, unsere Überzeugung nicht jeweils entsprechend dem, was auf uns zukommt und wie sich unsere Welt verändert? Die existentiellen Themen und Fragen kehren immer neu in immer neuen Kleidern zurück. Das Evangelium deutet das Leben auf immer neue Weise und Kirche muss sich auf immer neue Weise weiterentwickeln. Da können die Herausforderungen unbequem werden und die notwendigen Lösungen erst recht. Doch so geschieht Entwicklung auf Zukunft hin.

Zweifel gehören zum Denken – das war diesem Apostel Thomas aus dem heutigen Evangelium ebenfalls zu eigen. Hans Küng und Thomas wären einander sicher sympathisch gewesen. Ich jedenfalls mag diesen Thomas. Thomas nahm nicht einfach hin, dass andere ihm sagten, Jesus sei auferweckt – nein, diese Erfahrung wollte er am eigenen Leibe spüren. Er wollte die Zeichen sehen, die ihn überzeugten. Er war für seine Mitapostel, die gerade voller euphorischer Stimmung gewesen sind, unbequem. Er störte ihre gute Laune und ihr Hochgefühl. – Die junge Kirche damals kannte den Zweifel und sie kannte das tiefe Überzeugtsein, dass Jesus lebt, gleichermaßen. Sie hielt sich fest an ihrer Überzeugung und hatte immer zu ringen mit denen, die fragten und suchten, die Zweifel in den Alltag brachten. Durch alle Jahrhunderte bis heute tut sich Kirche und tun sich Gemeinden mit denen schwer, die sich kritisch, prophetisch, unbequem engagieren. Dass auch heute solche Christen zur Seite geschoben werden, hören wir immer wieder. Doch mit ihnen geschieht Entwicklung auf Zukunft hin.

Dieser Apostel Thomas könnte ein Vorbild für Gemeinden werden, die nach ihrer Zukunft suchen. Er könnte Vorbild für alle verbände sein, die ihre Aufgaben in einem veränderten Umfeld neu formulieren müssen. Denn er zeigt beide Seiten des Lebens: Suchen und Finden, Fragen und Antwort erhalten, Zweifeln und Glauben, Trauern und Hoffen. So geschieht Entwicklung auf Zukunft hin.

Einen gesegneten Sonntag.

Mittwoch 21. März 2021 »selig, die nicht sehen und doch glauben« 

Diese Verheißung aus Johannes 20,29 hat es in sich. Für den christlichen Glauben ist das zunächst einmal der Normalzustand. Während zwischen Palmsonntag und Karfreitag alles mit Händen zu greifen ist und sichtbar, wird es mit der Osterbotschaft schon schwieriger.

Einem leeren Grab Glauben zu schenken - ein Beweis für die Auferweckung Jesu ist das noch nicht wirklich. Was hält die Menschen damals dann doch so in Bann, dass sie sich aus ihrer Lethargie zurück holen lassen? Und was hält uns heute in Jesu Bann?

Karl Josef Kassing kommentiert den Vers aus dem Johannesevangelium mit einem kurzen Gebet: Herr, oft noch schwerer zu sehen und doch zu glauben. Damit meint er wohl all jene Situationen, die der Glaubwürdigkeit der Auferstehungsbotschaft so entgegen zu stehen scheinen.

Es lohnt sich, in diesen Tagen, den ganzen Weg Jesu mitzugehen, hinabzusteigen in seine Dunkelheit, um dann nach dem unerträglichen Nichts des Karsamstag diese Botschaft vom leeren Grab neu zu hören. Oder besser, die Erfahrungen der Menschen damals zu erahnen, um dann zu sehen und doch noch zu glauben.

28. März 2021 Palmsonntag 

Kim und Toni sind weiter gewandert zu Heather und Werner Staub. Dort haben sie sich gemütlich im Garten niedergelassen. Und es ist sogar noch ein Stuhl frei. Sie freuen sich auch hier wieder über Gäste, mit denen sie sich unterhalten können über die wichtigen Themen im Leben, und auch über Alltägliches und das, was einem gerade freut oder nervt oder was man einfach mal loswerden möchte.
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Impuls der Kolpingsfamilie zum 5. Fastensonntag 21.3.2021: Kim und Toni im Gespräch über „Worüber wir nicht schweigen können“

Kim und Toni sind unsere fiktiven neuen Kolpinggeschwister. Kim und Toni sind beides Frauen- und Männernamen. Das haben wir bewusst so gewählt. Kim und Toni sind zu unserer Kolpingsfamilie gestoßen, weil sie zwei wache Köpfe sind und gerne diskutieren. Sie hören genau hin und wollen die Feinheiten zwischen den Zeilen oder zwischen dem Gehörten erkennen. Sie finden, dass das oft die wichtigen Zwischentöne sind, die voranbringen. Heute diskutieren Kim und Toni über die Nachrichten der vergangenen Woche. Sie sind sich einig: „Darüber können wir nicht schweigen.“

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Mittwoch, 10. März 2021 : „Wir werden in ein paar Monaten wahrscheinlich viel einander verzeihen müssen.“

Am 25.4.2020 wurde Jens Spahn so zitiert. Er sollte Recht behalten, ist mein Eindruck. Viel Zeit ist seither vergangen. Die Stimmung ist etwas gekippt in der Akzeptanz der Coronamaßnahmen. Viele verstehen so manche Regelung nicht mehr. Viele sind ärmer geworden, während andere reicher wurden oder sich gar bereichert haben. Viele leiden unter den Nachwirkungen ihrer Covid 19-Erkrankung. Viele leiden unter Einsamkeit. Viele haben das versprochene Unterstützungsgeld nicht erhalten oder sollten es plötzlich doch unerwartet zurückzahlen. Viele sind am Ende ihrer Möglichkeiten und können nur noch kapitulieren. Viele haben einander Gutes getan und gleichzeitig ist an vielen Stellen die Stimmung aggressiver geworden, dann, wenn sich Menschen zur selbsternannten „Coronapolizei“ aufspielen, wenn sie maßregeln, oder wenn sie immer nervöser werden, weil die Einschränkungen kein Ende haben und sie noch immer nicht ihren „alten“ Alltag zurück bekommen. Verzeihen müssen bezieht sich auch auf die, die – kaum ist eine Lockerung in Sicht – gleich das Vertrauen in das Verantwortungsbewusstsein der Menschheit verlieren, und verkünden, dass in zwei Wochen die Zahlen wieder in die Höhe geschnellt sein werden. Man kann Wirklichkeiten auch erschaffen und provozieren, denn wenn man jemanden etwas nichtzutraut, weshalb sollte der vorab Verurteilte sich noch bemühen. Die Liste der Verzeihens-Themen lässt sich endlos verlängern: Welche Themen haben wir ausgeblendet oder gar vergessen? Welche Menschen haben wir vergessen? Wie global denken wir noch? Wen haben wir aus dem Blick verloren? …

Vielleicht gibt es ein ganz einfaches Rezept: Tue Gutes – ein Werk der Barmherzigkeit.
In heutiger Sprache gefasst, klingen die Werke der Barmherzigkeit so:

  • Ich höre dir zu
  • Ich rede gut über dich
  • Ich gehe ein Stück mit dir
  • Ich teile mit dir
  • Ich besuche dich
  • Ich bete für dich
  • Ich kaufe für dich ein
  • Ich tröste dich
  • …..

Wähle etwas für dich aus und mache Erfahrungen damit.

 

Aschermittwoch 18.2.2021 – Spielräume sehen und nutzen

Wer kennt das nicht – das Gefühl, in die Enge getrieben zu sein, zu spüren wie sich die Spielräume verkleinern, zu erfahren, dass nur noch wenige oder manchmal keine Möglichkeiten zu bleiben scheinen. Wie soll ich da noch handeln können, wenn es um mich herum immer enger wird!

Solche Erfahrungen habe ich etwa als Schülerin gemacht. In Chemie konnte ich mich lange durchmogeln, doch dann schlug die Stunde der Wahrheit – die alles entscheidende Klassenarbeit stand an. Eigentlich wollte ich mich gar nicht durchmogeln, ich hatte einfach einen Weg gefunden, wie möglichst wenig auffällt, dass mir Chemie gar nicht lag. Ich erinnere mich gut, auch wenn das schon viele Jahre hinter mir liegt.

Oder eine andere Erfahrung: eine Entscheidung mit mehreren Lösungen steht an. Manche Lösungen kommen nicht infrage – der Spielraum verkleinert sich. Doch dann auch das Überraschende: Bei anderen Lösungen öffnen sich gleichzeitig auch noch andere Türen und der Spielraum erweitert sich wieder. Das schafft Energie. – Vielleicht die Energie des kleinen Mädchens auf unserem Bild, das absichtlich oder unabsichtlich den Bus verpasst hat, und sich dadurch einen Freiraum – einen anderen Spielraum erobert. Jedenfalls sieht es  ganz danach aus

In der Bibel gibt es viele solcher Spielraumgeschichten. Da sind zum Beispiel die Hebammen Schifra und Pua, die auf Befehl des Pharao alle männlichen Neugeborenen töten sollen. (Exodus 1,15-20). Dem widersetzen sie sich. Die beiden Hebammen nutzen ihren Spielraum und behaupten, sie kämen immer zu spät, die ganze Geburt sei schon abgeschlossen gewesen. – Die beiden Frauen lassen sich nichts befehlen. Sie schützen Leben, weil sie sich dem Gott des Lebens verpflichtet wissen. „Schönheit und Glanz“ – zurecht haben ihre Namen diese Bedeutung.

Spielräume sehen und nutzen ist ein Thema für den Aschermittwoch und die Fastenzeit, weil ich anders als gewohnt auf mein Leben zu blicken beginne – nämlich mit der Perspektive „Spielräume“.

Welche Spielraumerfahrungen habe ich gemacht?
Welches Gespür habe ich für meine Spielräume? Erzähle eine Situation, in der du anders als erwartet reagiert hast. Wie hast du die gesetzten Grenzen erweitert? Maile uns deine Geschichte bis 24. Februar an hofrichter.kolping.ergenzingen(at)gmail.com – oder gib sie bei Alfred im Mönchweg ab.

 

Ein Impuls der Kolpingsfamilie zum Valentinstag: 14.2.2021
Heiliger der Zärtlichkeit

Wieder einmal fallen der Fasnetssonntag und der Valentinstag zusammen. Ich erinnere mich, dass ich vor vielen Jahren an eben einem solchen Sonntag eine Wort-Gottes-Feier hielt.  Fern einer Begabung im Dichten und nicht wirklich des Schwäbischen mächtig, bat ich eine Kolpingschwester um ihren besonderen „Liebesdienst“: Nämlich um das Vortragen des Evangeliums in Schwäbisch und eine kleine Auslegung dazu. Nachhaltig beeindruckend war dieser Gottesdienst. Heute noch erinnern sich Menschen in Ergenzingen daran.

Nachhaltigen Eindruck hat wohl auch dieser Valentin hinterlassen – dieser Christ, von dem nicht mehr als einige Legenden bekannt sind. Er gilt als Heiliger der Zärtlichkeit und der liebenden Herzen. „Der Legende zufolge soll sich St. Valentin von Terni während seiner Wirkenszeit auch über das Verbot des Kaisers hinweggesetzt haben, dass Soldaten nicht heiraten dürfen. Dem widersetzte er sich und verschenkte bei der Trauung Blumen. Daraus ging der Brauch des Blumenschenkens am Valentinstag hervor. Gesichert ist diese Legende nicht. Doch darauf kommt es nicht an. Es geht um den Kern dieses Tages: Nämlich darum, dass Liebende ihre Liebe im Blick haben und durch Zeichen und Gesten ihre Liebe vertiefen. Eine solche Geste sind die Blumen und die Herzen, die an diesem Tag verteilt werden. Unsere schon vertraute Illustratorin meiner Texte, Conny Nagel, hält uns einen ganzen Korb von Herzen entgegen.

Herzen sagen
- zeig mir deine Liebe und Zuneigung
- zeig mir, wer ich für dich bin
- halte mich und steh mir zur Seite
- ich will für dich da sein in guten und in schweren Tagen
- ich danke dir, dass es dich gibt
- ich danke dir, dass du bist wie du bist

Was möchtest du, was möchten Sie geliebten Menschen oder besonderen Freunden an diesem Tag der Herzen und der Zärtlichkeit gerne sagen?

Was uns Jesus zuruft, ist dies: „Ich bin bei Euch alle Tage Eures Lebens“. Welch eine Liebe und Zuversicht ausstrahlend.
Allen einen sonnigen und an Liebeszeichen reichen Valentinstag.

 

Sonntag, 7.2.2021   Von Komplimenten und anderen heilsamen Worten

Fishing for compliments – Diese Redewendung hat keinen guten Ruf. Menschen, die sich wünschen, dass man ihnen Komplimente macht, hätten ein geringes Selbstwertgefühl, sagt man. – Oh nein, oh nein, denke ich, nicht schon wieder solch ein Schubladendenken. Komplimente sind doch nichts anderes als anerkennende Worte. Sie würdigen etwas, was jemand sagt oder tut oder womit er oder sie positiv auffällt.

Ich liebe sie, diese Komplimente. Ich liebe es, wenn jemand zu mir sagt:

  • Was du vorhin gesagt hast, hat mit besonders gut getan.
  • Deine Kleidung steht dir super!
  • Ich bin gern mit dir zusammen, um mich mit dir zu unterhalten.
  • Ich spüre, dass du etwas bewegen willst in der Gesellschaft.
  • Dein kleiner Garten ist richtig schön geworden.

Meine Reaktion ist dann in der Regel ein Lächeln und ein Danke. Innerlich habe ich das Gefühl, ein paar Zentimeter gewachsen zu sein. Das ging mir auch diese Woche nach der Kolpingandacht zum Thema „Masken“ so. Eine Besucherin hatte für die Akteure ein kleines Geschenk mitgebracht und gesagt: „Das ist für euch, weil es mir gut tut, was ihr für uns tut“. Welch‘ ein Kompliment, das manche Unstimmigkeit vom Tag wegblies.

Komplimente mit Gesten und mit Worten kennen wir auch von Jesus. Eben dann, wenn er sich Menschen zugewendet hat. Da wird immer wieder in der Bibel erzählt, dass das heilende Kraft gehabt habe. Und es war dann sogar immer wieder so, dass Menschen zu Jesus kamen oder ihn zu sich einluden, um sich ausdrücklich ihr lebensheilsames Kompliment „abzuholen“ und schenken zu lassen.

So war es vermutlich auch mit der Schwiegermutter des Petrus. Das Gespräch zwischen der Schwiegermutter und Jesus ist uns nicht überliefert, nur die Geste kennen wir: Jesus nahm ihre Hand und richtete sie auf. Er gab den entscheidenden Impuls, dass sie wieder aufstehen konnte. Sie spürte ihre Lebenskraft wieder. Sie wurde heil durch die tiefe Zuwendung Jesu. Das war sein Kompliment für sie – für diese Frau, die wohl wie jede jüdische Frau damals die Sorge für das Haus trug und nicht auf würdigende Worte warten brauchte. Zu selbstverständlich waren ihre Aufgabe und ihr Dienst.

Und noch jemand sammelt Komplimente in dieser Geschichte – nämlich Jesus selbst. Plötzlich kommen alle Kranken der Stadt. Und am nächsten Morgen sagen seine Gefährten zu ihm „Alle suchen dich“. Das ist ja so ein Kompliment, das wir – das jeder und jede gerne hört. Aufmerksamkeit erhalten. Jesus wird sie manchmal zu viel und dann zieht es sich zurück. Auf die richtige Dosis kommt es an – bei jedem Kompliment. Und jedes Kompliment darf uns ein Ansporn sein, das uns Mögliche zu geben für eine Welt, in der wir gerne leben und in der Gerechtigkeit, Solidarität und Liebe vorherrschen.

In diesem Sinn: schauen wir, wem wir Komplimente machen können.

 

24. Januar  2021: Jona streitet mit Gott

Jona ist einer der bekanntesten Propheten im Alten Testament. Ja, der mit dem großen Fisch. Unter den Propheten des Alten Testaments ist Jona fast der Einzige, in dessen Buch nicht seine Predigten und Sprüche gesammelt sind. Von Jesaja, Amos, Jeremia sind uns eindrucksvolle, wortgewaltige Predigten überliefert. Die Predigt von Jona dagegen besteht nur aus einem Satz. „Noch vierzig Tage, dann wird Ninive untergehen“. Das war alles, was er sagte, und die Leute von Ninive kehrten um und glaubten an Gott. Das ist schon interessant. Und klingt so einfach.

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20. Januar 2021:
„Steht mit den Füßen auf der Erde und wohnt mit dem Herzen im Himmel.“
(Don Bosco)

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17.01.2020  Emotionale Beweglichkeit  - zu 1 Samuel 1,3b-10.19 und Johannes 1,35-42

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13.01.2021 Wer stillt in dieser schwierigen Zeit ihren Lebenshunger? Woher kommen die Kraft und der Segen,  den jede und jeder so notwendig braucht?

Ein Impuls zur Wochenmitte: pdf

1o.01.2021 Seid barmherzig - oder "Mit dem Herzen lachen" - Zur Jahreslosung 2021

Hier der Impuls zum Download: pdf

06.01.2021  Segen bringen - Segen sein

Segen bringen und ein Segen sein, das ist den Sternsingern ein Anliegen. Dieses Jahr sind sie mit verschiedenen Aktionen online unterwegs. Sie lassen sich von Corona nicht beeindrucken und bringen nun einfach „ANDERS“ den Segen und bitten um eine Spende für Kinder in Not.

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03.01.2021  Geh unter der Gnade

Wie kann ich mein Leben verstehen? Unter welchem Leitstern möchte ich das Jahr 2021 angehen und leben. Darum geht es in diesem Hausgebet.

Hier das Hausgebet zum Download: pdf

30./31.12.2020   Sag ja zu den Überrachungen - ein Jahresrückblick und -ausblick

Ein Jahr der Überraschungen geht zu Ende. Welchen Blick werfe ich darauf? Welche Deutungen finde ich als Christ, als Christin? Meine Zeit steht in Gottes Händen, resümiert dieses Hausgebet.
Hier das Hausgebet zum Download: pdf

27.12.2020    Hanna und Simeon am Fest der Heiligen Familie

EIn Hausgebet für heute: pdf

 

24.12.2020       Weihnachten: Zerreiß deine Pläne

Zerreiß deine Pläne. Sei klug
Und halte dich an Wunder.
Sie sind lang schon verzeichnet
im großen Plan.
Jage die Ängste fort
und die Angst vor den Ängsten.

(Mascha Kaleko)

Eine Werbemail hat mir diese Gedanken von Mascha Kaleko zugespielt. Sie sind ihrem Gedicht „Rezept“ entnommen. Es passt zu diesem vergangenen Jahr und auch zu diesem Weihnachtsfest, am dem unsere Planungen durch den vollen Lockdown zunichte sind.

Das ist der eine Blick auf diese Welt. Vieles, was wir für dieses Jahr geplant und uns vorgenommen hatten, zerplatzte wie eine Seifenblase. Stattdessen waren wir konfrontiert mit Covid 19, dem Virus, das auf nichts und niemanden Rücksicht nimmt, das keine Pausen einlegt und zuschlägt, wo und wie es will. Selten waren wir so verunsichert.

Wenn ich in diesem Jahr Menschen zufällig begegnet bin, an ihnen in der Stadt – oder mehr noch auf den Feldern – vorbeigelaufen bin, habe ich immer wieder überlegt: Was bewegt sie wohl gerade, was beschäftigt sie in ihren Gedanken?

Die Frau mit den vielen Falten: Sind es Sorgenfalten oder Zeichen der Reife des Lebens?
Die Mutter mit dem Kinderwagen: Freut sie sich einfach an ihrem Kind oder beschäftigen sie mehr noch die Ängste um die Zukunft?
Den Mann mittleren Alters, von dem ich weiß, dass Covid 19 für ihn lebensbedrohlich war: Kann er die Angst vor den Ängsten verjagen? Oder hält ihn die Erkrankung auch danach noch in Bann?

Mascha Kaleko kannte die dunklen Stunden. Sie hat am eigenen Leib erfahren, wie es ist, wenn Pläne und Träume unter den Fingern zerrinnen. Und genau sie ist es dann, die dem Wunder die Hände entgegenstreckt. Sie empfiehlt uns als klugen Schachzug des Lebens, die eigenen Pläne zu zerreißen, sie nicht zu ernst zu nehmen, zu ahnen, dass es Größeres gibt.

Das feiern wir an Weihnachten. An dieses Wunder des Größeren können wir uns halten, um nicht mehr haltlos zu sein. An dieses kleine Kind in der Krippe können wir uns halten und unsere Ängste und die Angst vor den Ängsten verjagen.

Dieses kleine Kind wurde für die Welt zum größten Wunder, so glauben wir es als Christen und als Kolpinggeschwister.

Im diesem Sinn gesegnete Weihnacht und `s Chreschtkendle ens Herz.

20.12.2020       Der britische Weihnachtsbaum kündigt Jesus an 

In der vergangenen Woche habe ich in der Höllsteigstraße in Ergenzingen einen britischen Weihnachtsbaum gesehen. Knallbunte Lichter leuchteten mir entgegen und viele Päckchen lagen unter dem Baum. Der Anblick verzauberte mich sofort und meine etwas trüben Gedanken waren verflogen.

Heather und Werner erzählten mir dann, dass Heather diese Tradition aus ihrer Heimat Nordirland mitgebracht hatte. Ich wusste, dass die Menschen auf der Insel viel früher als wir es gewohnt sind, den Weihnachtsbaum aufstellen. Doch ich kannte die Geschichte nicht. Die vielen bunten Lichter sind die Vorboten der Weihnachtsfreude. In der Adventszeit werden Besuche bei Freunden und Verwandten gemacht, Geschenke gebracht und unter den Baum gelegt. Mich erinnert das an das größte Geschenk Gottes an die Welt: nämlich die Geburt Jesu. Die Verkündigung Jesu an Maria wird uns an diesem 4. Advent noch einmal verkündigt (Lukas 1,26-38). Wie passend. Die Geschenke unter dem Christmas tree und das Warten auf’s Auspacken sind wie ein Gleichnis auf unser Warten auf die Feier des größten Geschenkes Gottes an die Welt: Jesus. Lukas kündet dieses Kind an als denjenigen, auf dem alle Erwartungen der Menschen damals ruhen.

Mit dem Baum und den Geschenken ist diese Tradition noch nicht zu Ende erzählt: Es werden eine Milliarde Weihnachtskarten aufgehängt. Auch sie sind Boten der Weihnachtsfreude und der Gabe Gottes: Menschen wünschen sich Segen und Gutes und schreiben dies einander auf altmodische Art und Weise und sie hängen es sichtbar als Zeugnis für diese heilbringende Botschaft auf. Wie gelungen.

Und wie immer bei Traditionen gehört auch ein wenig der Mythos dazu. Man hängt auch einen Mistelzweig auf. Wer darunter steht, dem könnte dies einen Kuss bescheren. Zur Deko gehören dann noch Stechpalmenzweige, Efeu und Lorbeer. Für sie gilt: richtig angewendet entfalten die zum Teil giftigen Pflanzen ihre Heilkraft für uns Menschen.

Übrigens war es Prinz Albert, der deutsche Ehemann von Königin Viktoria, der den Weihnachtsbaum auf die Insel mitbrachte.

Allen einen gesegneten 4. Advent.

 

16.12.2020       Ungewissheitstoleranz

Dr. Jutta Heller ist Beraterin und Trainerin. Sie versteht sich als Expertin für Veränderungskompetenz. Als solche hat sie den Begriff der Ungewissheitstoleranz mit geprägt. Sie meint damit die menschliche Fähigkeit, Mehr- und Vieldeutigkeit von Situationen als Bereicherung zu empfinden anstatt als Bedrohung. Konkret heißt das: Wie schaue ich auf die Welt, so dass es mir gut tut? Verstehe ich das, was von mir erwartet wird, ist es für mich handhabbar, ist es sinnhaft?

Das ist ein anspruchsvoller Weg, doch er scheint mir sehr zielführend zu sein gerade auch im Umgang mit der Coronapandemie. Genau da brauchen wir ja diese Ungewissheitstoleranz, denn täglich sind wir auf irgendeine Art und Weise verunsichert, blockiert, genervt von immer neuen Nachrichten und Maßnahmen ohne Ende. Vielleicht muss man von Ende der Pandemie her denken, um die Perspektive zu wechseln. Immerhin steht der Impfstoff schon vor der Tür, vor einigen Monaten waren wir noch weit weg davon. Ausgangsbeschränkungen untertags, doch kein Verbot sich draußen aufzuhalten, kein Verbot, auch einmal jemanden zu treffen mit der gebotenen Umsicht.

Nein, ich denke nicht, man muss sich mit den kleinen Möglichkeiten zufrieden geben. Ich möchte allerdings nicht den Blick für das ganze verlieren. Ich möchte das Ziel im Auge behalten: Wir werden es schaffen, die Pandemie zu besiegen, wie werden unsere Wirtschaft wieder im Aufwind sehen, wir werden wieder reisen, die Senior/innen werden wieder unbegrenzt Besuche empfangen können, keiner wird mehr allein sein müssen, wer in existentielle Not geraten ist, wird auch wieder aufatmen können.

Die Veränderungen, die Corona unserer Gesellschaft und jedem einzelnen beschert hat, als Bereicherung zu verstehen, ist nicht jeden Tag leicht und ich habe auch nicht immer Lust darauf. Doch es scheint mir der einzige Weg, um aufrecht aus der Pandemie zu kommen, wenn wir die Ungewissheitstoleranz uns zumuten und sie einüben.

09.12.2020     "Das Ärgerliche am Ärger ...

ist, dass man sich schadet, ohne anderen zu nützen." Kurt Tucholsky hat so gedacht und es vermutlich so selbst erfahren. Das ist eine Einladung zu überlegen, wie wir mit Ärger und Enttäuschungen umgehen. Gehen sie einem zu sehr zu Herzen, dann schaden sie nur einem selbst. Ärger braucht eine gute Kommunikation. Schweigen schadet allen, die um den Ärger wissen.

In diesem Coronajahr gibt es viele Aufreger, vieles, was Menschen ärgert. Kann ich daran etwas ändern durch einen Haltungswechsel. Das ist dann die Frage.

 

06.12.2020       2. Advent: Kolpinggedenktag und Nikolaustag

Nikolaus und Adolph Kolping waren Propheten ihrer Zeit und sie sind es bleibend für uns heute. Für uns als Kolpingsfamilie buchstabieren wir heute Kolpings prophetisches Erbe:

Liebe Schwestern und Brüder Jesu, liebe Kolpinggeschwister,

„was erwartest du vom Leben“ – das hat mich ein Freund vor etwa zwei Wochen gefragt. Wir saßen gemütlich bei einem Glas Wein. Und dann aus dem Nichts diese Frage. Ich war überrascht. Doch wie gut, dass er diese Frage gestellt hat. Denn von Zeit zu Zeit ist es gut, zu reflektieren und nachzudenken, was mir wichtig ist im Leben, was mich ausmacht – eben, was ich vom Leben erwarte. Ich glaube, damit bin ich in guter Gesellschaft mit vielen Menschen. Und es gibt wohl in diesem Jahr niemanden, der nicht mindestens eine Erwartung für dieses Leben hatte – nämlich, dass Corona verschwindet.

Doch hinter diesem „Was erwartest du vom Leben“ steckt viel mehr. Da geht es um meine gesamte Lebenshaltung und Lebensperspektive, um das, was man einmal von mir erzählen soll, um das, was von mir bleiben soll. An meinem runden Geburtstag in diesem Jahr habe ich Freunden gesagt, dass man einmal von mir sagen soll „Sie hatte ein weites Herz“. Dahinter steckt natürlich eine Menge an Erfahrungen und eine Menge an Hoffnungen.

Was erwartest du vom Leben? Adolph Kolping kannte diese Frage. Er hat sie sich gestellt und er hat sie vielen jungen Menschen – damals den Gesellen gestellt. Denn er lebte in einer Zeit der großen Veränderungen, der Ungerechtigkeit auf vielen Ebenen der Weltbühne. Für viele wurde er zum Weltveränderer, weil er Perspektiven aufzeigte. Darin liegt seine prophetische Dynamik.

Was erwartete Kolping vom Leben? Welches Erbe vertraut er uns an?
Eine erste prophetische Perspektive klingt mit seinen Worten so:

„Alles in der Welt, was man treibt, das muss ein Ziel haben, muss ein sicheres, festes Ziel haben, denn der, der planlos, toll und blind in die Welt läuft, ist ein Narr. Aber man muss mehr das Ende bedenken als den Anfang, denn wer das Ende bedenkt, der ist weise; wer aber bloß um den Anfang fragt und nicht nach dem Ende, der verrät, dass er keinen Verstand hat“ (KS 3, 265).

Adolph Kolping spricht gerne Klartext, ohne Schnörkel. „Alles in der Welt, alles, was man treibt, muss ein festes Ziel haben“ – ist das nicht eine Zumutung. Es ist unbequem, was er da sagt. Nichts mit Müßiggang! Bei Kolping nicht vorgesehen!

Was wären heute Kolpings und damit unsere Themen? In unserer Gesellschaft und in der ganzen Welt erleben wir in der Politik gerade unzählige Situationen, in denen die Lösung – oder auch Erlösung aus dem Dilemma gesucht wird. Wie reagieren, wenn Menschen in anderen Ländern unterdrückt werden und sich nicht frei bewegen können, weil es die Regierenden verhindern. Wie die Stimme für Freiheit aller Menschen erheben? Wie einstehen für die Geflüchteten in den Flüchtlingslagern? Wie den Finger in die Wunden legen, damit berechtigte Erwartungen angegangen werden können? Und dann immer wieder: Wie mit Corona und anderen Viren in Zukunft leben lernen? Wie mit den Folgen umgehen? Gerechtigkeit ist Gottes Weg mit uns. Für Kolping ist es klar, dass Klagen und Jammern nicht weiterbringen, sondern Nachdenken, Lösungen finden, Entscheiden und zielorientiert Handeln.

Was erwartete Kolping vom Leben? Welches Erbe vertraut er uns an?
Eine zweite prophetische Perspektive:

„Befolget die Lebensregel des heiligen Ignatius: ‚Bei allem, was du tust, arbeite so, als ob der Erfolg einzig von deiner Bemühung abhinge; erwarte aber diesen Erfolg so ganz von Gott, als ob du von deiner Seite gar nichts tun könntest.‘ Das heißt, verbindet mit der eigenen Anstrengung, mit dem Aufgebot aller Kräfte das unbedingteste Gottvertrauen. (KS 4, S.56)

Welch‘ ein Superlativ – unbedingtestes Gottvertrauen bei allem, was wir tun. Kolping lenkt unseren Blick am heutigen Sonntag auf den Propheten Jesaja, der uns genau dieses „UNBEDINGTEST“ mit auf den Weg gibt. „Bahnt den Weg des Herrn, ebnet eine Straße in der Steppe für unseren Gott“ (Jes 40,1-5.9-11). Wie Jesaja spürte Adolph Kolping sehr genau die Not der Menschen. Er spürte den Umbruch in der Gesellschaft. Er spürte, wie empfindsam die Menschen auf die Veränderungen reagierten und wie sehr sie herausgefordert waren. Er sah, dass Blindheit für die guten Wege und offensives Vorangehen zum Guten nahe beieinander liegen. Kolping rüttelte auf. Er tat es in der absoluten Überzeugung, dass das Christentum Richtschnur für ethisches und gesellschaftliches Handeln sein musste. Mit aller Kraft rüttelte er auf und unumstößlich setzte er sich ein für die Menschenwürde, für Gerechtigkeit und die Erkenntnis der Gottebenbildlichkeit jedes Menschen. Dazu gehört dann heute die Frage „Wer bekommt den Coronaimpfstoff wann und zu welchem Preis auf dieser Welt? Kolping hatte einen langen Atem, um Steine im Weg wegzuräumen.

Was erwartete Kolping vom Leben? Welches Erbe vertraut er uns an?
Eine dritte prophetische Perspektive:

„Tue Gutes, wo Du kannst ohne Ansehen der Person, und wer der Hilfe bedarf, wo Du sie leisten kannst, der ist Dein Nächster“. (KS 4, S.224)

„Soweit Gottes Arm reicht, ist der Mensch nie ganz fremd und verlassen. Und Gottes Arm reicht weiter, als Menschen denken können“. (VK 1857, S. 94)

Gott umarmt uns mit der Wirklichkeit. Das berührt mich sehr. Daraus zu leben und daran zu glauben, ist eine Alltagsaufgabe – jeden Tag neu. Da geht es dann um beherztes Nachdenken über den Klimawandel und um eine Wertschätzung etwa der Fridays for future-Bewegung. Da geht es dann im kommenden Wahljahr darum, sich einzumischen in die politischen Themen und Diskussionen und den Politikern und Politikerinnen den Rücken zu stärken oder ihnen auch einmal die Leviten zu lesen. Da geht es um die große Achtsamkeit füreinander wie wir sie neu gelernt haben in der Coronapandemie. Da geht es um gute Arbeitsbedingungen und gerechte Entlohnung für alle in Pflegeberufen und vielen anderen Berufen; da geht es um die Daimlermitarbeiter, die ihrem Arbeitgeber diese Woche 50.000 Unterschriften übergeben haben, weil sie in Sorge sind um ihren Arbeitsplatz.

Da geht es darum, jeden Tag neu etwas für das Handeln zu lernen. In dem, was um uns herum geschieht, in dem, was uns an Herausforderungen und Aufgaben gestellt ist, erkennen wir unseren prophetischen Auftrag in unserem Leben, in der Gesellschaft. Dann können wir wie die Botin der Freude aufschauen und allen zurufen: „Fürchtet euch nicht; siehe, da ist euer Gott“.

Was erwartete Kolping vom Leben? Was erwarte ich vom Leben? Ich habe mich dann selbst weiter gefragt: „Was haben meine Erwartungen aus mir gemacht? Wie haben sie mich verändert?“ Was ich auf jeden Fall sagen kann, ist das: Sie haben mich unruhig gemacht und sie lassen mich immer wieder spüren, dass prophetisches Handeln – meines und unseres als Kolpingmenschen einen langen Atem und unendliche Geduld und Gelassenheit braucht. Und den Glauben, den ein Adventslied so ausdrückt: „O Herr, wenn du kommst, wird die Welt wieder neu. Denn heute baust du dein Reich unter uns“. Amen.

Claudia Hofrichter

02.12.2020         „Begegne dem, was auf dich zukommt, nicht mit Angst, sondern mit Hoffnung.“

Mit dieser Haltung hat der Ordensgründer Franz von Sales gute Erfahrungen gemacht. So etwas kann man sagen, wenn man im Rückblick gesehen gespürt hat, dass die Angst keine gute Ratgeberin ist, sondern stets die Hoffnung, dass es weitergehen wird und ein Licht am Ende des Tunnels sichtbar werden wird.

Diese Erfahrung hat mir in diesem Jahr, das als Coronajahr in die Weltgeschichte eingehen wird, geholfen. Was wird noch alles auf mich zukommen? So habe ich im Frühjahr gefragt. Zuerst mein Herzinfarkt und dann Corona. Beides zusammen war mir eigentlich genug.

Was wird dieses Jahr alles für mich bereithalten?  
Wie wirst du, Gott, dich darin zeigen?
Welche Erfahrungen willst du mir ermöglichen?

So zu fragen, tut mir gut. Denn da spüre ich genau diese Perspektive der Hoffnung – meine Suche nach Tiefe und Weisheit, meine Sehnsucht nach einem Leben, von dem ich immer sagen kann, dass es gelingt, dass es mich reifen lässt und stark macht.

 

29.11.2020         1. Advent            Im Wartestand – zu Markus 14,24-37

Der Advent versetzt uns in den Wartestand. In diesem Jahr brauchen wir uns kaum auf das Warten einstellen, denn wir haben es gut eingeübt. Wie oft haben wir in 2020 gedacht und ausgesprochen „Wann ist diese Pandemie endlich vorüber“. Aufgeatmet hatten wir in den Sommermonaten, um uns dann im Herbst wieder an strengere Maßnahmen zur Eindämmung des Virus zu gewöhnen. Seit dem Frühjahr sind wir im Wartestand. Zuviel warten macht keinen Spaß mehr. Und jetzt haben wir Christen noch einen Wartestandsposten aufgetischt.

„Warten auf Weihnachten“. Noch nie hatte ich so sehr das Bedürfnis, bereits am 1. Advent einen festlich geschmückten Wohnraum zu haben. Selten habe ich mit so vielen Sternen und Lichtern dekoriert wie jetzt. Ich sehne mich so sehr nach dem Licht von Weihnachten. Doch erst mal noch warten und den Adventsweg mitgehen. Diesen Weg im Wartestand gehen, diese Zeit, in der wir genau hinschauen, was wir vom Leben erwarten, was wir von Gott erwarten.

Wer wartet, wünscht sich Zeichen, dass das Warten ein erfülltes Warten ist. Das Evangelium vom Feigenbaum, spricht von einem Zeichen: „Wenn die Zweige des Feigenbaums saftig werden und Blätter treiben, erkennt ihr, dass der Sommer nahe ist“. Begeben wir uns in diese Wartezeit, entdecken wir die Zeichen der Erfüllung unserer Sehnsucht und Hoffnung; entdecken wir die Zeichen, die uns Jesus als DEN Lichtbringer für uns und die ganze Welt immer wieder erkennen lassen.

Mich hat ein Freund vor einigen Tagen gefragt, was ich vom Leben erwarte. Diese Frage traf mich unerwartet und überraschend. Wie gut, dass er sie gestellt hat! Von Zeit zu Zeit braucht es diese Reflexion. Gern nehme ich die Frage mit in diese Adventszeit und lasse mich überraschen, was ich alles entdecken werde.

Ich wünsche allen einen gesegneten Advent, Staunen über die Adventsfenster und die vielen anderen Dinge, die in unseren Gemeinden initiiert worden sind, um Sie und Euch durch diese Tage zu begleiten.

Claudia Hofrichter

25.11.2020         Man muss der Zeit Zeit lassen

Papst Johannes XXIII hat so gedacht. Solche Sätze sagt man erst in reiferem vorgerückten Alter, denke ich. Denn es gehört eine Portion Lebenserfahrung dazu, in der sich eine solche Gelassenheit entwickeln kann. Der Zeit und den Dingen, die wachsen und reifen wollen, Zeit lassen. Dieser Gedanke scheint aus der modernen Welt mit ihrem „immer schneller“ eher hinausgefallen zu sein. Der Zeit Zeit lassen, darum geht es auch in diesen Coronamonaten – es bleibt uns nichts anderes übrig: es brauchte Zeit, das Virus zu durchschauen; es brauchte Zeit einen Impfstoff zu entwickeln; es brauchte Zeit, sich mit den immer neuen Verhaltensregeln zu arrangieren. Und auch heute, am Tag der Entscheidungen über die nächsten Wochen, laufen unsere Herzen bereits am frühen Morgen Sturm, weil wir gern ausbrechen möchten.

Doch es hilft nichts: der Zeit Zeit lassen heiß jetzt durchhalten, das Herz in die Hand nehmen und sagen „Augen zu uns durch“. Nein, ich nehme alle Gefühle sehr ernst. Ich spüre wie sehr mir ein Stück Pragmatismus hilft. Und meine Gedanken sind bei all denen, die unter der Pandemie besonders leiden und das sind viele. Sie brauchen unsere Solidarität, nicht unser Murren.

Gott schenke uns Gelassenheit, um der Zeit Zeit lassen zu können.

 

21.11.2020         Alles, was zählt – Christkönigsonntag 2020 – Zu Matthäus 25,21-46

„Nicht alles, was man zählen kann, zählt auch. Und nicht alles, was zählt, kann man zählen.“ Der große Albert Einstein dachte so von der Welt. Das Christkönigsfest hat für mich etwas von Zähltag. Das Evangelium jedenfalls tut genau das. Es beschreibt, was zählt auf dieser Welt. Da wird nicht gerechnet, wieviel Geld und Gold jemand besitzt. Da wird nicht gerechnet, welche Leistungen und welche Produktivität jemand vollbracht hat. Da wird nicht gerechnet, wie viel Ehren jemand zu teil wurden. Alles, was zählt ist die Nächstenliebe. So beschreibt es Jesus. Und er zählt auf, wie er das meint: Fremde aufnehmen, Nackte bekleiden, Kranke besuchen, Gefangene befreien.

Dazu haben wir genug Gelegenheit. Jeden Tag begegnen uns Menschen, denen ihre Not ins Gesicht geschrieben steht. Jeden Tag begegnen wir Menschen, denen unser Lächeln guttut oder ein Kärtchen, das wir schreiben und in den Briefkasten werfen, oder den Einkauf, den wir für jemanden tätigen.

Die christliche Tradition nennt dieses „Alles, was zählt“ „die Werke der Barmherzigkeit“. Und Jesus deutet das alles auch noch so: Wer die Nächstenliebe lebt, der lebt diese Liebe ihm selbst gegenüber:

„Ich war fremd und ihr habt mich aufgenommen;  
ich war nackt und ihr habt mir Kleidung gegeben;
ich war krank und ihr habt mich besucht;
ich war im Gefängnis und ihr seid zu mir gekommen.“

Die Menschen, denen er das sagte, konnte das kaum fassen und hakten nach:

Dann werden ihm die Gerechten antworten und sagen:
Herr, wann haben wir dich hungrig gesehen und dir zu essen gegeben
oder durstig und dir zu trinken gegeben?
Und wann haben wir dich fremd gesehen und aufgenommen
oder nackt und dir Kleidung gegeben?
Und wann haben wir dich krank oder im Gefängnis gesehen
und sind zu dir gekommen?
Darauf wird der König ihnen antworten:
Amen, ich sage euch:
Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.

Klarer kann man es nicht hören. Und Jesus stellt es sich so vor, dass solche Nächstenliebe für alle Völker und zwischen allen Völkern gilt. Bis zur Vervollkommnung dieser Haltung der Nächstenliebe ist es auf dieser Welt noch ein langer Weg.

Unsere königliche Aufgabe dabei ist klar: Schau dich um in deiner Nähe und in der Ferne und nimm wahr, wo dein Platz ist und mit welcher konkreten Tat der Nächstenliebe du andere beschenken kannst. Das sind dann all die Dinge, die zählen, ohne dass man sie zählen kann.

Das ist die Botschaft heute an Christkönig.

 

14.11.2020         Mut zur Veränderung – zu Mt 25,14-30

Wir kennen diese Erfahrung: Manchmal stehen im Leben größere Veränderungen an. Meist zeichnen sie sich schon einige Zeit zuvor ab. Oft ist das dann ein guter neuer Weg, manchmal stocken solche Veränderungen. Das gehört dazu.

Ich denke, das heutige Evangelium will uns zum „Mut zur Veränderung“ bewegen. Die Diener stehen für zwei verschiedene Gruppen von Menschen mit unterschiedlichen Haltungen. Gemeinsam ist beiden, dass sie von ihrem Arbeitgeber Geld bekommen, das sie verwalten sollen. Die Gruppe, die zwei bzw. fünf Talente erhalten hatten, hat gut damit gewirtschaftet und das Geld verdoppelt bis der Arbeitgeber zurückkommt. Die andere Gruppe, die ein Talent erhalten hatte, vergrub es aus lauter Angst, etwas Falsches damit zu tun. Und man kann sich denken, dass der Arbeitgeber nach seiner Rückkehr nicht zufrieden war.

Weshalb diese Geschichte? Die Talente stehen für unsere Lebenschancen und Lebensmöglichkeiten. Wie gehe ich mit den Lebenschancen um? Was hat Gott mir anvertraut, um es zu nutzen und zu vermehren?

Die eine Gruppe hatte Mut, die Lebenschancen und immer neuen Möglichkeiten zu entdecken, sie zu nutzen und im Leben mehr als bisher zu erreichen. Es war für sie sicherlich kein einfacher Weg, doch sie haben das Beste draus gemacht. Die andere Gruppe grub ein Loch und versteckte das Geld. Ein Loch in diesem Sinn bedeutet Unsicherheit, Angst vor Verlust, kein Vertrauen, keine Hoffnung, kein Mut neue Wege im Leben zu wagen. Und noch mehr! Das Geld verstecken, es ist ein Zeichen des inneren Rückzugs. Ich mache lieber nichts, ich bleibe zufrieden mit was ich habe, auch wenn ich mehr im Leben erreichen könnte.

Die Chance, unsere Lebensmöglichkeiten zu entdecken, den Herausforderungen, die Beruf und Beziehungen stellen, mutig zu begegnen, mutig zu verändern, haben wir jeden Tag – in kleinen oder gar kleinsten Schritten. Wenn Gott jedem etwas von seinem "Vermögen" gibt, dann gebührt demjenigen Achtung, der es gut verwertet.

Ich muss nicht das Beste, sondern mein Bestes geben. Dieser Grundsatz erleichtert unser Leben, auch bei allen Niederlagen, die wir durchmachen müssen. "Komm, nimm teil an der Freude, am Festmahl deines Herrn!" Dieses Versprechen ist uns sicher, wenn wir uns bemühen, mit Gottes Hilfe Talente dazuzugewinnen.

Ich wünsche uns Mut zu den Veränderungen im Leben.

 

08.11.2020   Vom Überlebensmodus zum Entfaltungsmodus

In dieser Woche wurde mir in einer Arbeitsgruppe dieser Slogan zugespielt. Vom Überlebensmodus in den Entfaltungsmodus hineinfinden – das scheint es gegenwärtig zu brauchen. Täglich Fragen wie, wann endlich die Ansteckungszahlen sinken werden, wann jeder und jede den Alltag wieder so gestalten kann wie vor der Coronakrise, wann der Impfstoff da ist, wann es endlich Entlastung für all diejenigen gibt, die jetzt besonders belastet sind, wieviele Unternehmen ein sicheres Auskommen haben werden, wie diejenigen, die Insolvenz anmelden werden, aus ihrem Tief wieder herauskommen werden, machen einem schier mürbe. Das alles ist belastend. Mit welcher Strategie komme ich durch die Krise? Was lässt mich in dieser Krise mutig und neugierig und unerschrocken bleiben und die Bandbreite der Möglichkeiten sehen, die uns genesen lassen an Leib und Seele?

Vom Überlebensmodus in den Entwicklungsmodus, das habe ich diese Woche auch gelesen. Sich entfalten bedeutet einen neuen Blick auf die Wirklichkeit zu haben. Und genau darin steckt Entwicklung: Als Christin möchte ich diese Coronapandemie immer auch mit den Augen des Glaubens sehen. Und da spielt mir das Evangelium des heutigen 32. Sonntags eine Deutung zu. Da geht es um die zehn Frauen, die vom Bräutigam zur Hochzeit eingeladen wurden (Matthäus 25,1-13). Fünf hatten genügend Öl für ihre Lampen dabei, fünf hatten zu wenig Öl in den Lampen und auch keine Reserven mitgenommen. Ohne Reserven sich auf den Weg zu machen, wurde ihnen zum Verhängnis.

Jetzt ist eine Zeit, in der wir auf unsere inneren Ölreserven zurückgreifen können. Wie kann ich meine Kraftreserven beschreiben? Welche habe ich im Lauf der Zeit gesammelt? Welches unerschöpfliche Kraftöl fließt in mir? Und wer in meinem Umfeld ist wie Kraftöl für mich? Oder welcher Gedanke und welches Wort ist die Ölreserve für die Öllampen, mit denen ich meinen Lebensweg gehe?

Ich wünsche Ihnen und Euch, dass Sie sie entdecken können – jeden Tag neu – und daraus Kraft schöpfen und Ihren Weg gehen.

 

04.11.2020    Wie kommunizieren wir auf Abstand

Online-Meetings, Videokonferenzen, Soziale netzwerke - sie sind gerade in voller Auslastung.
Mich beschäftigt, welche adventlichen Kommunikationswege wir in unseren Kirchengemeinden und Kommunen pflegen werden. Welchen Beitrag können dabei Kirchengemeinden für die Kommunen leisten - absichtslos bzw mit der Absicht, Beziehung und Begegnung auf neue Weise zu ermöglichen.

 

01.11.2020   Allerheiligen

Heute vor 25 Jahren ist meine Mutter verstorben. Ein Kollege schrieb mir damals: "Welch eine Botschaft - am Tag aller bekanten und unbekannten Heiligen und Märtyrer in Gottes Heimat anzukommen und mit ihnen bei Gott versammelt zu sein." Dieser Gedanke hat mich nicht mehr losgelassen bis heute. Damals war er tröstend, heute ist er für mich die Botschaft, was wir  am Ende unseres Lebens einmal sein werden: Geheiligte, Heilige, die in Gottes ewiger Gemeinschaft leben werden. Gott wird unser Leben vollenden, die Bruchstücke zusammensetzen, Risse glätten, offene Fragen werden gelöst sein. "Wir werden Gott sehen, wie er ist" (1 Johannes 3). Wie faszinierend!

Von dieser Botschaft geben wir mitten im Leben Zeugnis in der Art und Weise wie wir leben und handeln. Wir geben Zeugnis mit unseren Haltungen gegenüber allem, was uns bewegt und beschäftigt. So fordert Allerheiligen uns auch in dieser Coronapandemiezeit heraus. Welche Haltung nehmen wir hier ein? Was ist hier die Haltung des christlichen Glaubens? In den vergangenen Tagen habe ich mit einigen Menschen über die neuen Lockdown-Maßnahmen gesprochen. Wir hatten viele Fragen und Überlegungen, welche Maßnahme uns überzeugt und welche weniger. Wir diskutierten auch über die Entscheidungswege. Was unsere Diskussionen auszeichnete war, dass wir sie in einer sehr offenen Haltung diskutierten, dass wir überzeugt waren, dass die Lockdownmaßnahmen in großem Verantwortungsbewusstsein gefällt wurden - auch wenn sie nicht allen gefallen - und dass es nun die Aufgabe von uns allen ist, als Solidargemeinschaft zusammenzustehen, um diesem Covid 19 seine Macht zu nehmen. Als Solidargemeinschaft von Gottes Heiligen heute zusammen diesen Kraftakt leisten, scheint uns aufgetragen zu sein. Gehen wir es an!

Allen einen gesegneten Allerheiligentag.

 

28.10.2020   Was erwartet uns ab kommender Woche

Heute Nachmittag beraten die Ministerpräsident/innen der Länder und die Kanzlerin wieder. Das Papier, das diskutiert wird und beschlossen werden soll, ist bereits im Umlauf und es kündigt eine schärfere Gangart in der Bekämpfung der Pandemie an. Schließung der Gastronomie und der Freizeit- und Kulturstätten, Einschränkungen der Kontakte auf zwei Haushalte im privaten und öffentlichen Raum. Wir kennen es schon vom Frühjahr. Dennoch wird unser Aufschrei groß sein, denn unser Gefühl steht auf Begegnung und Freiheit. Doch was ist all die Freiheit, wenn sie unser Leben gefährdet. Freiheit gibt es nicht ohne Verantwortung. Von daher ist unsere gegenwärtige Leistung nichts, was uns zermürben muss, denn wir schützen Leben und lenken den Blick in die Zukunft. Verschärfte Maßnahmen bedeuten für viele allerdings auch, dass sie in Existenznöte geraten - nämlich all die, die jetzt wieder schließen müssen und deren Betrieb nicht normal weiterlaufen kann. Hier braucht es schnelle Hilfe. Dass mein Gefühl des Unmuts darüber, dass Lockdownmaßnahmen wieder nötig werden, mich nicht beherrscht, dazu muss ich meinen Verstand einschalten, denn nicht immer haben Gefühle Vorrang. - Und möge Gott uns Gelassenheit schenken.

25.10.2020   Das doppelte Dreifachgebot der Liebe – zu Mt 22,34-40

Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben
mit ganzem Herzen,
mit ganzer Seele und
mit deinem ganzen Denken.

Das ist das wichtigste und erste Gebot.
Ebenso wichtig ist das zweite:

Du sollst deinen Nächsten lieben
wie dich selbst.

Mit diesen wenigen Worten fasst Jesus zusammen, worauf sein Evangelium ausgerichtet ist: auf die Liebe. Das ist nicht seine Erfindung. Jesus beruft sich auf die uralte jüdische Tradition, auf das „Höre Israel“ in Dtn 6 und auf Lev 19,18. Dort ist das Liebesgebot bereits begründet.

Und wer von uns würde es nicht so erfahren, dass die Liebe das Größte im Leben ist. Wir erfahren sie unterschiedlich: in der elterlichen Liebe, in der Partnerschaft, in Freundschaften, in Menschen, die uns beistehen, in den Pflegenden, die die Pflegebedürftigen umsorgen, in Gesten, …

Eigentlich geht es um ein doppeltes Dreifachgebot:

  • Lieben mit ganzen Herzen – ganzer Seele – ganzem Denken
  • Gott lieben – den Nächsten – sich selbst

Dass wir ganz dabei sind, wenn es um die Liebe geht, dass wir ganz gegenwärtig sind, wenn es um Gott geht, dass wir uns vergewissern, wie wir zu uns selbst stehen, dass wir uns den Nächsten um uns herum und denen weiter entfernt, denen wir beistehen können – das ist gemeint mit der Liebe.

Unmöglich meinen machen. Möglich nennt es Philipp Mickenbecker:
„Ist es verrückt, etwas für möglich zu halten, von dem alle sagen, es sei unmöglich?“

Mögen Sie/mögt Ihr alle umsorgt und geliebt sein und das genauso fühlen.

 

13.09.2020    Jesu ist ein Storyteller – Zu Matthäus 18,21-35

Jesus erzählt gerne Geschichten. Das moderne Wort dafür heißt: er betreibt Storytelling. Damit ist eine besondere Art des Geschichtenerzählens gemeint. Es geht um einen Spannungsbogen, der gehalten werden soll, es geht um etwas Lehrreiches ohne zu dozieren, es geht um Anregungen für das Leben. Hierin ist Jesus ein Meister. Da stellt einer eine Frage – wieder einmal ist es Petrus und Jesus antwortet mit einer Story, mit einer Geschichte, die einige Überraschungen zu bieten hat.

Wie soll das gehen, dass ich jemandem bis zu siebzigmal siebenmal vergebe? Jesu Antwort ist doch absurd! Ich erinnere mich wie ich als Jugendliche tief beeindruckt war von dieser Antwort, weil sie mich bei aller Absurdität zum Kern dessen, was Jesus sagen wollte, führte. Er zeigt diesem Petrus: „Frag nicht so gesetzesdenkerisch, sondern frage nach dem tiefen Sinn von Vergebung und erkenne den Weg der Gerechtigkeit und Barmherzigkeit.“

Es geht um die Haltung, die hinter der Vergebung steckt. Es geht um Barmherzigkeit und Gerechtigkeit. Jesus, unser Storyteller, erzählt von einer bodenlosen Ungerechtigkeit. Da wird einem Knecht die Geldschuld erlassen, doch dieser weiß nichts anderes zu tun als seinem Schuldner eine riesige Last aufzuerlegen. Er handelt am anderen nicht so wie er es an sich erfahren hat. Er bleibt der Ungerechte, der Geizige, der Egoist, der nichts anderes kennt als seinen eigenen Vorteil. Nichts dazugelernt. Da fällt dann doch seine eigene Schuldenlast wieder auf ihn zurück.

Das kennen wir vielleicht auch. „Man sieht sich immer zweimal“ ist ein geflügeltes Wort. Dahinter steckt die Erfahrung; Wenn eine Situation mit einem anderen Menschen unbefriedigend geblieben ist, ungeklärt, unversöhnt, dann trifft man irgendwann wieder auf sie – mal früher, mal später. Wenn ich unbarmherzig und ungerecht gewesen bin, dann plagt mich das irgendwann wieder. – Solche Prozesse laufen im Großen und im Kleinen. Wir kennen es aus unserem persönlichen Umfeld, wir kennen es aus der Politik.

Wenn ich wieder einmal in meine Falle getappt bin, dann schaffe ich es manchmal nicht allein herauszukommen. Da brauche ich dann so „einen Diener des Königs“ – vielleicht keinen, der mich wie in der Geschichte verpetzt. Doch einen, der mich wachrüttelt, der mich ein wenig in die Seite boxt, damit ich merke, wo es lang geht. Gott sei Dank gibt es diese Menschen um mich herum, die mich zur Veränderung ermutigen und mit mir auf dem Weg der Gerechtigkeit, der Barmherzigkeit und Liebe bleiben.

Diese drei hat unsere Welt so nötig. Diese Drei haben wir – jede und jeder einzelne von uns –so nötig.

 

06.09.2020  Konflikte und Lösungswege – Zu Matthäus 18,15-20

Dieses Evangelium ist kein Kuschelkurs. Was hier mit dem Begriff der „Sünde“ eingeführt wird, läuft dann im Weiteren ganz auf die Frage zu wie sich Konflikte in der christlichen Gemeinde regeln lassen. Heute formulieren die professionellen Konfliktklärer gern „Konflikte sind normal“. Ja, damit haben sie recht. Konflikte haben Signalwirkung, machen aufmerksam, dass etwas nicht rund läuft, dass Interessen und Positionen von Menschen so weit auseinander gehen, dass sie nicht mehr gemeinsam handlungsfähig sind. Es braucht dann schon viel Engagement, sich auf eine Konfliktklärung einzulassen. Denn wer rückt schon gerne von seinen Positionen ab. Denkt man allerdings perspektivisch und zukunftsgerichtet, dann müsste einem der Mut zuwachsen, Konflikte lösen zu wollen.

Drei Wege bietet Matthäus an:

  • Miteinander reden, aufmerksam sein für die gegenseitigen Interessen und gemeinsam einen Weg finden.
  • Hilft das noch nicht: Zwei geeignete Zeugen dazu holen, die mit hören und Entscheidungshilfen geben.
  • Und ist man dann noch nicht im Reinen, bleibt nur noch das Plenum der Gemeinde.

Dieses Modell entstammt den Vorstellungen der damaligen jüdischen Rechtssprechung und Vorgehensweise. In diesen drei Wegen liegt eine drastische Steigerung. Der Konflikt wird von Mal zu Mal öffentlicher. Die Eskalation liegt von Mal zu Mal näher. Wird jemand noch zusätzlich Öl ins Feuer gießen? Das Risiko ist hoch, doch auch das ist bei Konflikten normal. Das Risiko, keine Lösung erarbeiten zu können oder zu wollen, ist immer gegeben.

In den vergangenen Tagen stehen die Politiker in der EU vor einigen Konflikten, die nach einer Lösung schreien. Wie soll man reagieren auf den Vergiftungsversuch an dem russischen Regierungskritiker? Was handelt man sich mit welcher Reaktion ein? Wer hat dabei welche jeweils berechtigten Interessen? Was ist man bereit, es sich kosten zu lassen so oder so zu reagieren? Denn jede Reaktion hat eine Langzeitwirkung.

Diese Woche haben sich auch die Mitglieder des synodalen Prozesses an verschiedenen Orten getagt. Ihr Konfliktthema war die sog. „Frauenfrage“. Und es ist wieder einmal klar: Kein Weiheamt für Frauen in Sicht, obwohl jeder betont, dass die Zukunft der Kirche sich am Thema „Frauen und ihre Möglichkeiten in der Kirche“ entscheiden wird. Wer sich an bestimmten Stellen nicht weiterentwickeln will, wird scheitern. Die Zukunft des Themas Frau von den Aufgaben der Kirche her sehen, wird betont. Auch das ist kein neuer Gedanke. Wie anders sollten sich denn auch der gemeinsame Auftrag von Frauen und Männern entscheiden! Wer kann Christus repräsentieren?, wurde wieder gefragt. Es kann doch nicht sein, dass man da weiter selbstverliebt um sich selbst kreist. Es geht doch nicht um Jesus in seiner Männlichkeit, sondern um Jesus in seinem absolut menschenzugewandten Handeln. Und das können nur beide – Frau und Mann gemeinsam repräsentieren. Sonst fehlt dem Leib Christi Entscheidendes. Natürlich begebe ich mich mit meiner Position auf das Glatteis der Diskussionen. Manchmal habe ich dazu gar keine Lust mehr und denke „Laufen lassen“ und dann kommt wieder diese Energie zurück, die mich überzeugt sein lässt, dass es nur noch darum gehen kann wie wir die Gleichberechtigung und die gleiche Würde von Frau und Mann in der Kirche umsetzen.

Unser Evangelium endet mit der Verheißung „Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen“. Ich hoffe darauf, dass die Gegenwart Jesu Christi in der Lage ist, zu bewegen, Respekt für beide Geschlechter Priorität haben zu lassen und das Evangelium zum Maßstab zu machen  und dann sind wir wieder bei der Gleichberechtigung von Frauen und Männern angekommen. Das Evangelium löst nicht unsere Konflikte, doch es setzt den klaren Maßstab, dass Gott größer ist als unser kleines Denken.

30.08.2020  Musterbrecher und Querdenker Jesus – Zu Matthäus 16,21-27

Es bleibt spannend im Matthäusevangelium. Letzten Sonntag hörten wir, wie Jesus Petrus in höchsten Tönen lobte, jetzt kritisiert er ihn in Grund und Boden. Noch immer scheinen es Petrus und die Anderen nicht kapiert zu haben: Wenn du das Glück deines Lebens finden willst, dann hilft es dir nicht, von Höhepunkt zu Höhepunkt, von Glücksgefühl zu Glücksgefühl laufen zu wollen. Es hilft nur, sich der Wirklichkeit zu stellen. „Das muss ich ja eh“, mögen wir da sagen. „Ich muss mich mit meinen Problemen auseinandersetzen“, „ich muss mit meiner Krankheit leben“, „ich mache mir Sorgen um meine Kinder“, „ich habe Angst vor dem Altwerden“, „ich sorge mich um meinen Arbeitsplatz“, „ich frage mich wie es mit unserer Welt weitergehen wird, ich bin im Zweifel, ob wir die Herausforderungen in unserem Land alle bewältigen werden“ … Die Liste könnte endlos weitergeführt werden. Sie ist von einem bestimmten Blick auf die Wirklichkeit geprägt. Sie beschreibt nur die eine Seite: Die des Zweifels, nicht die der Lösungsorientierung.

Da geht Jesus einen anderen Weg. Sein Vorschlag ist, Muster zu brechen und quer zu denken. Das Muster, zu klagen, kennen wir gut. Wenn an diesem Wochenende wieder die Gegner der Anti-Coronamaßnahmen demonstrieren, dann folgen sie diesen scheinbar bewährten Muster. Hinter dieser Demonstration steckt nicht die Frage nach der Lösung, sondern der Wunsch, mit aller Macht die gewohnten Freiheiten sofort wieder leben zu können. In diese und in vergleichbare Situationen empfiehlt uns Jesus: „Augen auf, schau genau hin, welchem Muster du folgst. Es könnte das Muster des Egoismus sein, das Muster, jeweils primär auf dich selbst zu schauen, auf das eigene Wohlbefinden statt auf das Gemeinwohl. Schau genau hin, ob du nicht Alternativen erkennen kannst, andere Handlungsmöglichkeiten, die besser geeignet sind.“ Wenn man mitten in der Krise steckt, ist es so schwer, um die Ecke zu schauen, quer zu denken, Kreativität und Phantasie zu haben, um vertraute Muster zu verlassen und anderes auszuprobieren. Doch genau das meint Jesus mit seinem Gedanken: „Nimm dein Kreuz auf dich und folge mir. Wer sein Leben retten will, wird es verlieren; wer sein Leben um meinetwillen verliert, wird es finden. Was nützt es einem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt, dabei aber sein Leben einbüßt?“ Das klingt hammerhart. Doch ich kenne die Erfahrung: Wenn es mir schon gelungen ist, so zu handeln wie Jesus es heute tun würde – und es ist oft erkennbar wie er handeln würde -, dann ist meine Herausforderung zunächst nicht kleiner geworden, jedoch wurde sie handlebar. Ich sah dann andere Möglichkeiten, wie ich sie neu deuten kann, neu einordnen – und dann tun sich neue Wege auf und sind sie noch so schmal.

Jesus macht es uns nicht leicht. Er fordert uns viel ab. Was ich verstanden habe in meinem Leben: „Gott umarmt uns mit der Wirklichkeit“ (Alfred Delp). Gott begleitet mein Ringen um gute Lösungen; Gott begleitet mein Querdenken und Muster brechen. Und dieser Jesus gibt die „Anleitung“ dazu. Er gibt die Richtung grob an. „Nimm an, was auf dich zukommt und einströmt und mag es noch so hart sein. Du wirst Schritt für Schritt erkennen, was das alles für dein Leben bedeutet durch alle mögliche Verzweiflung, durch alles Hadern und Kämpfen hindurch.“

23.08.2020  Christliche Identität – Zu Matthäus 16,13-20

Ich kann mich nur schwer entscheiden, welchen Aspekt des Evangeliums ich betonen will, denn es steckt auch kirchenpolitische Sprengkraft drin, die ich spannend  finde. Alle Aspekte verbindet vielleicht das Thema Christliche Identität. Was macht uns als Christen aus? Wie sind wir erkennbar? Was bedeutet das für unser Kirche sein?

Für wen halten die Menschen den Menschensohn? Spezifischer gefragt: Für wen halte ich Jesus? – Dem Bekenntnis des Petrus „Du bist der Sohn des lebendigen Gottes“ kann ich leicht zustimmen. Doch wie zeigt sich das in meinem Leben konkret? Hinter Formeln darf ich mich nicht verstecken! Je älter ich werde, umso mehr ist es mir wichtig, dass mein Christsein erkennbar ist, dass man spürt, dass ich eine Jüngerin Jesu bin. Mir geht es da dann wie schon den Jünger/innen Jesu damals. An einem Tag ist alles klar, am anderen spüre ich meine Grenzen und frage, ob es nicht auch weniger radikal gehen könnte. Die Antwort ist auch schon klar: Nein, es geht nicht weniger radikal. Und so bewegt sich mein Christsein immer in der Suche nach der Balance. Wie bin ich erkennbar als Christin und wie kann ich das so leben, dass ich mich nicht ständig überfordern würde? Manchmal möchte ich die Welt retten können, alle Probleme lösen, für Gerechtigkeit sorgen, für Frieden. Jedenfalls stelle ich mir vor, dass Christen das können. – Und Moment mal: gemeinsam können. Christsein und als Christ erkennbar sein, ist ja kein einsamer Alleingang, sondern gemeinsamer Auftrag. Deshalb: Setzt jeden Tag alles daran, die Welt ein wenig besser zu machen. – Das ist meine, das ist unsere Identität, das ist Jesus für uns: Der Befreier, der uns in Dienst nimmt für seinen Weg, Menschen aus Ungerechtigkeit, aus moderner Knechtschaft zu befreien. Das bin ich, das sind wir für Jesus - das hält er von uns: dass wir fähig sind, in seine Fußstapfen zu treten, dass wir unsere Grenzen immer wieder neu überwinden werden und sein Reich immer mehr Gestalt annehmen wird. Wie ermutigend ist das doch!

In demselben Evangelium macht Jesus Petrus zum Felsen für die Kirche. Nein, er dachte dabei nicht an das Papstamt. Und mit dem Binden und Lösen ist auch nicht die Einsetzung des Bußsakraments gemeint. Vielmehr geht es Jesus darum, den Auftrag der Schriftgelehrten zu seiner Zeit zu korrigieren. Die Schriftgelehrten hatten oft vergessen, dass es beim Binden und Lösen immer um Gott und seinen Weg geht und nicht um die eigene Macht und die eigenen Wünsche. Auftrag des Petrus war es, zu gewährleisten, dass die Botschaft Jesu unverfälscht weitergeht, dass Entscheidungen, die getroffen werden müssen, im Geist Jesu getroffen werden. Es geht darum, den Weg Gottes mit den Menschen so zu gehen, dass sich darin das Reich Gottes zeigt und die Botschaft Jesu bewahrt wird. Im Lauf der Kirchengeschichte wurde mit dem Auftrag des Petrus viel Unfug getrieben, viele Entwicklungen standen nicht im Dienst des Evangeliums. Auch das gehört zur Identität der Kirche, dass sie zurückkehrt zu ihren Wurzeln, zu ihrem Ursprung. Dazu gehört heute auch, kritisch die Traditionen zu prüfen, die im Lauf der Geschichte entstanden ist und sie neu zu bewerten – nämlich unter Berücksichtigung ihrer Entstehungszeit und dem Nutzen oder Nichtnutzen für die Gegenwart und Zukunft. Dazu braucht es gehörigen Mut!

Der Geist Jesu Christi stärke uns sein Evangelium zu leben, ihm treu zu sein und mutig zu sein zu großen Veränderungen, um unsere christliche Identität wahrhaftig zu leben.

16.08.2020   Jesus lernt – Zu Matthäus 15,21-28

In diesen Sommerferien werden die Evangelien der Sonntage von Woche zu Woche spannender. Die „Frauengeschichten“ Jesu sind aus meiner Perspektive immer neu atemberaubend. Jesus reagiert nicht erwartbar – manchmal vielleicht schon, doch gleich darauf folgt meist die Überraschung.

Genau genommen geht es heute um zwei Frauen – Mutter und Tochter. Die Tochter ist schwer krank und verzweifelt am Leben, die Mutter setzt sich mit aller Kraft dafür ein, dass Jesus der Tochter hilft. Doch dieser Jesus meint etwas arrogant: ‚Was geht ihr beide mich an, ihr stammt nicht aus Israel, sondern aus Kanaan; da bin ich nicht zuständig.‘ Das ist der Hammer. So ein Satz bestätigt doch eigentlich alle Vorbehalte, die Menschen gegen Jesus hatten. Er sucht sich aus, wem er hilft; er bleibt exklusiv – nichts da mit Gerechtigkeit und Fülle des Lebens für alle. Welch‘ eine Enttäuschung! – Doch was macht die Frau? Sie lässt sich nicht beirren – schließlich geht es um Leib und Leben ihrer geliebten Tochter. Sie beginnt mit Jesus zu diskutieren – und – o Wunder – er lässt sich umstimmen. Die Frau kann ihn überzeugen, ihrer Tochter zu helfen. Mehr noch, dieser Jesus lernt dazu: er merkt, dass seine Sendung über Israel hinausgeht.

Heute würden wir sagen „Jesus schaut über den eigenen Kirchturm“. Wie oft haben wir den Perspektivwechsel nötig! Wie oft muss uns jemand daran erinnern, doch auch einmal nach rechts und links und vor allem nach vorn zu schauen, um den angemessenen Weg zu finden, um gute Entscheidungen vorzubereiten. Gerade in Krisenzeiten scheint mir das umso wichtiger, weil wir da dazu neigen, uns in unseren alten Sicherheiten einigeln zu wollen. Nein – auch jetzt gilt: raus aus der Komfortzone, rein ins Abenteuer – in die Welt neuer Gedanken, ins Abwägen, was weiter hilft und dem Leben dient. Raus aus allem Lammentieren über das, was sich gerade nicht ändern lässt. Raus aus der Klage, was ich anscheinend nicht tun könne, weil wesentliche Gewohnheiten meines Lebens gerade unterbrochen sind. Es kann doch nicht sein, dass eine Krise wie diese Corona-Pandemie mich so beeindruckt, dass sie mich in meinem perspektivischen Denken einschränkt. Ein paar Wochen vielleicht ja, doch bitte nicht auf  Dauer.

Gott hat uns mit der Zusage beschenkt, all unsere Wege mitzugehen. Der „Ich bin da“ zu sein jede Minute unseres Lebens. Das macht mich froh und mutig – manchmal sogar übermütig wie diese Mutter aus Kanaan.

09.08.2020   Risikofreudigkeit

Welche Steigerung soll es nach der Sozialwundergeschichte vom letzten Sonntag noch geben. Doch es gibt sie mit der heutigen Geschichte, die von den Erfahrungen der Jünger bei Nacht auf dem Boot erzählt. Eigentlich könnten sie es längst begriffen haben: Wer sich auf Jesus einlässt, der muss mit immer neuen Überraschungen rechnen. Sich auf Jesus einlassen, kann riskant kann – mindestens in den Augen derer, die ihm nachfolgen. Risiko hat mehrere Seiten, die sich in einige Fragen kleiden lassen: Bin ich bereit, mich auf das Unbekannte einzulassen? Bin ich bereit, am Anfang das Ende noch nicht zu kennen? Bin ich bereit, das Abenteuer zu wagen? Die Jünger und Jüngerinnen Jesu gingen dieses Risiko ein – und sie machten immer wieder überraschende Erfahrungen.

Dieser Petrus kennt das ja eigentlich schon. Er scheut das Risiko nicht, doch mit dem absoluten Vertrauen auf Jesus tut er sich letzten Endes dann doch wieder schwer. Auch heute will er es wieder einmal genau wissen als er Jesus auf dem Wasser laufen sieht. „Herr, wenn du es bist, so befiehl, dass ich auf dem Wasser zu dir komme“. Mehr Risikofreudigkeit ist kaum möglich. Auf dem Wasser laufen – wie soll das denn gehen! Hat Petrus wirklich damit gerechnet, dass Jesus ihn dann auffordert zu kommen? Wir wissen es nicht. Doch es blieb ihm dann nichts anderes übrig als es zu wagen. Und es kommt wie es kommen musste: Es windet ihm zu stark, er bekommt Panik und geht unter und schreit um Hilfe. Und wie jedes Mal kann er sich auf Jesus verlassen. Jesus nimmt seine Hand und zieht ihn wieder hoch. Er tut es allerdings nicht ohne deutliche Wort an Petrus: Du Kleingläubiger, warum hast du gezweifelt. Die anderen Jünger, die im Boot geblieben sind, sind aus dem Schneider. Sie fallen einfach auf die Knie und sagen „Wahrhaftig, du bist Gottes Sohn“. Sie schauen einfach zu und warten ab.

Beide Haltungen kennen wir: die Abwartende und die erwartungsvoll Mutige und die Herausforderung Suchende. Wer es wie Petrus macht, der handelt nach der Erfahrung „Wer wagt, gewinnt“. Dieser Petrus gewinnt die Einsicht, dass es sich lohnt, sich auf Jesus zu verlassen, dass es sich lohnt, allem zum Trotz darauf zu vertrauen, dass es immer einen Weg in die Zukunft geben wird. Die anderen Jünger sind verhalten nach dem Motto „Erst mal schauen, was mit unserem abenteuerlustigen Petrus passiert“. Sie erkennen auf andere Weise – zurückhaltend und in der vermeintlichen Sicherheit bleibend und sich verlassend auf Jesu Wort „Fürchtet euch nicht“. Beide Erkenntniswege kennen wir.

In diesem so bewegten und bewegenden Coronajahr kennen wir diese beiden Wege ebenso. Sie sind Haltungen in uns: Vertrauen und Zweifeln, Aktionismus im Versuch die sogenannte neue Normalität herzustellen, Aktionismus im Versuch, möglichst schnell alle Freiheitsrechte zurückzugewinnen. Petrus war nicht der Planvolle, der sich allein auf Jesu Wort verlässt. Er will Fakten setzen. Die anderen Jünger haben zwar auch keinen Plan, doch ihre Bedächtigkeit ist eine ebenfalls wichtige Eigenschaft, um ihr Ziel zu erkennen.

In den Krisen unserer Zeit, egal welche Namen sie haben – ob Corona, ob politische Wahlkämpfe, ob Seenotrettung, ob persönliche Weltuntergangsstimmung oder das Zerbrechen von Lebensperspektiven – beide Haltungen sind wichtig, die des Petrus und die der anderen Jünger. Beide finden ihren Höhepunkt in Jesu Zuspruch: Habt Vertrauen, ich bin bei euch, fürchtet euch nicht! Was kann uns Besseres passieren als uns genau darauf zu verlassen. Vertrauen zu haben gegen allen Zweifel und gegen alle Verzweiflung, unbändig zu glauben und zu vertrauen, dass mit Jesus kein Weg zu schwer sein wird und wir in eine lebenswerte Zukunft gehen werden.

 

02.08.2020   Leben in Fülle

Zur Zeit wird viel geklagt: Über die Maskenpflicht an bestimmten Orten, über die mögliche zweite Covid-19-Welle, über die wirtschaftlichen Folgen von Corona, über Insolvenzen, über Einnahmeverluste ... Ja, diese Klage hat ihre Berechtigung. Und trotzdem: Das Leben in Fülle erfahren wir ebenso. Dazu braucht es diese offenen Augen und dieses offene Herz, das mehr sieht. Jesus leitet genau dazu im Evangelium, das heute in katholischen Gottesdiensten verkündet wird, an. Da gibt es lediglich fünf Brote und zwei Fische. Jesus segnet sie und mindestens 20 000 Menschen wurden davon satt. Welch ein Wunder! Doch bevor dieses Wunder geschieht, werden viele geheilt von all dem, was sie krank gemacht hatte, von all dem, was sie gehindert hatte, auf das zu schauen, was für alle Leben in Fülle sein könnte. Als sie alle geheilt waren, geschieht das Brotwunder, das nur darin bestanden haben kann, dass alle miteinander teilten, was sie in ihren Beuteln dabei hatten. Solche Wunder können wir heute geschehen lassen: Wenn wir den Hunger der Welt stillen - denn es wird genug für alle produziert, wenn wir uns einsetzen für eine gerechte Verteilung der Güter der Welt. Wenn wir die Not des Nachbarn sehn und anpacken, wenn wir Trauernde trösten, wenn wir gute Worte verschwenden an alle, die uns begegnen - ob wir sie mögen oder nicht. Dann - davon bin ich überzeugt - werden wir Leben in Fülle spüren. Wenn wir den Finger in die Wunde der Ungerechtigkeiten legen, wenn wir Lösungen mitdiskutieren, die denen helfen, die durch Covid-19 mehr an Lasten zu tragen haben und in Not geraten sind. Und in diesem besonderen Jahr erst recht Leben in Fülle zu erfahren in all den vielen kleinen und auch größeren Dingen, die das Herz erfreuen, und in all der konkreten notwendigen Veränderung, die denen hilft, die gerade mehr an Last tragen, das ist möglich. Davon bin ich überzeugt.

 

Ab heute gibt es die Corona-Impulse an Sonntagen.

26.07.2020    Wo dein Schatz ist, ist auch dein Herz

Diese Erfahrung kennen die meisten: Wo mein Schatz ist, ist auch mein Herz. Wovon ist begeistert bin, was mich ganz einnimmt vor Freude, da bin ich ganz und gar mit meinem Herzen angekommen. Heute erzählt uns das Evangelium von der Perle, die ein Kaufmann fand und dann alles verkaufte und diese wundervolle Perle kaufte.
Welche kostbaren Perlen habe ich in meinem Leben gesammelt und bewahre sie in meinem Herzen, dami sie mich stärken und mir Kraft geben.

 

24.07.2020   Wohin geht es mit der Kirche

Ein Aufreger dieser Woche: das neue Papier aus Rom zur "pastoralen Umkehr der Pfarreien". Wer erfindet solch einen Titel, bei dem schon die Kategorisierungen nicht passen. Wohin geht es mit der Kirche? Dem Papier nach geht es um eine Rückkehr zur von Jesus gewollten Kirche. Aha! Im Papier, das Papst Fanziskus approbiert hat, werden hierarchische Strukturen zementiert, die alles auf den Priester konzentrieren und die Arbeit der engagierten Christen "demolieren" und sozusagen als Beiwerk zum Eigentlichen degradieren. Die Deutschen Bischöfe wurden völlig überrascht von diesem Schreiben. Der Kölner Kardinal lobt das Papier. Viele andere, unter ihnen der Rottenburger Bischof, sagen eindeutig, dass das Papier gar nicht geht. Und unser Bischof verspricht, bei dem 50 Jahre bewährten Weg unserer Diözese zu blieben.

Wie kommt man eigentlich in der derzeitigen Lage der Kirche und der Welt auf die Idee, solch ein Schreiben abzufassen? Ich würde einmal eine Hoffnungsbotschaft erwarten. Mir fehlt in dieser ganzen Pandemiezeit die Verkündigung der Sprengkraft des Evangeliums.

 

23.07.2020    Perspektivwechsel

Dieser wird von uns jeden Tag neu erwartet. Sich auf neue Situationen einstellen, sich in andere Menchen hineinversetzen, um sie und ihre Anliegen zu verstehen. Das kann anstrengend sein, ist allerdings unglaublich bereichernd und führt uns zu Begegnungen, die uns überraschen. 

   

22.07.2020     Maria Magdalena

Heute ist ihr Gedenktag. Sie ist eine der Frauen, die Jesus begleiteten. Sie ist eine seiner Jüngerinnen. In der Tradition der Kirche hat sie eine wechselvolle Geschichte. Zuerst Jüngerin, dann von der Tradition zur Sünderin und Prostituierten erklärt, inzwischen rehabilitiert und zur Apostolin der Apostel gekürt. Sie ist auch Patronin der Frauenrechteinitiativen in der Kirche: Maria 2.0. und Maria, schweige nicht. Heute, an ihrem Festtag, gibt es wieder Aktionen zu den Forderungen der Frauengruppierungen, denen auch Männer angehören. Setzen wir uns dafür ein, dass alle Christen ihre Berufung, die sie erkennen, leben können.

 

21.07.2020      Familienbande Jesu

Heute morgen haben ich Matthäus 12,46-50 gelesen. Da kommt Jesu Familie zu ihm, um mit ihm zu sprechen. Doch er reagiert völlig schroff und ablehnend: "Das hier - alle, die den Willen meines himmlischen Vaters erfüllen - sind meine Familie". Da können wir nur hoffen, dass auch Maria und Jesu Geschwister zu diesen Menschen gehörten. - Wie erfülle ich den WIllen des himmlischen Vaters? Welche Geschichte kann ich erzählen. Doch auch: Welche Fragen möche ich diesem himmlischen Vater gerade in dieser Zeit einmal stellen?

 

20.07.2020      20. Juli 1944

Deutscher Widerstand gegen Adolf Hitler. Dieses Datum kennt jede/r. EIn Gruppe um den Offizier Claus Schenk Graf von Stauffenberg war gegen Hitler aufgestanden und versuchte ihn durch einen Staatsstreich zu beseitigen. Das klappte nicht. Das Attentat am 20.Juli 1944 war Schlusspunkt einer Kette von über vierzig Attentatsversuchen. Bis heute leben Völker auf der ganzen Welt in Diktaturen. Setzen wir uns dafür ein, dass Gerechtigkeit und Recht, dass die Würde von Menschen nicht länger mit Füßen getreten werden kann. Jede/r kann dazu etwas beitragen.

 

19.07.2020    Sonntagswunsch

"Habt einen sonnigen freudigen Sonntag, der glückliche Farben und Gefühle in Herz und Seele satt zeichnet. Das Leben lächelt und Du dankbar zurück." Beate Loraine Bauer gibt uns diesen Gedanken mit in diesen Tag, der schon in den frühen Morgenstunden und mit seinen Sonnenstrahlen anlächelt. DIe Glücksgefühle können also einziehen in unser Herz und unsere Seele satt machen. Beim Gottesdienst vielleicht, bei der Radtour durch die saftigen Felder und bunten Blumenwiesen. Die Natur zeigt uns gerade ihr schönstes Kleid. Mögen die kleinen Dinge, die wir heute entdecken und an denen wir uns freuen, ein wenig die Traurigkeit, die vielleicht in uns ist, wegwehen. Auf jeden Fall: Wisse dich begleitet von der Güte unseres Gottes.

 

17.07.2020   Zitat des Tages

Eigentlich suchten wir nur einen kleinen Notizzettel, um eine Telefonnummer zu notieren. Da kam aus der Jackentasche meines Bekannten ein kleines Kärtchen zutage mit einem wunderbaren Zitat des ehemaligen Chefredakteurs der Zeit Theo Sommer. Bei seinem 90. Geburtstag meinte er: "Was mich nach wie vor fasziniert: Der Vorgang des Schreibens selber, der unbegreifliche Mechanismus, wie sich aus Gedanken Worte bilden." - Wie wahr, so empfinde ich es, wenn ich kluge Gedanken lese oder selbst immer wieder in die Tasten greife. Gerade jetzt in dieser Zeit kann uns Schreiben helfen, die Gedanken zu sotieren.

 

16.07.2020  Wir sind wieder da!

Unter dieser Überschrift erzählen heute in meiner Zeitung 30 Kita-Kinder von ihrer Zeit ganz zuhause. Da gibt es eine Bandbreite an Erfahrungen von "Ich habe meine Freunde vermisst" bis "Ich habe nichts vermisst". Kinder in Betreuung wären gerne mal zuhause geblieben, erzählen sie. Diese Ehrlichkeit hat mir gefallen.

 

15.07.2020     Land nimmt geflüchtete Familien mit kranken Kindern auf

Eine gute Nachricht heute in meiner Zeitung. Eine gute Nachricht für diese Familien, dass sie endlich Hilfe erfahren und eine gute Nachricht für unser Land, dass wir diese HIlfe leisten. Es gibt so viele Themen unabhängig von Corrona, die auf der Tagesordnung so weit in den Hintergrund getreten waren. Se müssen endlich auch wieder angepackt werden.

 

14.7.2020      Du lebst nur einmal

So heißt eine Ausstellung, die gerade in der Staatsgalerie Stuttgart zu sehen ist. Mein Leben so zu gestalten, dass ich am Ende meiner Tage sagen kann "Es war gut so" - das wünsche ich mir. Ich kenne Erfolg und Enttäuschung, ich kenne die berühmtem unvergesslichen Augenblicke und den Alltag, die Routine. Während Krisenzeiten wie jetzt denke ich mehr über mein bisheriges Leben nach und bin dankbar. Ich bin gespannt auf das Kommende und dann am Ende meiner Tage auf die Vollendung meines Lebens.

 

13.07.2020    Frauen und Männer

Gestern Abend in terra X, meiner Kultsendung jeden Sonntagabend. Neue Forschungen, die nun auch schon einige Jahre alt sind, jedoch wenig bekannt, beweisen, dass es nicht immer so war, dass Männer Frauen überlegen waren, dass sie als die Mächtigen galten. In Wikingergräbern z.B. fand man Kriegerinnen, die Heere anführten, bestattet mit all den Grabbeigaben, die wir von Männern kennen. DNA-Analysen beweisen eindeutig, dass Frauen die gleiche Stellung wie Männer hatten. Mit der Seßhaftwerdung änderte sich viel. Die Frauen zogen als sie heirateten, an den Ort des Mannes. Daraus wurde irgendwann bis in unser Jahrhundert hinein eine Verpflichtung. Efahren habe ich auch, dass wissenschaftliche Ergebnisse verfälscht wurden, weil Männer sich nicht vorstellen konnten, dass es etwas gibt, was sie selbst nicht für möglich hielten.

Wie gut, dass wir heute so viel wissen können und so viele Möglichkeiten haben, die Vergangenheit für die Gegenwart zu erkunden. Mögen wir viel lernen aus der Forschung und ihren Ergebnissen - auf allen Gebieten des Lebens.

 

12.07.2020    Träumt Gott einen unerfüllbaren Traum?

"Das Wort aus meinem Mund kehrt nicht leer zu mir zurück, ohne zu bewirken, was ich will, und das zu erreichen, wozu ich es ausgesandt habe" - so spricht Gott heute in der Tageslesung aus dem Buch Jesaja. Träumt da Gott einen Traum. Ist das nicht eine Utopie - einer jener unerreichbaren Gedanken, die nicht Realität werden? Wahrscheinlich muss ich querdenken, um die Ecke denken, und ahnen, dass Gott immer noch einmal anders denkt als ich. Dass seine Wege nicht meiner Logik entsprechen, sondern eier göttlichen Logik. Dennoch: Gott braucht unsere Hände und Füße, unser Herz und unseren Mund, damit seine große Verheißung des Reiches Gottes zur vollen Erfüllung kommen kann.

 

11.07.2020      Haltungen für gelingendes Leben

Heute ist der Gedenktag von Benedit von Nursia. Er war Ordensgründer. Seine Regel enthält für seine Gemeinschaften wesentliche Haltungen, mit denen das Leben gelingt. Die Bekannteste heißt "ora et labora" - "bete und arbeite" - und das in einem ausgewogenen Verhältnis. Halte dabei eine gute Balance. Und eine weitere Regel spielt bei ihm eine große Rolle: Die Gastfreundschaft. In einer globalisierten und multikulturellen Gesellschaft ist mit der Gastfreundschaft verbunden, sich auf Situationen und Menschen einzulassen, die einem fremd sind. Mich locken solche Situationen immer wieder an, weil mich Kulturen faszinieren. Das wünsche ich uns allen: Diesen Blick über das Eigene hinaus und den Reichtum, den genau das beschert.

 

09.07.2020    Lass die Sonne in dein Herz

Lass die Sonne in dein Herz
Schick' die Sehnsucht himmelwärts
Gib dem Traum ein bisschen Freiheit
Lass die Sonne in dein Herz

1996 eroberte der Song der Gruppe WInd die Hitlisten. Lass die Sonne in dein Herz, wenn du traurig bist, wenn du keine Worte mehr findest vor Schreck, wenn du trauerst, wenn du nicht weißt wie es weiter geht, wenn die Enttäuschungen und Sorgen tief sitzen. Gestern hat eine Tagungsgruppe den Song plötzlich angesungen. Sie sangen damit an gegen alle depressiven Verstimmungen dieser Monate. Sie sangen der Hoffnung ein Lied - der Hoffnung und der Verheißung, dass Gott seine Sonne aufgehen lässt über Guten und Bösen. 

Schick die Sehnsucht himmelwärts - welch ein Vertrauen, welche eine Hoffnung, dass es mehr gibt als die gegenwärtige Stimmung, dass es in unser aller Leben aufwärts gehen wird nach den sogenannten Tiefschlägen, dass wir Wege finden werden, die uns die Sonne wieder spüren lassen. Christen verbinden mit dieser Gott den lebendigen Gott, der alle Wege mit gehtund in allen Krisen nahe ist. Das macht mir täglich neuen Mut uns gibt mir Halt.

 

08.07.2020    Herz-Patienten meiden Kliniken wegen Corona

Selbst Herzpatientin fällt mir diese Titelblattschlagzeile heute sofort in Auge. Angst vor Ansteckung und falsche Rücksichtnahme auf das Klinikpersonal hätten in der Coronazeit dazu geführt, dass viele schwerere Kankheitsverläufe festgestellt wurden. Solche Nachrichten erschrecken und befremden mich. Ich zweifelte keinen Tag an der Sicherheit in meiner gewählten Klinik. Panikreaktionen sind nicht die Lösung, wenn es um die Gesundheit geht. Da geht es um den nüchternen Faktencheck und um den dann notwendigen Schritt in die Klinik oder zum Arzt. 

 

07.06.2020     "Das Schlimmste steht uns noch bevor"

wurde heute morgen in den Nachrichten der Chef der WHO zitiert. Diese Botschaft ist nicht ganz neu; dennoch hat sie mich wieder erschreckt. Von einer möglichen zweiten Welle ist seit Wochen die Rede. Das Virus fordert uns viel Respekt ab und viel umsichtiges Handeln. Die vielen Lockerungen gefährden den Erfolg. Würde ein zweiter Lockdown notwendig, wäre er kaum durchzusetzen. Geht es um Wirtschaft oder Gesundheit - diese Frage wird offen gestellt. Sie führt in ein Dilemma, in dem es keine Gewinnerentsscheidung geben kann. Das ist das Kennzeichen jedes Dilemmas.

Bleibt die Umsichtigkeit jedes und jeder einzelnen von uns.

 

06.05.2020    Gott, ich bleibe immer bei dir ...

Der Beter des Psalm 73 spricht so. Aus dem Kontext heraus kann man ahnen, dass hinter diesem Lobpreis oder Versprechen Lebenserfahrung steht: nämlich die Erfahrung, dass es sich lohnt, egal, was auch passiert, auf Gott zu vertrauen - dass die göttliche Kraft mein Leben hält. Das möchte ich gerne glauben alle Tage meines Lebens - und ich wünsche es Ihnen und Euch

 

05.07.2020    Rassismuss im Alltag

Ich lese gerade "Was weisse Menschen nicht über Rassismuss hören wollen, aber wissen sollten" von Alice Hasters. Die Autorin kennt sich damit aus - mit den kleinen, oft unbewussten rassistischen Bemerkungen im Alltag. Das beginnt bei der Frage, die schwarze Menschen oft hören müssen: "Wo kommst du her?" Dahinter steckt die Vorstellung, dass schwarze Menschen nur zugewandert sein könnten. Alice Hasters antwortet dann "Ich bin in Köln geboren". Ihr Gegenüber scheint verwundert. Sie erzählt viele Erfahrungen aus ihrem Leben und ordnet sie ein. Alice  Hasters steht auf für eine gleichberechtigte Welt.

Die Lektüre des Buches lohnt sich für jede/n, die/der in sich das Gefühl oder die Meinung trägt, Schwarze hätte keinen selbstverständlichen Platz in unserer Gesellschaft. Und es ist ein Buch für alle, die bereits meinen, den eigenen Rassismus abgelegt zu haben.

 

04.07.2020   Geistlicher Notfallkoffer

Meine Mutter konnte viele Gebete auswendig. Das war gut so, denn sie wurde irgendwann so schwer krank, dass sie kein Buch mehr zum Beten nehmen konnte und ihr die eigenen Worte mühsam wurden oder fehlten. Und bis heute erlebe ich immer wieder Menschen, die mir sagen, dass sie ihren geistlichen Notfallkoffer gepackt haben für schwieirige Zeiten. Da können unterschiedliche Dinge hineingehören: Bibelzitate, gute Erinnerungen, innere Bilder,  stärkende Lebenshaltungen, mutige Gedanken, ... - Was packt du in deinen Koffer für schwere Tage?

 

02 - 03.07.2020    Ein Bild der Sehnsucht

Ich war in Basel. Es hat noch geklappt, dass ich die ausgezeichnete Ausstellung mit Bildern von Edward Hopper sehen konnte. Ein Bild hat es mir besonders an getan: Cape cod morning. 1950 ist es entstanden. Es zeigt auf der linken Seite ein Haus. Eine Frau steht in einem Erker und schaut in die Ferne. Ihr Ziel scheint außerhalb des Bildes zu liegen. Ihr Körper ist leicht nach vorne geneigt, die Hände sind leicht aufgestützt. Sie schaut in die Landschaft - eine Landschaft, die die Farben des Erkers aufnimmt. Ein Blick voller Sehnsucht - was sie in der Ferne erkennt, bleibt dem Betrachter verborgen oder auch überlassen, es selbst zu deuten.

Das Bild lädt mich ein, meiner eigenen Sehnucht nachzuspüren. Mit dieser Frau kann ich mich gut identifizieren. Es zieht sie magisch hinaus aus dem Haus, in dem sie sich gut eingerichet hatte, in dem sie lebt, sich mit Menschen trifft, aus dem sie allerdings auch immer wieder hinaus will - ins Weite, um Neues zu entdecken und ihrem Leben zu immer mehr Fülle zu verhelfen. Das wünsche ich allen Menschen, mir, Euch und Ihnen -die Fülle des Lebens.

 

01.07.2020     Impuls 103

Wenn ich richtig gezählt habe, ist das heute Impuls Nr. 103. Keine Jubiläumszahl, doch auch erwähnenswert. Jeden Tag kleine Reflektionen über das Leben, über die aktuellen Nachrichten, Kommentare zur Entwicklung der Pandemie, zu Fragen und Themen des Glaubens. Gerne gebe ich weiter, was mir auffällt. Gestern Abend traf sich eine kleine Gruppe und teilte Erfahrungen der vergangenen Monate. Da war alles drin: Freudiges und auch viel Leidvolles, Sorgen um nahestehende Menschen, die schwer krank sind, unendlich viele Herausforderungen im Alltag, die soviel mehr an Gewicht bekommen haben in dieser besonderen Zeit. Und gleichzeitig auch das Vertrauen auf Gott.

Passend zum 103. Impuls deshalb heute Psalm 103 in der Übersetzung "Hoffnung für alle" (Internetabruf heute: https://www.bibleserver.com/HFA/Psalm103):

1 Ich will den HERRN loben von ganzem Herzen, alles in mir soll seinen heiligen Namen preisen! 2 Ich will den HERRN loben und nie vergessen, wie viel Gutes er mir getan hat. 3 Ja, er vergibt mir meine ganze Schuld und heilt mich von allen Krankheiten! 4 Er bewahrt mich vor dem sicheren Tod und beschenkt mich mit seiner Liebe und Barmherzigkeit. 5 Mein Leben lang gibt er mir Gutes im Überfluss, er macht mich wieder jung und stark wie ein Adler. 6 Was der HERR tut, beweist seine Treue, den Unterdrückten verhilft er zu ihrem Recht. 7 Er weihte Mose in seine Pläne ein und ließ die Israeliten seine gewaltigen Taten erleben. 8 Barmherzig und gnädig ist der HERR, groß ist seine Geduld und grenzenlos seine Liebe! 9 Er beschuldigt uns nicht endlos und bleibt nicht für immer zornig. 10 Er bestraft uns nicht, wie wir es verdienen; unsere Sünden und Verfehlungen zahlt er uns nicht heim. 11 Denn so hoch, wie der Himmel über der Erde ist, so groß ist seine Liebe zu allen, die Ehrfurcht vor ihm haben. 12 So fern, wie der Osten vom Westen liegt, so weit wirft Gott unsere Schuld von uns fort! 13 Wie ein Vater seine Kinder liebt, so liebt der HERR alle, die ihn achten und ehren. 14 Denn er weiß, wie vergänglich wir sind; er vergisst nicht, dass wir nur Staub sind. 15 Der Mensch ist wie das Gras, er blüht wie eine Blume auf dem Feld. 16 Wenn der heiße Wüstenwind darüberfegt, ist sie spurlos verschwunden, und niemand weiß, wo sie gestanden hat. 17 Die Güte des HERRN aber bleibt für immer und ewig; sie gilt allen, die ihm mit Ehrfurcht begegnen. Auf seine Zusagen ist auch für die kommenden Generationen Verlass, 18 wenn sie sich an seinen Bund halten und seine Gebote befolgen. 19 Der HERR hat seinen Thron im Himmel errichtet, über alles herrscht er als König. 20 Lobt den HERRN, ihr mächtigen Engel, die ihr seinen Worten gehorcht und seine Befehle ausführt! 21 Lobt den HERRN, ihr himmlischen Heere, die ihr zu seinen Diensten steht und seinen Willen tut! 22 Lobt den HERRN, alle seine Geschöpfe, an allen Orten seiner Herrschaft soll man es hören! Auch ich will den HERRN loben von ganzem Herzen!

 

30.06.2020      Kolping für Senior/innen: Urlaub mit der Überraschungstasche

Viele können oder wollen dieses Jahr nicht wegfahren und verbringen den Sommer in Ergenzingen. Für alle Kolpingmitglieder und alle Bürger/innen, die teilnehmen möchten, bieten wir einen besonderen Urlaub an. Wir packen für Euch/Sie für zwei Wochen eine Überraschungstasche mit Ideen für jeden Tag vom 2.-16. August 2020. Die Ideen kann jede/r zuhause umsetzen. Teilnehmen kann jede/r ab 60 Jahre. Kosten entstehen keine. Geh aus mein Herz und finde Freud – dazu möchten wir beitragen. Anmeldung bis 17.7. bei Alfred Nisch unter Tel: 2525.
Wir sind ein Team von neun Personen, die für Euch und Sie die Aktion vorbereitet. Zwei Tage vor dem Starttermin bringen wir Euch Eure Tasche vorbei.

 

29.6.2020      Wer den Berg rauf geht, muss auch wieder runter

Gestern war ich mit einer Freundin in Horb unterwegs und wir stiegen viele Treppen auf und ab und es war steil. Ptöltzlich sagte sie: "Wer den Berg rauf will, muss dann auch wieder runter". Wir lachten herzhaft, weil wir ja eigentlich keine Berge bestiegen, uns gestern allerdings schnell die Puste ausging. Doch wir wurden so belohnt - mit wunderschönen angelegten kleinen Gärten, mit einem tollen Blick. Dieser banale Satz klingt nicht so, ist allerdings sehr tiefgründig. Ja, wer raufgeht, muss auch wieder herunter. Das ganze Leben ist voll von Höhen und Tiefen, den kleinen des Alltags und den großen Einschneidenden. Wie sehr hat uns die Coronakrise auf den Boden vieler Tatsachen gestellt. Bedeutete und bedeutet für so viele Menschen tiefe Einschnitte in das Gewohnte. Machte auf viele notwendige Veränderungen und Erneuerungen aufmerksam. Brachte vielen Leid, anderen einen Neuanfang.

Die Jünger, die mit Jesus den Berg Tabor bestiegen hatten, machten genau diese Erfahrung. Sie waren oben angekommen, hatten dort eine wunderbare Erfahrung und mussten sich dann wieder in den Alltag begeben, der seine eigenen Aufgaben und Herausforderungen für sie bereithielt. Zuvor wollten sie auf dem Gipfel des Berges noch drei Hütten bauen und die tiefen Augenblicke festhalten. Doch sie mussten lernen. Sie können nichts festhalten, sondern sich nur weiter dem Leben stellen, das keinen Stillstand kennt.

Übrigens endete unser kleiner Auflug auf dem Rauschbart im Biergarten, wo wir noch einmal mit einem wunderbaren Ausblick und einem schmackhaften Essen belohnt wurden, um dann rundum gestärkt in die neue Woche gehen zu können.

 

28.6.2020      Sonntagsgedanken          "Ich bin, weil wir sind"

Ubuntu - "Ich bin, weil wir sind". Von der südafrikansichen Philosophie lernen wir, dass jeder Mensch durch durch die Existenz anderer leben kann. Desmond Tutu beschreibt es so: »Ubuntu heißt, dass ich dich als Gegenüber brauche, um mich zu erkennen. Genauso wie du mich brauchst, um ganz du selbst zu werden«. Welch ein Schatz spricht aus diesem UBUNTU! Welche eine Weisheit für gelingendes Leben. Jeder Mensch ist ein Teil des Ganzen. 

„Ich bin, weil wir sind“ ist wie ein Kurzkommentar zur Lesung des heutigen Sonntags: 2 Könige 4,8-16. Der Prophet Elischa kommt immer wieder zu einer vornehmen Frau und ihrem Mann, um bei ihnen zu essen. Das wurde eine gute Gewohnheit. Die Frau kennt Elischa eigentlich gar nicht, sie vermutet allerdings, dass er ein besonderer Mensch sein muss. Sie hält ihn für einen Gottesmann. Für ihn möchte sie noch mehr Gutes tun. Sie überredet ihren Mann, ein kleines gemauertes Obergemach herzurichten und dort ein Bett, einen Stuhl und Leuchter für ihn bereitzustellen. Sie macht all dies, nicht weil sie etwas von Elischa erwartet, nein, sie lebt nach dem Sprichwort „ich bin, weil wir sind“. Die Erfahrung, die diese Frau mit Elischa später macht, ist großartig. Es ist eine Erfahrung, die ihr ganzes Leben verändert hat. Elischa versicherte ihr, dass ihre große Sehnsucht nach einen Sohn doch noch erfüllt werden wird. Er wird für sie einmal sorgen, wenn ihr schon alt gewordener Mann nicht mehr die Kraft haben wird, für sie da zu sein. „Ich bin, weil wir sind.“

 

27.06.2020    Seesterne

Ein alter Mann geht bei Sonnenuntergang den Strand entlang. Er beobachtet vor sich einen jungen Mann, der Seesterne aufhebt und ins Meer wirft. Er holt ihn schließlich ein und fragt ihn, warum er das denn tue. Der junge Mann antwortet, dass die gestrandeten Seesterne sterben, wenn sie bis Sonnenaufgang hier liegen bleiben. „Aber der Strand ist kilometerlang und tausende Seesterne liegen hier. Was macht es also für einen Unterschied, wenn Du Dich abmühst?“, sagt der alte Mann. Der junge Mann blickt auf den Seestern in seiner Hand und wirft ihn in die rettenden Wellen. Er schaut den alten Mann an und sagt: „Für diesen hier macht es einen Unterschied.“ (William Ashburne)

Die Geschichte stand heute in meiner Tageszeitung. Sie hat so viel zu tun mit unserer Art zu denken und zu leben. Lasst Euch anregen.

 

26.06.2020        Hör auf zu meckern

Mein tolles Buch "Ein Stückchen Glück für jeden Tag" empfiehlt heute "hör auf zu meckern". Ein wahrhaftig guter Tipp. Viele sehen gerne und schnell jedes Haar in der Suppe, erkennen sofort jeden Mißstand, maßregeln gerne jede/n, der/die nicht ihrer Meinung ist, tun Unzufriedenheit lautstark kund. Wirklich hilfreich ist das nicht, es sei denn, daraus wird ein produktiver kommunikativer Weg, viele DInge zu verbessern. Corona ist eine Zeit des In-sich-Gehens und ich erlebe auch eine Zeit des Meckerns UND des Aufdeckens vieler Aufgaben, die in unserer Gesellschaft angegangen werden müssten. Wenn letzteres dann zum Wohle aller passiert, ist Aufdecken ein guter Zug.

 

25.06.2020         Unterbrechungen

Impulseunterbrechung, weil meine Technik streikte. Unterbrechungen gibt es so viele in unserem Leben. Unterbrechungen bedeuten immer ein Achtsamsein auf das, was mir geschieht, auf das, was um mich herum passiert. Die letzten Monate haben unsere Achtsamkeit erhöht - die Achtsamkeit auf sich selbst, die anderen, die vielen Ereignisse selbst im Stillstand, die Überflutung mit Pandemienachrichten und ihren Folgen.

Tragen wir all das vor Gott, dass unsere Gedanken und Gefühle, unsere Sorgen und unsere Not bei ihm geborgen sind.

 

22.06.2020         Thomas Morus (1478-1535)

Sein Gedenktag ist heute. In seinem Werk "Utopia" entwarf er ein Gesellschaftsbild, in der die Gleichheit aller Bürger/innen, gemeinschaftlicher Besitz, Bildung und innerer Friede bestimmend sind. Für diese Utopie fand er nicht nur Zustimmung, sondern auch viel Ablehnung. Sein Ansatz folgt dem Prinzip der absoluten Würde des Menschen. Gemeinschaftlicher Besitz sind aus meiner Sicht heute gemeinsame Werte, für die sich alle oder mindestens viele einsetzen, ist unser Grundgesetz, ein gutes Gesundheitssystem und vieles andere mehr. Der Gemeinwohlgedanke steckt darin. Dieser Gemeinwohlgedanke prägte später Adolph Kolping. Es lohnt sich, diesen zu stärken.

 

21.06.2020         Vertraut den neuen Wegen, auf die der Herr uns weist

Der Anfang eines modernen Kirchenliedes regt mich immer wieder an, nachzudenken, welche neuen Wege denn Gott mit mir, mit uns, mit dieser Welt gehen möchte. Die lange Unterbrechung des Gewohnten durch Corona lenkt wie von selbst den Blick auf diese Frage. Und auch diese Frage ist wiederum eine Unterbrechung meines Alltags. Auf welchen Weg Gott mich persönlich weist, scheint manchmal klar auf, manchmal ist es noch nicht ganz klar zu sehen, nur in Umrissen. Unsere Gesellschaft und unsere Welt steht ebenso ständig vor der Frage, auf welchen Weg Gott weist, oder profaner gesagt, welche Aufgaben anstehen, damit alle in Frieden und Gerechtigkeit zusammenleben können. 

Leben heißt sich regen, Leben heißt wandern - heißt es weiter im Lied. Und bei dieser Lebensweise Gottes Bogen leuchtend am Himmel zu sehen - sein Treuezeichen an uns Menschen. Das wir Gottes Treue vertrauen, wwünsche ich uns allen.

 

20.06.2020          Weltflüchtlingstag

Das Coronavirus hat auf Menschen, die durch Flucht ihr Zuhause verloren haben, ein weiteres Risiko geschaffen. In überfüllten Flüchtlingslagern und in provisorischen Siedlungen kann sich das Virus viel schneller ausbreiten als wenn sie unter besten hygienischen Bedingungen leben könnten. In vielen Ländern, wie Syrien, Äthiopien, Burkina Faso, herrschen Nahrungsmangel und eine schlechte gesundheitliche Versorgung.

Jede/r von uns kann etwas tun – Sich informieren und selbst im eigenen Umfeld Aufklärungsarbeit leisten, etwas spenden, und nicht zuletzt beten.

 

19.06.2020          Wir hatten uns viel zu berichten …

… in der ersten Vorstandssitzung nach dem Lockdown. Voneinander hören wie es uns in den letzten Monaten erging. Das war total unterschiedlich. Für einige waren das Herunterfahren müssen und die Entschleunigung hart und wohltuend zugleich. Sich vormundet fühlen, weil man durch unterschiedlichste Hinweise immer wieder hörte, dass man geschützt werden müsse, war für einige hart, weil sie selbst wussten, wie sie sich am besten schützen können. Vom regelmäßigen Hausbeschulungseinsatz bei den Enkeln erzählt einer – anstrengend meinte er nur. Einige hatten mit ihrer eigenen Gesundheit ziemlich zu tun. Andere waren im Homeoffice oder arbeiteten normal an ihrem Arbeitsplatz weiter. Die Hoffnung, dass der Ausnahmezustand nur wenige Wochen dauern würde, hatte sich bei allen schnell zerschlagen. Die Proteste vieler Menschen gegen die Maßnahmen der Regierung konnte keiner nachvollziehen. Keiner sah Grundrechte in Gefahr, vielmehr war man sich einig, dass die Maßnahmen die Rettung waren, damit Covid 19 bei uns nicht zur totalen Katastrophe führte. Abstand halten hat wenig Sympathisches. Da hoffen alle, dass das einmal wieder anders werden wird. Den Freiwilligendienst in Peru abbrechen zu müssen, war hammerhart – herausgerissen werden aus den guten und wichtigen Erfahrungen.

Ich kann die vielen Nuancen gar nicht erzählen. Auf jeden Fall waren wir alle dankbar, durchgehalten zu haben. Nun stehen die Fragen an, wie Kolpingarbeit und –themen mit und nach Corona aussehen.

 

17.06.2020          Insolvenzen und Gewinner der Pandemie

Auf mehreren Seiten meiner Tageszeitung ist heute von bevorstehenden Insolvenzen die Rede. Das ist tragisch. Traditionsreiche Unternehmen schaffen es nicht mehr, sich am Markt zu halten. Für einige war Corona der Verstärker ihrer teils bereits brisanten Situation. Hoffentlich wird es gute Sozialpläne für die Mitarbeiter/innen geben. In der gleichen Zeitungsausgabe ist auch wieder von Gewinnern der Pandemie die Rede. Der Onlinehandel von einigen Unternehmen blüht und blüht. Das ist gut für diese Unternehmen. Die Auslieferungsbranche jedoch kommt kaum noch hinterher mit dem Pakete vor die Haustüren schleppen. Alles im Leben hat zwei Seiten. Diese Binsenweisheit ist so was von wahr. Unser Einkaufsverhalten wird es mit entscheiden, wer sich am Markt halten kann und wer ganz in der digitalen Welt aufgeht.

 

16.06.2020          Grenzen wieder geöffnet – und die Corona-Warn-App

Vorhin in den Nachrichten: Grenzen wieder geöffnet. Ich freue mich, endlich wieder nach Basel ins Museum zu können. Dort wurde – Gott sei Dank – eine Ausstellung mit Bildern von Ferdinand Hodler verlängert. Ich wollte sie unbedingt anschauen und habe mir ersatzweise schon mal das Buch zur Ausstellung gekauft.

Gleichzeitig in der Zeitung die Erläuterungen zur Corona-Warn-App gelesen. Nun ist sie da – für die einen endlich – für die anderen störend. Wie werdet Ihr reagieren? Werdet Ihr sie herunterladen, um mit dieser absolut datenschutzkonformen App mitzuhelfen, dass Corona nicht noch einmal die Oberhand gewinnt?

 

14.06.2020          Verschwörungstheorie?

Aus dem Newsletter der ökumenischen Initiative „andere zeiten“ von diesem Wochenende:

»Als ich neulich auf der Arbeit über Verschwörungstheorien schimpfte, sagte ein Kollege zu mir: ›Sei du mal ruhig! Als Christin bist du doch auch eine Verschwörungstheoretikerin!‹ Darauf fiel mir erstmal nichts ein. Ihnen?«
Christine Scholz, Kaufungen

»Verschwörungstheorien wollen komplizierte Sachverhalte möglichst einfach, ohne Rücksicht auf widersprechende Fakten erklären. Das Christentum, so wie ich es verstehe, möchte gar nichts erklären, sondern Trost, Kraft und Orientierung geben. Manchmal werden religiöse Überzeugungen allerdings als Erklärungen benutzt und dann wie Verschwörungstheorien verwendet (etwa: Pandemie = Strafe Gottes). Aber gegen solchen Missbrauch spricht der für mich schönste Satz der Bibel: ›Meine Gedanken sind nicht eure Gedanken‹ (Jesaja 55,8). Mit anderen Worten: ›Es ist alles durchdacht – aber ihr begreift es nicht. Vertraut mir einfach!‹«
Frank Hofmann

 

13.06.2020          Black Lives Matter

Übersetzt: „Schwarze Leben zählen“ ist eine Bewegung, die in den vergangenen Tagen in vieler Munde ist. Die Bewegung demonstriert gegen Rassismus – aktuell in Solidarität mit George Floyd. Die gebürtige Stuttgarterin Nadia Asiamah hat zusammen mit anderen jungen Menschen die Demonstrationen in Deutschland organisiert. Allen, die zu den „Silent-Demonstrationen“ gehen, gilt mein Respekt. Wie die Überlegungen zur Änderung des einen Satzes im Grundgesetz weitergehen, werden wir sehen. Eigentlich gibt es da nicht viel zu diskutieren. Dass das Thema Rassismus und wie gelingt es, ihn mindestens zu minimieren, neben Corona einen herausragenden Platz in den News findet, ist gut und überfällig gewesen.

 

12.06.2020          „Man kann Lebenshunger haben. Aber mit Lebensgier verfehlt man sein Ziel“

Etty Hillesum, die niederländische Lehrerin, in Auschwitz ermordet, hat das einmal gesagt. Sie war eine kluge philosophisch denkende Frau. Lebenshunger ist die Sehnsucht nach Glück und die Suche nach Fülle. Lebensgier beschreibt den Zustand, nie zufrieden zu sein, nie an dem Punkt zu kommen, Verantwortung für das Lebensglück, das man bereits gewonnen hat, zu übernehmen.

In den vergangenen Monaten haben wir neu unterscheiden gelernt zwischen Lebensgier und Lebensglück. Das möge uns und unserer Welt zu Gute kommen.

 

11.06.2020          Fronleichnam: „Hier bin ich Mensch, hier darf ich sein“

„Aus Goethes Faust stammt dieses Zitat. Faust entdeckt bei einem Osterspaziergang das Schöne in seinem Leben, nach unruhigen negativen Gedanken und Gefühlen in  seinem Leben erfüllt ihn wieder die Freude und der Blick nach vorn und er spürt „Hier bin ich Mensch, hier darf ich sein“.

Wer von uns möchte das nicht, einfach sein dürfen, leben ohne Reglementierung und Ressentiments, die Achtung und den Respekt der Menschen in seinem/ihrem Umfeld spürend, Anerkennung erhaltend. Genau um diese Würde geht es in der aktuellen Diskussion um neue Diskriminierungen und den Alltagsrassismus. Wer sich mit Tiefgang und gleichzeitig mit Humor dieser Thematik widmen möchte, dem sei Marius Jung empfohlen. Im Internet finden sich von ihm einige Spots zum Thema.

Fronleichnam hat durchaus viel mit diesem „Hier bin ich Mensch, hier darf ich sein“ zu tun, denn dieser Jesus war es, der allen Menschen genau diesen Respekt und diese Würde gab. Er würdigte Vielfalt und Diversität. Verschiedenheit der Menschen war für Jesus immer eine Gelegenheit, sich mit Menschen auseinanderzusetzen, ins Gespräch zu kommen, mit Klarheit versöhnend und heilen zu wirken. Genau das gehört zur Hingabe Jesu, die wir an Fronleichnam in der Verehrung eines Stückchen Brots feiern.

 

10.06.2020          Diskriminierung nimmt zu

So lese ich es gerade täglich in meiner Tageszeitung und es erschreckt mich auch täglich neu. Was denken sich Menschen, wenn sie andere diskriminieren? Welche Vorstellung haben sie vom höchsten Artikel des Grundgesetzes, dass die Würde des Menschen unantastbar ist und jede/r unabhängig seiner Herkunft, Religion und seines Standes dieses Recht hat? Dass viele gegen Diskriminierung und Rassismus aktuell auf die Straße gehen, freut mich.

Kolpingmenschen sind Mitglieder eines Verbandes, der sich für die Würde des Menschen und gerechte Lebens- und Arbeitsbedingungen einsetzt. Gerade jetzt sind wir aufgefordert, unseren Mund aufzumachen und gegen Diskriminierung und gegen Rassismus aufzustehen.

 

09.06.2020          Ich werde für dich sorgen

Kennst du diese Geschichte: Der Prophet Elija war in Not geraten. Kein Regen fiel auf das Land. Kein Wasser ist mehr da und keine Ernte. Er hat nichts zu essen und zu trinken. Elija hört die Stimme Gottes: Geh nach Sarepta und besuche die dort lebende Witwe und ihren Sohn. Sie wird für dich sorgen. Ohne zu zögern geht Elja zu ihr und bittet sie um Wasser und Brot. Da zeigt sich, dass sie selbst nichts hat. Sie bereitet sich mit ihrem Sohn auf ihre letzte Mahlzeit auf den letzten Resten vor, um dann zu sterben. Elija überredet sie, ihm noch eine Kleinigkeit zuzubereiten und verspricht ihr dazu auch noch, dass sie in Zukunft in Fülle leben würde. Keine Ahnung, was die Witwe bewogen hat, diesem törichten Versprechen zu glauben. Doch sie tut es und es geschieht wie Elija ihr gesagt hatte: Der Mehltopf wurde nicht leer, der Ölkrug versiegte nicht mehr (nach 1 Könige 1,1-16).

Kaum zu glauben, was dieses unverbrüchliche Vertrauen des Elija in seinen Gott und der Witwe in die Worte des Elija bewirkte. So geschehen Wunder: Im Zuspruch an den anderen, in der Verheißung und im Aufzeigen eines Weges. – Stehen wir einander bei in diesen Krisenmonaten, dann wird es allen gut ergehen.

 

08.06.2020          Seligpreisungen

Im heutigen Tagesevangelium werden uns die Seligpreisungen in der Fassung von Matthäus 5,1-12 vorgestellt.

In jener Zeit, als Jesus die vielen Menschen sah, die ihm folgten, stieg er auf einen Berg. Er setzte sich, und seine Jünger traten zu ihm. Dann begann er zu reden und lehrte sie.
Er sagte: Selig, die arm sind vor Gott; denn ihnen gehört das Himmelreich. Selig die Trauernden; denn sie werden getröstet werden. Selig, die keine Gewalt anwenden; denn sie werden das Land erben. Selig, die hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit; denn sie werden satt werden. Selig die Barmherzigen; denn sie werden Erbarmen finden. Selig, die ein reines Herz haben; denn sie werden Gott schauen. Selig, die Frieden stiften; denn sie werden Söhne Gottes genannt werden. Selig, die um der Gerechtigkeit willen verfolgt werden; denn ihnen gehört das Himmelreich.
Selig seid ihr, wenn ihr um meinetwillen beschimpft und verfolgt und auf alle mögliche Weise verleumdet werdet. Freut euch und jubelt: Euer Lohn im Himmel wird groß sein. Denn so wurden schon vor euch die Propheten verfolgt.

Die einen sagen: So funktioniert die Welt nicht. Die anderen setzen auf ihre Sehnsucht und wissen, dass sie sich erfüllen wird. Die einen sagen: Wer arm ist, hat selbst Schuld. Die anderen sehnen sich danach, dass ihr Lohn gerecht ist. Die einen sagen: Die Zeit heilt alle Wunden. Die anderen sehnen sich danach, dass ihre Tränen abgewischt werden. Die einen sagen: Der Krieg ist der Vater aller Dinge. Die anderen sehnen sich danach, dass Geschrei und Schmerz enden. Die einen sagen: Fleiß und Disziplin helfen gegen Hunger und Durst. Die anderen wissen, dass ihnen um Gottes willen niemand die Würde nehmen darf. Die einen sagen: Barmherzigkeit hat sich noch nie ausgezahlt. Die anderen sehnen sich danach, dass das Recht ströme wie Wasser. Die einen sagen: Die Welt will betrogen werden. Die anderen sehnen sich danach, dass Gerechtigkeit ströme wie ein nie versiegender Bach. Die einen reden vom Frieden und meinen ihren Sieg. Die anderen sehnen sich danach, dass sich Gerechtigkeit und Frieden küssen.
Wer sind wir? Die einen? Die Kinder Gottes voller Sehnsucht? Ach, wann wird sich die Sehnsucht der Kinder Gottes erfüllen?
(entnommen: Internetbruf 8.6.2020: https://www.maria-laach.de/te-deum-heute/)

 

07.06.2020          Gott offenbart und zeigt sich – kaum zu glauben

Aus dem Buch Exodus:
Früh am Morgen stand Mose auf und ging auf den Sinai hinauf, wie es ihm der HERR aufgetragen hatte. Die beiden steinernen Tafeln nahm er mit. Der HERR aber stieg in der Wolke herab und stellte sich dort neben ihn hin. Er rief den Namen des HERRN aus. Der HERR ging vor seinem Angesicht vorüber und rief: Der HERR ist der HERR, ein barmherziger und gnädiger Gott, langmütig und reich an Huld und Treue … Sofort verneigte sich Mose bis zur Erde und warf sich zu Boden. Er sagte: Wenn ich Gnade in deinen Augen gefunden habe, mein Herr, dann ziehe doch, mein Herr, in unserer Mitte!

Immer wieder fasziniert mich diese Stelle, in der Gott sich Mose so unmittelbar zeigt. Gott begibt sich auf Augenhöhe zu Mose – welch ein Segen für Mose. Welch‘ ein Segen für uns, zu wissen, dass Gott nicht irgendwo „droben in den Himmeln wohnt“, wie es ein Lied besingt, sondern mitten unter uns Menschen lebt und wirkt. Dieser Gott will mit uns in Beziehung sein – in enger Beziehung. Ja, Gott ist treu – das habe ich oft erfahren in meinem Leben und ich wünsche es Ihnen und Euch, dass Ihr spüren könnte: Gott ist treu – ob in Krisenzeiten oder im Routinealltag.

Einen gesegneten Sonntag!

 

06.06.2020          Grenzen abbauen und der Alltagsrassismus

Die europäischen Grenzen werden gerade wieder geöffnet, Reisen wird wieder möglich. Innerhalb des Schengenraumes wird bis Ende Juni die volle Freizügigkeit wiederhergestellt sein, so die Nachrichten. Viele betonen, wie wichtig es sei, Grenzen niederzureißen. Das meine ich auch. Ich denke dabei vor allem auch an die Grenzzäune in den Köpfen. Die Grenzen zum Nächsten, die Vorurteile gegenüber Menschen anderer Hautfarbe als der eigenen. Rassismus gibt es beabsichtigt und unbeabsichtigt in vielen Situationen. Werden wir aufmerksamer für die Menschen, mit denen wir zusammenleben, die in unserer Umgebung wohne und arbeiten – egal welcher Hautfarbe, Nation oder Religion. Stellen wir uns gegen Rassismus und gegen Gewalt gegen Menschen. Gehen wir, wenn nötig, dafür friedlich auf die Straße. Ein guter Weg für Kolpingmenschen.

 

04.06.2020          Die Welt steht auf dem Kopf

Bei der täglichen Zeitungslektüre fällt mir auf wie sehr dieses verrückte Virus die Welt auf den Kopf gestellt hat. Jeden Tag Berichte von den negativen Auswirkungen der Krise, viele Unternehmer/innen geraten finanziell ins Schleudern und fühlen sich am Abgrund stehend und zu wenig unterstützt. Dann gibt es da die tägliche Kolumne, in der Bürger/innen nach ihren Erfahrungen gefragt werden. Ich lese sie täglich mit viel Interesse an diesen persönlichen Erfahrungen, in denen alles zu finden ist: Angst, Trauer, Zufriedenheit, Einsichten. Eine kleine Einsicht habe ich in der Rubrik „Blick in die Welt“ entdeckt. Von dem Sänger Michael Schulte wird berichtet, dass er den Gartenfaible seiner Eltern nie verstehen konnte. Jetzt wisse er, dass man dort den Kopf frei bekommt, an der frischen Luft ist und es wachsen sieht. – Wesentliches im Kleinen entdecken und Wesentliches wiederentdecken, welch eine gute Nebenwirkung von Corona.

 

03.06.2020          „Die Imperia“

Gestern war ich in Konstanz und habe einem Freund die Stadt gezeigt. Schon im Auto erzählte ich begeistert von der Imperia, dem Wahrzeichen der Stadt. Peter Lenk hat sie 1993 geschaffen, die Frau mit der Narrenkappe, die an Balzacs hochgebildete Kurtisane erinnert, und die in ihren Händen die weltliche und die kirchliche Macht als zwei nackte Figuren trägt. Der Künstler versteht die beiden Figuren in den Händen der Imperia nicht als Anspielung auf das Konzil von Konstanz und das Käftespiel der Mächte, sondern bezeichnet sie als Gaukler. Das Kunstwerk war bei seiner Aufstellung umstritten. Besonders die Kirche fühlte sich angegriffen und forderte den Abbau. Sie steht noch immer – die Imperia und dreht sich innerhalb von vier Minuten um die eigene Achse. Sie blickt auf den See, sie blickt auf die Menschen, die in der Stadt Konstanz leben, arbeiten oder als Touristen unter anderem sie – die Imperia – bewundern. Die Imperia betrachtet die Welt mit ihren Augen mit der Narrenkappe. Der Narr macht auf Wahrheiten aufmerksam, denen man sich ungern stellt.

Mir zeigt die Imperia in dieser Coronazeit, in der Phase der Lockerungen, noch einmal mehr, wie die Kräfte dieser Welt aneinander zerren und sich aufreiben können. Die Imperia macht mich noch einmal mehr darauf aufmerksam, wie sehr es gilt, immer wieder die Güter abzuwägen, die Vor- und Nachteile einer Entscheidung und einer Handlung zu betrachten und die Balance zu finden, die gut ist.

 

02.06.2020          Verhülltes sieht man besser

Christo und Jean Claude, das Verhüllungskünstlerpaar machte sich ein gut katholisches Prinzip zu eigen. In katholischen Kirchen wird in der Passionszeit das Kreuz verhüllt. Diese Dramaturgie geschieht, um sensibel zu werden für das Verhüllte, um einen neuen Blick zu bekommen für das, was nun augenscheinlich nicht mehr sichtbar ist. Christo ist vor einigen Tagen gestorben und seiner Frau in die Ewigkeit gefolgt. Mitte der 1990er Jahre hatten sie den Reichstag verhüllt. Von Begeisterung bis ablehnendes Kopfschütteln gab es alle Reaktionen. Mit der Technik des Verhüllens will das Künstlerpaar auf Dinge aufmerksam machen, die sonst übersehen werden oder in Vergessenheit geraten. Sie wollen eine neue Aufmerksamkeit erzeugen, durch Verbergen auf das Wesentliche hinweisen, Gewohntes neu ins Bewusstsein bringen. Wenige Verse, bevor Paulus den Korinthern über die Geistesgaben ins Gewissen redet, stehen die Worte "Stückwerk ist unser Erkennen, Stückwerk unser prophetisches Reden. Wenn aber das Vollendete kommt, vergeht alles Stückwerk". Für den klaren Blick und die klare Erkenntnis muss sich vielleicht manchmal zuerst etwas vernebeln oder verhüllen, so dass ich dann genauer wahrnehmen kann, worum es geht, was mein Auftrag in der Gesellschaft ist. Dass uns das immer neu gelingen möge, wünsche ich uns allen.

 

01.06.2020          Pfingstmontag: Atme in uns, Heiliger Geist

Keine andere Bitte kann heute größer sein als dass Gottes Geist in uns atmen und wirken möge. „Wenn jener kommt, der Geist der Wahrheit, wird er euch in der ganzen Wahrheit leiten“ verspricht uns heute das Evangelium. In dieser Geistkraft steckt auch die Weisheit, die Einsicht und die Erkenntnis. All diese Kräfte brauchen wir, um die Ereignisse dieser Welt angemessen beurteilen und zukunftsfähig reagieren zu können. Was ist Wahrheit? Ich erlebe es immer wieder so, dass wir Menschen uns oft unsere eigene Wahrheit basteln entgegen besseren Wissens, dass Politiker sich die Dinge zurechtrücken wie sie sie brauchen, um Wahlen zu gewinnen, …

Der Geist der Wahrheit erledigt für uns nicht die Aufgabe der ausreichenden seriösen Information und Meinungsbildung, er enthebt uns nicht des eigenen Denkens, doch er leitet uns an zu unterscheiden, unsere eigene Disposition, wie wir zu Meinungen kommen, immer wieder zu überprüfen, um dann zu erkennen, was recht ist.

Vor dieser Aufgabe stehen seit Monaten Regierungen, Ärzte, Virologen, auch die Kirchen. Und neu dazu kommt nun die Aufgabe, zu formulieren, was wir in dieser Pandemie für die Zukunft lernen und für unseren jeweiligen Auftrag.

Deshalb: Atme in uns, Heiliger Geist

 

31.05.2020          Pfingsten: We shall overcome – Wir überwinden

Hat das Lied „We shall overcome“ etwas mit Pfingsten zu tun?
Der Song ist ein Protestlied aus der US-Bürgerrechtsbewegung und begann im Jahr 1945 seinen Siegeszug. Für die Anti-Apartsheidsbewegung in Südafrika, die Unabhängigkeitsbewegung in Bangladesh, die Jugendbewegung der 1970er und die Friedensbewegung der 1980er wurde der Song zur viel gesungenen Hymne. Heute wird er vor allem mit den Namen Pete Seeger und Joan Baez verbunden.

„We shall overcome“ ist ein durch und durch pfingstliches Lied. Es spricht von der Hoffnung auf der Veränderung aller Zustände von Ungerechtigkeit, Unfrieden und Angst. Mehr noch, es erzählt vom tiefen Glauben, dass die Nationen der Welt eines Tages Hand in Hand gehen werden. Das ist die tiefe Überzeugung, dass in dieser globalisierten Welt mit all ihren Krisen und Erschütterungen Gerechtigkeit für alle möglich sein wird, wenn alle die Einsicht haben, dass jeder Mensch eine unantastbare Würde und das Recht auf Gesundheit, genügend Einkommen und Glück hat. Wir werden in Frieden leben und keine Angst mehr haben – diese Vision trägt der Song in die Welt.

„We shall overcome“ könnten schon die Jünger und Jüngerinnen gesungen haben, als das Sprachenwunder, das wir heute Pfingsten nennen, geschah (Apostelgeschichte 2,1-11). Denn da passierte es, dass sie all ihre Unsicherheit und alle Irritationen nach Jesu Tod und Auferstehung überwinden konnten. Sie hörten einander in vielen Sprachen reden. Sie verstanden einander auf neue Weise. Sie erkannten, worauf es ankommt. Sie machten die Erfahrung, dass der Geist Jesu sie beflügeln würde, dass er ihnen die Kraft und den Mut schenken würde, neue Wege zu gehen – trotz aller Gefährdungen und Risiken. Und sie gingen hinein in die Welt.

Wie Gottes Geist die Jünger und Jüngerinnen in der jungen christlichen Gemeinde in Bewegung brachte und sie aus ihren Häusern hinausgingen und sich senden ließen in alle Welt, so möge uns heute Gottes Geist in Bewegung setzen und aus den Häusern herausreißen, so dass wir singen „We shall overcome“ – Wir werden all die Ungereimtheiten auf dieser Welt überwinden, wir werden wieder aufleben und aufblühen in und nach dieser Coronakrise, wir werden gereift und mit neuer Kraft sehen, wo wir anpacken sollen, wir werden unseren Auftrag in dieser Welt kraftvoll angehen. Wir werden unseren Auftrag als Kolpingmenschen erfüllen.

In diesem Geist: gesegnete und frohe Pfingsttage.

https://www.youtube.com/watch?v=eAK1rnmYi30 – gesungen vom Tübinger Chor Semiseria in Zeiten von Corona – unbedingt aufrufen

Joan Baez: https://www.youtube.com/watch?v=1osKWCDXl40
Pete Seeger: https://www.youtube.com/watch?v=yId_ABmtw-w

 

30.05.2020          Da ist Luft nach oben drin

Wir kennen diese Redewendung und benutzen sie, wenn wir das Gefühl haben, dass in einer bestimmten Situation die Lösung noch nicht ausgereift ist, dass noch Entscheidendes fehlt, dass noch wesentliche Verbesserungen möglich sind.

Die Jünger und Jüngerinnen Jesu spürten nach seinem Tod und seiner Auferstehung, dass noch Luft nach oben drin ist. Sie waren in eine Lebensphase gekommen, in der sie nicht so recht wussten wie sie ihren Weg weitergehen sollten. Immer wieder waren sie irritiert und verwirrt. Da war wohl noch Luft nach oben drin bei der Suche nach dem, was durch sie und mit ihnen von der Botschaft Jesu würde weiterwachsen können. Da war Luft nach oben drin, ihre Sendung zu klären.

Mir fällt dabei das Spiel mit prall gefüllten Luftballons ein. Luftballons sind für mich ein Zeichen für die Botschaft des Pfingstfestes. An Pfingsten feiern wir jedes Jahr neu, dass noch Luft nach oben drin ist. Wir feiern, dass wir täglich neu Jesu Geist in unserer Mitte brauchen – vielleicht in diesem Jahr umso mehr, da es viel Geist braucht, um die Covid19-Pandemie zu bewältigen.

„Da ist die Luft draußen“ ist auch so eine Redeweise, die uns zeigt, dass es darum geht, stets genau hinzuschauen. Wie Luftballons sich aufblasen lassen und dann mit großer Leichtigkeit zum Himmel fliegen, so dürfen wir uns an Pfingsten wieder darauf einlassen, dass Jesu Geist uns erfüllen wird, dass sein Geist uns spüren lässt wie wir die Luft wieder in den Ballon einströmen lassen und erkennen, welche Luft nach oben in den Herausforderungen des Lebens da ist.

 

29.05.2020          Wir haben auf vieles verzichtet. Freuen wir uns auf, das was vor uns liegt.

Dieser Werbeslogan ist gerade auf SWR1 zu hören. Nein, es geht nicht um Fastenzeit und dann ist Ostern; es geht auch nicht um das Warten auf Weihnachten. Und auch nicht um ein Diätprogramm und das danach. Es geht ums neue Auto. Und unbewusst um die Suggestion als sei die Covid-19-Gefahr gebannt. Der Slogan gaukelt heile Welt vor – je nachdem wie man ihn betont. Er sagt auch Wahres – es stimmt ja, dass wir auf Vieles verzichtet haben und uns nun freuen können über die bereits vielen Lockerungen. Das zu genießen bedeutet Freude. Dennoch bleibt ein wenig Beigeschmack, denn jede/r von uns weiß, wie viel Vorsicht noch geboten ist, um das Erreichte nicht zu zerstören.

Der Slogan erinnert mich an viele Erfahrungen, die die Bibel uns überliefert. Wie oft waren da Menschen und ganze Völker in der Krise, sie mussten sich einschränken, auf vieles verzichten, waren manchmal am Ende ihrer Kraft und ihrer Hoffnung. Was sie gehalten hat war das Versprechen ihres Gottes, dessen Name JHWH ist – das bedeutet: „Ich bin der ich für euch da bin“. Daran haben die Menschen der Bibel vertraut. Ihr Vertrauen wurde nicht enttäuscht.

„Ich bin bei Euch alle Tage bis ans Ende der Welt“ ruft uns Jesus einmal zu. Welch ein Schatz ist doch dieses Wort, das uns Zuversicht, inneren Frieden und Mut für den Blick nach vorn schenken möchte.

Ich vertraue darauf.

 

28.05.2020          Die neuen Ängste

Coronalockerungen machen den einen Angst, die anderen sind einfach nur glücklich darüber. Viele fürchten um ihre Existenz, um Verlust des Arbeitsplatzes, Insolvenzen wird es viele geben. Gelassen kommt dabei heute der Artikel über einem Hemdenhersteller im Ländle rüber, der sich sicher ist, die Krise zu überstehen. Gelassen die einen, aufgeregt die anderen. Und beide habe Recht. Die Sorgen sind aktuell groß. Viele suchen finanzielle Unterstützung, viele fühlen sich ungerecht behandelt, manche fühlen sich als die Verlierer der Krise, manche fühlen sich als Gewinner und sagen, sie gehen gestärkt aus der Krise. – Was ist eigentlich mit den Kirchen in dieser Ausnahme-Zeit? Auch da gibt es Ängste unter Mitarbeiter/innen, unter Gemeindemitgliedern, keiner kann sagen, wie Gemeindeleben mit Corona und danach geht. Manche erwecken das Gefühl „zurück zur gewohnten Tagesordnung“, andere sagen „vieles muss anders werden“. Ich bin gespannt.

Welche Botschaft hält Jesus für uns bereit? Wahrscheinlich sein beharrliches „Fürchtet Euch nicht“ und „Ich sende euch den Beistand, den heiligen Geist“. Hören wir genau hin.

 

26.05.2020          Das Gewöhnliche ungewöhnlich tun

Mein Gott, ich wüsste gern den Weg, auf dem man zum Himmel kommt.“ Das ist von Philipp Neri so überliefert. Heute feiern wir seinen Gedenktag. Für ihn war dann der Alltag der Weg zum Himmel, die ständige Suche nach Gott in allen Dingen und das Gewöhnliche ungewöhnlich zu tun. Viel leichter ist es, außergewöhnliche und besondere Dinge zu tun, die dann Aufsehen erregen, indem andere darüber sprechen. Das Gewöhnliche außergewöhnlich zu tun, dazu ist kreatives Potential gefragt. Das hatte Philipp Neri. Das Gewöhnliche ungewöhnlich zu tun, haben wir in den letzten Monaten wieder gelernt und gezeigt in all dem, was da an Initiativen neu entstanden ist. Singen auf Balkonen, Onlinesingen, den Enkeln online vorlesen, … das hätten wir nie getan ohne die Pandemie. Aufsehen haben wir damit erregt, wertschätzendes Aufsehen. Mögen diese Dinge in wieder neuen Formen erhalten bleiben, wenn es wieder das gibt, was wir einmal Normalität nannten. Der Himmel steht uns dazu offen.

 

25.5.2020            Auf Pfingsten zugehen

Freiheit schafft Verantwortung. Das spüren wir zur Zeit überdeutlich. Die Freiheit, die wir in unseren Land genießen, die Grundrechte, die uns zustehen, stellen jede und jeden von uns in eine große Verantwortung. Jetzt, da die Pandemie eingedämmt ist – hoffentlich – und immer mehr Lockerungen vom Kock down täglich kommen, umso mehr ist unsere Verantwortung gefragt, wenn wir all das, was wir als unsere Freiheiten schätzen wieder pflegen: Eis essen gehen, Einkehren, ins Fitnesscenter gehen, Kinderbetreuung wahrnehmen, wieder in die Schule gehen, … sich in gemütlicher Runde treffen. Auch hier ist Durchhaltevermögen und Stärke gefragt. Auch hier ist die Unterscheidung der Geister gefragt, die täglich Entscheidung, was jetzt angebracht ist und in welchen Situationen weiterhin Zurückhaltung geboten ist. Auf dem Weg nach Pfingsten lohnt es sich, diesen Geist der Unterscheidung zu pflegen. Profaner und moralischer ha es einmal der frühere Bundeskanzler Helmut Schmidt (1918-2015) gesagt: „In der Krise beweist sich der Charakter“.

 

23./24.5.2020    „Du hast sie mir gegeben“

Diese wenigen Worte Jesu machen den Charme des Evangeliums vom 7. Sonntag der Osterzeit aus. Sie finden sich im Abschiedsgebet Jesu an seinen Gott, den er Vater nennt. Er spricht diese wenigen Worte in seiner größten Krise, in der er ahnt, was auf ihn zukommen würde, in den Stunden, in denen sich für Jesus alles ändern würde.

Wie sehr wünschen wir uns das in dieser Coronazeit – uns anvertrauen zu können, um sich ein Stück anzulehnen, um sich gehalten zu wissen. Der Sprecher des Wortes zum Sonntag, das die Diözese regelmäßig veröffentlicht, erzählt genau davon:

https://www.youtube.com/watch?v=3BKEa-p-rZg&feature=youtu.be

 

22.05.2020          Auf Pfingsten zugehen

Den Text von Mechthild Bettinger habe ich wieder entdeckt. Leider kenne ich die Quelle nicht.

Komm Heiliger Geist

Brausen, das uns aufweckt,
in Bewegung bringt,
uns aufbrechen lässt.

Feuersturm,
der unsere Liebe zu Dir neu entzündet.
Licht, das uns den Weg zeigt zu dem, was wirklich wichtig ist.

Erfülle die Kirche mit neuem Elan.
Lass sie sich neu orientieren
am Leben der ersten Christen.

Nur DU kannst unsere
verkrusteten Strukturen aufbrechen.

Nur DU kannst jeder und jedem von uns
den Glauben stärken,
dass DU die Kirche nicht verlässt,
dass DU in ihr und mit ihr bist
trotz allem,
was tot, leer, verhärtet ist
trotz aller Schuld, aller Menschlichkeit.

Oder gerade deswegen?

Den neuen Schwung für unsere Kirche wünsche ich mir sehr! Wer will Verkrustung aufbrechen – und wer entscheidet, was verkrustet ist? Ich bin etwas ohne Illusionen.

 

21.05.2020          Christi Himmelfahrt

 

In einer Predigt von Andreas Knapp war folgendes zu lesen, das ich gerne heute mit auf den Weg geben möchte.

Bisher war der Himmel in Jesus Christus gegenwärtig, und die Jünger haben auf ihn, auf die Gegenwart des Reiches Gottes in ihm, geschaut. Andreas Knapp \ 64 Aber jetzt fragen die beiden Engel: Ihr Männer von Galiläa, was steht ihr da und schaut zum Himmel empor?" (Apg 1,11) Die beiden Engel sagen den Jüngern gewissermaßen: Ihr habt in Jesus erfahren, was es heißt: Der Himmel ist auf Erden. Nun seid ihr dran. Auch in euch kann dieser Himmel auf Erden ankommen. Auch in euch kann der Himmel schon wachsen. In eurem Leben kann bereits ein Stück Himmel anbrechen, wenn ihr nämlich den Willen Gottes erfüllt. Wenn ihr lebt, wie Jesus Christus gelebt hat. Aus seinem Geist, dem Heiligen Geist, leben, das heißt: den Willen Gottes tun, wie er es vorgelebt hat. Dann wird Gottes Reich unter euch lebendig, bricht der Himmel ein auf diese Erde. Jeder gute Mensch ist ein Himmel Gottes" (Tauler). Im Willen Gottes stimmen die beiden Gleichungen: Wie im Himmel, so auf Erden - wie auf Erden, so im Himmel." Die Grenzen zwischen Himmel und Erde werden fließend. So wie in Jesus ein Stück Himmel auf Erden war und mit ihm ein Stück Erde in den Himmel gegangen ist, so kann auch durch die Jünger und durch alle Christen ein Stück Himmel gegenwärtig werden und kann durch sie ein Stück Erde zum Himmel kommen. Das Endziel dieser Bewegung ist nach Paulus: dass Christus alles dem Willen des Vaters unterwerfe und dass Gott dann alles in allem ist (vgl. 1 Kor 15,28). Wenn Gott alles in allem ist, dann gibt es keine Trennung mehr zwischen Himmel und Erde, sondern Gott ist ganz in der Welt, und die Welt ist ganz in Gott. In Christus können wir dieses Ziel schon leuchten sehen. Es käme darauf an, auf ihn zu schauen, nicht von Trauer gelähmt wie die Jünger, sondern von seinem Geist erfüllt.

 

Quelle: file:///C:/Users/Claudia/Downloads/65_1992_3_161_164_Knapp_0%20(2).pdf

 

20.05.2020          Ich-Zeit

„Verbringe einen Tag mit dir allein“. In den vergangenen Wochen brauchte ich mir keine Sorgen zu machen, nicht genug Ruhezeit und Ich-Zeit zu haben. Während ich genug Ich-Zeit und Entschleunigung hatte, denke ich an die vielen, die keine Ich-Zeit hatten, weil sie für uns und für andere sorgten. Ihnen gönne ich von Herzen, dass sie sich bald Ich-Tage gönnen können, dass sie die Füße hochlegen können, ausruhen, loslassen, neue Kraft schöpfen. Und dass Gott sie segne.

 

19.05.2020          Schwelge in Erinnerungen

Heute Morgen habe ich wieder einmal in mein „Ein Stückchen Glück für jeden Tag“-Buch geschaut. Der Slogan „Schwelge in Erinnerungen“ hat mich heute angesprochen, denn ich habe damit in den vergangenen Wochen viele gute Erfahrungen gemacht. In Zeiten der Entbehrung und des anderen Lebensrhythmus‘, in Zeiten, in denen ganz schnell eine neue Orientierung her muss, da helfen die guten Erinnerungen und Erfahrungen, es helfen auch die Erinnerungen an vergangene Krisenzeiten. Die Kraft der Erinnerung war es in den vergangenen Wochen oft, die mir Mut gemacht hat. Die Erinnerung an Begegnungen, gute Worte, Ereignisse, Städtetouren – ich kann stundenlang Kunstmuseen besuchen - , Wanderungen, Radtouren, schöne Pflanzen, Parks.

Alles hat seine Zeit, sagt das biblische Buch Kohelet in Kapitel 3.

Alles hat seine Stunde. Für jedes Geschehen unter dem Himmel gibt es eine bestimmte Zeit:

eine Zeit zum Gebären / und eine Zeit zum Sterben, / eine Zeit zum Pflanzen / und eine Zeit zum Ausreißen der Pflanzen, eine Zeit zum Heilen, / eine Zeit zum Niederreißen / und eine Zeit zum Bauen, eine Zeit zum Weinen / und eine Zeit zum Lachen, / eine Zeit für die Klage / und eine Zeit für den Tanz; eine Zeit zum Steinewerfen / und eine Zeit zum Steinesammeln, / eine Zeit zum Umarmen / und eine Zeit, die Umarmung zu lösen, eine Zeit zum Suchen / und eine Zeit zum Verlieren, / eine Zeit zum Behalten/ und eine Zeit zum Wegwerfen, eine Zeit zum Zerreißen/ und eine Zeit zum Zusammennähen, / eine Zeit zum Schweigen / und eine Zeit zum Reden, eine Zeit zum Lieben / und eine Zeit zum Hassen, / eine Zeit für den Krieg / und eine Zeit für den Frieden.

Ich hatte erkannt: Es gibt kein in allem Tun gründendes Glück, es sei denn, ein jeder freut sich und so verschafft er sich Glück, während er noch lebt, wobei zugleich immer, wenn ein Mensch isst und trinkt und durch seinen ganzen Besitz das Glück kennenlernt, das ein Geschenk Gottes ist. Jetzt erkannte ich: Alles, was Gott tut, geschieht in Ewigkeit. Man kann nichts hinzufügen und nichts abschneiden und Gott hat bewirkt, dass die Menschen ihn ehren.

 

18.05.2020          Was haben wir aus der Krise gelernt

Auch diese Propheten sind gerade unterwegs, die uns sagen wollen, was wir aus der Krise gelernt haben. Vielleicht wäre es richtiger zu sagen: Was haben wir in der Krise gelernt: Solidarität, Abstand halten, Hygienevorschriften, was systemerhaltende Berufe und Einrichtungen sind, Wertschätzung für die, die pflegen, an den Kassen sitzen usw., die Einsicht, dass Freiheit nicht heißt, alles zu jeder Zeit nach eigenem Beleben tun können …. Was wir aus der Krise gelernt haben, würde ich heute nicht behaupten wollen, es zu wissen. Das wird sich zeigen. Was sich bereits zeigt: mit Einschränkungen leben zu sollen, führt auch bald zum Protest. Wir erleben es. Da möge uns ein guter Geist helfen, das rechte Maß und den rechten Zeitpunkt zu wählen.

 

17.05.2020          Heute beginnt das JUNIA-Jahr

„Starre nicht auf das, was früher war, steh nicht stille im Vergangenen, ich, sagt Er, mache neuen Anfang, es hat schon begonnen, merkst du es nicht?“ Was wir beim Propheten Jesaja lesen, möchte die Juniinitiative realisieren.

Die Apostolin Junia wurde jahrhundertelang in der Bibel als Mann (Junias) ausgegeben, um ihre wichtige Rolle beim Kirche werden zu verschleiern. Erst die aktuelle Einheitsübersetzung der Bibel gab ihr ihre Würde zurück. Junia steht für alle Frauen, die sich für die gleiche Würde von Männern und Frauen in der Kirche einsetzen; sie steht für alle Frauen, die ihre Berufung zur sakramentalen Sendung in der Kirche spüren und diese endlich leben wollen.

Die Apostolin Junia ist der Ausgangspunkt für die Frage, was wir von ihr und dem ebenfalls gesandten Andronikus, der mit ihr unterwegs war, persönlich und als Kirche heute wieder neu lernen und bedenken könnten, welche Aufbrüche dazu beitragen, dass der in Gemeinschaft praktizierte Glaube lebendig bleibt.

Die bisherige Lösung sieht so aus: Nur Männer werden geweiht. Gibt es zu wenige Männer, die sich zum zölibatären Priestertum berufen fühlen, dann bleiben Stellen lieber vakant als endlich allen Frauen, die die Berufung zum Priesterinnensein bzw. zur sakramentalen Sendung verspüren, auch zu ordinieren. Es ist längst Zeit für eine Wandlung in der Weltkirche, wenn wir  glaubwürdig Kirche sein und wieder werden wollen.

Die Apostolin Junia passt zum 6. Sonntag der Osterzeit, an dem wir die Rede Jesu hören, in der er den Heiligen Geist als Beistand, als den Erkenntnisgeber zu senden verspricht.

Machen wir uns als Frauen und als Männer auf zu einem neuen Selbstbewusstsein von Kirche, dass in der sakramentalen Sendung von Männern UND Frauen eine Zukunft sieht.

https://juniainitiative.com/

 

16.05.2020          Seid stets bereit, jedem Rede und Antwort zu stehen von der Hoffnung, die euch erfüllt

In dem „stets“ steckt schon eine große Erwartungshaltung mindestens des Schreibers des ersten Petrusbriefes. Oder bist du schon einmal gefragt worden nach deiner Hoffnung, die dich erfüllt? Als ich die Mitglieder einer Whatsappgruppe anschrieb und nach ihren Geschichten fragte, bekam ich keine Resonanz. Es gab auch keine Resonanz als ich einige Tage später bedauerte, dass mir niemand geschrieben hatte.

Sind wir es nicht gewohnt, unsere Hoffnungsgeschichten einander zu erzählen? Denn wir haben solche Geschichten in unseren Erinnerungen und genau diese Geschichten sind es jetzt auch, die uns stark machen, die Coronazeit zu bestehen.

Das wünsche ich uns allen zu diesem Wochenende, dass wir unsere Hoffnungsgeschichten herauskramen und uns an sie bewusst erinnern und einander vielleicht auch erzählen – gerne an hofrichter.kolping.ergenzingen@gmail.com

https://kf-ergenzingen.drs.de/aktuell/ansicht/news/detail/News/hausgottesdienst-zum-6-sonntag-der-osterzeit-20150.html

15.05.2020          Liegen da die Nerven blank?

Verschwörungstheorien, Fake News, Anti-Corona-Maßnahmen-Demos, Aufregersätze von Politikern erregen viele Gemüter. Kampf um den Sommerurlaub.
Ich kann verstehen, dass sich viele Sorgen um ihre Zukunft und um ihre Existenz machen. Ich kann das alles verstehen. Ich kann nicht verstehen, wie Menschen sich Meinungsmachern, die Krise sei selbst gemacht und die Pandemie eigentlich keine gewesen …, anschließen. Und dass manche Kirchenvertreter unter ihnen sind, darüber rege ich mich auf. Nein, das kann ich nicht verstehen. Wir kennen viele Zahlen, wir kennen nicht die Dunkelziffer der Erkrankten und Verstorbenen.

Zehn Wochen ohne Normalität und die Aussicht auf Beschränkungen für den Sommerurlaub – was ist das im Blick auf all die Möglichkeiten meiner Gesamtlebenszeit? Da relativiert sich dann vielleicht manche Aufregung wieder und ermöglicht mit auch einen erholsamen Urlaub im Land.

 

14.05.2020          Weltgebetstag der Weltreligionen gegen Corona

Das von den Vereinigten Arabischen Emiraten initiierte "Hohe Komitee der menschlichen Brüderlichkeit" (Higher Committee of Human Fraternity) hat den 14. Mai als weltweiten Gebetstag gegen die Corona-Pandemie vorgeschlagen. Man dürfe in der aktuellen Krise "nicht vergessen, sich an Gott den Schöpfer zu wenden". Jeder Mensch - egal, in welchem Land oder welcher Religion - möge sich an dem Gebet beteiligen.

Beten wir mit – mit zwei Klicks seid Ihr beim Gebetstext

https://kf-ergenzingen.drs.de/aktuell/ansicht/news/detail/News/weltweites-gebet-der-religionen-in-der-coronakrise-20094.html

oder gleich hier zum Gebet: https://kf-ergenzingen.drs.de/fileadmin/user_files/150/Bilder/Kolpingsfamilie_Ergenzingen/KF_2020/Gottesdienste/Weltweites_Gebet_aller_Religionen_in_der_Corona-Krise_am_14._Mai_2020.pdf

 

13.05.2020          Wir dürfen wieder … - wir schließen …

Wie oft ist das in den letzten Tagen in großen Lettern in Zeitungsanzeigen zu lesen! Wir dürfen wieder öffnen. Wir sind für unsere Kundschaft wieder da. Gleichzeitig gibt es in vielen Branchen die Klage, dass die Ströme an Kaufwilligen noch nicht so richtig fließen wollen. Es gäbe noch Zurückhaltung im Handel. Überhaupt ist die Tagespresse in den vergangenen Tagen ein einziges Klagelied über die unerfüllten Bedürfnisse von Sportvereinen und dem Fußball, Familiennot, Homeschooling, wirtschaftlichen Folgen von Corona für Firmen, Künstler, Tourismus, und und und.

Ich verstehe das ja alles, doch es ist kaum noch von den Maßnahmen die Rede, die unser Leben retten. Was sind die Einschränkungen der letzten 10 Wochen gegen ein ganzes Leben und die vielen Lebensjahre. Und es gibt auch die Profiteure der Krise. Manchen Unternehmen hat die Krise Aufschwung gebracht. Das geht fast unter in all den anderen Nachrichten.

Die Nachricht meiner Nachbarn heute: Wir schließen die Restauration. Die Coronaauflagen sind zu hoch. Da geht eine Ära zu Ende. Die kleine Kneipe an der Ecke, an der man zum Bahnhof abbiegt, hatte eine lange Tradition. Viele Alltagsgeschichten wurden dort einander erzählt, viel Lebensbegleitung geschenkt, viele Feste gefeiert, viel gelacht und viel getrauert. Ja, EINKEHR hatte man dort – zusammen kommen mit anderen, zu sich kommen, genießen, Leben teilen. Die Stammgäste betrauern die Schließung. Die Inhaber danken für viele gute gemeinsame Stunden und Begegnungen. Die guten Erinnerungen und Geschichten, die dort erzählt wurden, bleiben im Gedächtnis. Und wir wissen ja, dass wir Menschen aus guten Erinnerungen unsere Kraft schöpfen und wieder nach vorne blicken können.

 

12.05.2020          Heute ist der Internationale Tag der Pflegenden

„Pflegefachkräfte sind tragende Säulen und wertvolle Ressource eines jeden Gesundheitssystems. Dies führt die Corona-Krise noch einmal überdeutlich vor Augen.“ So steht es heute in meiner Tageszeitung. Und genau das haben wir die letzten langen Wochen erlebt und glauben es hoffentlich nun auch. Die Pflegenden bekamen viel Applaus und Wertschätzung – so viel wie nie zuvor. Florence Nightingale – die wohl berühmteste Pflegerin, die in diesem Jahr 200. Geburtstag hätte – hat zu ihrer Zeit die Pflege revolutioniert und professionalisiert. Wie nie zuvor stehen in diesem Jahr die Pflegenden im Blickpunkt. – Möge es gelingen, unser Gesundheitssystem wieder in eine ausgewogene Balance zwischen Arbeitszeit – Bezahlung – Risiken zu bringen. Vielleicht stärkt das dann auch die Attraktivität des Berufes wieder. Dass viel möglich ist an Bewegung, an politischen Maßnahmen, die sinnvoll sind, das zeigt die Corona-Krise. Und dass es schnell gehen kann, zeigt die Krise ebenso.

Nicht zu vergessen sind auch all die pflegenden Angehörigen, die nur selten Entlastung haben und sich seit langem auch nicht genug gewürdigt und unterstützt fühlen von der Bevölkerung und von der Politik.

Zitate von Florence Nightingale:

Krankenpflege ist keine Ferienarbeit.
Sie ist eine Kunst und fordert, wenn sie Kunst werden soll,
eine ebenso große Hingabe, eine ebenso große Vorbereitung,
wie das Werk eines Malers oder Bildhauers.
Denn was bedeutet die Arbeit an toter Leinwand oder kaltem Marmor
im Vergleich zu der am lebendigen Körper,
dem Tempel für den Geist Gottes?

Gäbe es niemanden,
der unzufrieden wäre mit dem, was er hat,
würde die Welt niemals besser werden.

Herz, du verlierst sehr viel, wenn du nichts aushältst!

 

11.05.2020          Badische Grabschäufele

heisst ein Buch (hrsg. Anne Grießer), das ich zum Geburtstag geschenkt bekam. Es ist eine Mischung aus Kurzkrimis und Rezepten aus der badischen Küche – für mich, die im Grenzgebiet Baden-Franken-Hohenlohe aufgewachsen ist, ein wunderbares entspannt zu lesendes Buch. Ich habe sofort damit angefangen und empfehle es nun gern weiter.

Ansonsten – auch heute ist meine Tageszeitung voll von Coronanachrichten über die Demonstrationen gegen die Coronabeschränkungen, über die finanziellen Hilfspakete, über die ersten Gottesdienste = Eucharistiefeiern im Coronamodus … Dazu ein anderes Mal.

Ich wünsche allen gedeihliche Tage und allen Segen.

 

10.05.2020          „Euer Herz sei lasse sich nicht verwirren. Glaubt an Gott und glaubt an mich …“

So lässt der Evangelist Johannes Jesus im heutigen Sonntagsevangelium sagen. Ein starker Satz, der einem einiges zumutet und abverlangt in dieser Coronazeit, in der langsam auch wieder die verdrängten Themen auftauchen und der Blick sich wieder etwas weitet auf andere Kontinente und auf die großen Zusammenhänge, die jetzt zu sehen sind, wenn man Corona wirklich besiegen will und alle Staaten ihre Verantwortung für die Weltgemeinschaft wahrnehmen müssen, um die wirtschaftlichen Schäden und den Überlebenshunger vieler Menschen in den afrikanischen Ländern richtig zu bewerten und die richtigen Schritte einzuleiten.

Da ist es relativ leicht daher gesagt von diesem Jesus: „Euer Herz lasse sich nicht verwirren“. Und es geht dann gerade so weiter: Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben“. – „Ich zeige euch den Weg zum Vater“. – „Wer mich gesehen hat, hat den Vater gesehen“. Lösungsorientiert ist dieser Jesus, doch etwas kompliziert drückt er sich aus. In jedem Gedanken steckt eine ganze Erfahrungswelt. Es liegt an uns, diese gehaltvollen Sätze zu meditieren, tief in sie einzutauchen und unsere Erfahrungen damit zu entdecken.

Einen gesegneten Sonntag.

 

09.05.2020          Dünnhäutig

Wir sind dünnhäutig geworden. Wochenlange Kontaktsperre macht sensibel für unser natürliches Bedürfnis nach Nähe. Abstand halten widerspricht eigentlich auch unserem Bedürfnis nach den Zeichen der Sympathie und des wohlwollenden Gefühls für den anderen. … Und dann haben wir angefangen, all die Coronaeindämmungsmaßnahmen als gegenseitige Liebeserweise zu deklarieren, was uns auch gelungen ist. Und jetzt, wenn es um die Lockerungen geht, haben wir viele Argumente, weshalb die Lockerungen nicht zu früh sind, weshalb sie zu wenig sind, weshalb weshalb weshalb.

In allem, was uns bewegt, wie wir denken, fühlen, handeln möchten, in allem, was uns aufregt … steckt ein Korn an Wahrheit. Die Besonnenheit bewahren, das dürfte genau jetzt angesagt sein.

 

08.05.2020          Füttere dein Gehirn!

Unter dieser Schlagzeile ging es dann darum, dass Omega 3-Fettsäuren für Gehirn und Herz gesund sind. Meine eigene Assoziation war eine ganz andere. Füttere dein Gehirn mit Bildung und mit Liebe. Beides zusammen nennt die christliche Tradition „Herzensbildung“: Davon kann man im Leben nie genug haben. Und vielleicht ist sie gerade jetzt in Coronazeiten so wichtig, weil wir viel Achtsamkeit brauchen für andere und für uns selbst, für die Nöte und all die ungestillte Sehnsucht, die uns gerade umtreiben.

Bilde dich immer weiter, so wird auch dein Herz immer weiter gebildet. Auch die Anhäufung von Wissen unterstützt de Herzensbildung. Auch deshalb ist es gut, dass die Schulen nach und nach wieder ihre Türen öffnen können.

Allen Abschlussschüler/innen Mut für die Prüfungen. Ich halte die Daumen feste.

 

07.05.2020          Führe ein Dankbarkeitstagebuch

„Ein Stückchen Glück für jeden Tag“, so heißt ein Buch, das ich diese Woche geschenkt bekam. Darin gibt es die Empfehlung, jeden Abend fünf Dinge aufzuschreiben, für die ich dankbar bin. Ich kenne diese Übung seit langem aus der Spiritualität von Mary Ward. Ich mache diese Übung auch immer wieder eine Zeit lang im Jahr. Sie tut mir gut. Sie lässt mich spüren, wie gut das Leben zu mir ist trotz aller Unbequemlichkeiten. Vielleicht lohnt es sich gerade jetzt in Coronazeitten, in denen wir besonders sensibel und nervös sind, diese Dankbarkeit zu üben – mitten im ungewohhnten Familienalltag, mitten in den Sorgen um die eigene Existenz, mitten im riskanten Alltag auf den Coronapflegestationen, mitten in dem, was uns zur Zeit – jede und jeden  einzelnen – am meisten bewegt.

Ich habe wieder damit angefangen – und es tut mir gut, zu sehen, was mich dankbar sein lässt. Und ich trage diesen Dank gerne zu Gott hin.

 

06.05.2020          Geschichten erzählen

„Wir müssen den Menschen mehr Geschichten erzählen – Glaubensgeschichten, Lebensgeschichten, ohne mit dem moralischen Zeigefinger zu kommen. Nur wenn ich den christlichen Glauben als etwas wahrnehme, was ich existentiell brauchen kann, dann bin ich auch bereit, mich mit der Lehre und mit der Kirche auseinanderzusetzen“ (Günther Klempnauer, evangelischer Theologe).

Das gewisse Etwas von moralischem Zeigefinger, liegt dann doch ein wenig in diesem “Wenn … dann“-Satz. Doch betonen will ich gerne den Ansatz, einander Glaubens- und Lebensgeschichten zu erzählen, zu beschreiben wie wir erfahren haben, dass Gott uns berührt. Das erlebe ich bei uns Kolpingleuten so und ich erlebe es bei den Bibellesetreffen unserer Kirchengemeinde, dass uns da genau gelingt, was wir brauchen:  Einander Rede und Antwort zu stehen von der Hoffnung, die uns erfüllt, wie es der 1. Petrusbrief formuliert. Was treibt mich um in Coronazeiten, was plagt mich, was macht mich hoffend. Dazu sind wir eingeladen, einander anzurufen, zu reden oder zu schreiben. Mir tut das gut. Und dann brauche ich mich nicht mehr über Lehren zu unterhalten und über Kirche.

 

O5.05.2020         Ein Lebenspsalm: Gott umarmt uns mit  der Wirklichkeit

1 Für den Chormeister. Von David. Ein Psalm. HERR, du hast mich erforscht und kennst mich. 2 Ob ich sitze oder stehe, du kennst es. Du durchschaust meine Gedanken von fern. 3 Ob ich gehe oder ruhe, du hast es gemessen. Du bist vertraut mit all meinen Wegen. 4 Ja, noch nicht ist das Wort auf meiner Zunge, siehe, HERR, da hast du es schon völlig erkannt. 5 Von hinten und von vorn hast du mich umschlossen, hast auf mich deine Hand gelegt. 6 Zu wunderbar ist für mich dieses Wissen, zu hoch, ich kann es nicht begreifen. 7 Wohin kann ich gehen vor deinem Geist, wohin vor deinem Angesicht fliehen? 8 Wenn ich hinaufstiege zum Himmel - dort bist du; wenn ich mich lagerte in der Unterwelt - siehe, da bist du. 9 Nähme ich die Flügel des Morgenrots, ließe ich mich nieder am Ende des Meeres, 10 auch dort würde deine Hand mich leiten und deine Rechte mich ergreifen. 11 Würde ich sagen: Finsternis soll mich verschlingen und das Licht um mich soll Nacht sein! 12 Auch die Finsternis ist nicht finster vor dir, die Nacht leuchtet wie der Tag, wie das Licht wird die Finsternis. 13 Du selbst hast mein Innerstes geschaffen, hast mich gewoben im Schoß meiner Mutter. 14 Ich danke dir, dass ich so staunenswert und wunderbar gestaltet bin. Ich weiß es genau: Wunderbar sind deine Werke. 15 Dir waren meine Glieder nicht verborgen, als ich gemacht wurde im Verborgenen, gewirkt in den Tiefen der Erde. 16 Als ich noch gestaltlos war, sahen mich bereits deine Augen. In deinem Buch sind sie alle verzeichnet: die Tage, die schon geformt waren, als noch keiner von ihnen da war. 17 Wie kostbar sind mir deine Gedanken, Gott! Wie gewaltig ist ihre Summe! 18 Wollte ich sie zählen, sie sind zahlreicher als der Sand. Ich erwache und noch immer bin ich bei dir. 19 Wolltest du, Gott, doch den Frevler töten! Ihr blutgierigen Menschen, weicht von mir! 20 Sie nennen dich in böser Absicht, deine Feinde missbrauchen deinen Namen. 21 Sollen mir nicht verhasst sein, HERR, die dich hassen, soll ich die nicht verabscheuen, die sich gegen dich erheben? 22 Ganz und gar sind sie mir verhasst, auch mir wurden sie zu Feinden. 23 Erforsche mich, Gott, und erkenne mein Herz, prüfe mich und erkenne meine Gedanken! 24 Sieh doch, ob ich auf dem Weg der Götzen bin, leite mich auf dem Weg der Ewigkeit!

Ich liebe diesen Psalm. Vor 37 Jahren habe ich meine Diplomarbeit über dieses Lob auf Gott und den Menschen geschrieben. Im Psalm ist von den Höhen und Tiefen des Lebens die Rede, von Freude und Leid, von Hoffnung und Trauer, von Fallen und Wiederaufstehen, von Gottes inniger Nähe von Mutterleib an. Der Psalm berührt mich immer wieder neu. Auch in diesen Coronazeiten, denn ich kann in diese Worte all meine Gefühle, Fragen, Bitten, die ich habe hineinlegen, auch meine Enttäuschung, dass ich meine Gäste zu meiner 60iger-Feier wieder ausladen musste. 60 Jahre Dankbarkeit für gelingendes Leben und für die Umarmungen Gottes, für Freunde und Freundschaften, für Erkenntnisse und das Sammeln von Lebensweisheit. 30 Jahre davon in unserem Dorf. In meinen Dank lege ich die Bitte um eine gute Zukunft für unsere Welt und jeden einzelnen und um ein Ende des Coronadramas.

 

04.05.2020   Herr, ich komme zu dir, dass deine Berührung mich segne …

Rabindranath Tagore beginnt so eines seiner Gebete:

… ehe ich meinen Tag beginne.

Lass deine Augen eine Weile
auf mir ruhen, mein Freund.
Lass mich das Bewusstsein
deiner Freundschaft
mit in diesen Tag nehmen.

Fülle meine Seele mit deiner Musik,
dass sie mich durch den Lärm
des Tages begleite.

Lass den Sonnenschein deiner Liebe
die Gipfel meiner Gedanken küssen
und im Tal meines Lebens
die Ernte reifen.

(Internetabruuf 4.5.2020: http://religionv1.orf.at/projekt02/tvradio/ra_morgen/ra_mor020707.htm)
 

Ich liebe solche Poesie. In diesem Gebet ist so viel zwischen den Zeilen möglich. Ich kann meine Gedanken einfügen und mich diesem Gott anvertrauen mit Sorge und Freude, mit Last und Hoffnung in diesen Tagen. – Ihnen und Euch allen wünsche ich einen Tag mit Gottes Berührungen.

 

03.05.2020          Gut-Hirten-Sonntag

Dieser Sonntag wird auch als Tag der Geistlichen Berufungen gefeiert. Ich meine, es ist der Tag der Berufung aller Getauften. Wie sehr wir unsere Berufung leben können, haben wir im Coronachaos gezeigt durch Formen der Nachbarschaftshilfe, durch Formen der Nähe trotz Abstand, durch unsere Gottesdienstgemeinschaften zuhause, … , indem wir unsere Aufgaben gemacht haben, die zu tun waren, indem wir manches durchlitten haben, was unerträglich schien.

Das ist wohl gemeint mit dem Bibelwort, das in den evangelischen Kirchen über dem Monat Mai steht. Dient einander als gute Verwalter der vielfältigen Gnade Gottes, jeder mit der Gabe, die er empfangen hat! (1 Petr 4,10).  An diesem Sonntag feiern wir, dass Gott uns vielfältige Gaben geschenkt hat und ein Gespür dafür, was wann zu tun ist.

Wir danken heute auch, dass Jesus der Gute Hirte in unserem Leben ist. Ich mag dieses Bild. Doch ich mag es nicht, dass die Konsequenz daraus ist, dass ich Schaf bin. Irgendwie ist das ein bisschen schwierig für mich. Ich brauche meine Freiheit und die Weidewiese ist mir zuweilen dann doch zu eng. Doch wenn es um das Vertrauen geht, das zwischen Hirt und Schaf besteht, dann ist es okay. Der Herr ist mein Hirt, ich leide nicht Not. Er führt mich an Wasser des Lebens. (Ps 23)

Hinweis: Heute Abend wollten wir unsere Maiandacht in der Waldkapelle feiern. Ihr findet sie auf der Homepage. Gute Andacht zuhause.

 

02.05.2020   Exitstrategien: Von Risiken und Nebenwirkungen

Meine Tageszeitung ist heute voll von Nachrichten, wer ab Montag und wer ab Mittwoch wieder öffnen darf. Die Schulen beginnen am Montag wieder mit einem ausgetüftelten Konzept, dass sich die anwesenden Schüler möglichst nicht begegnen. Die Notbetreuung ist ausgeweitet. … Die Kirchen und Religionsgemeinschaften starten in einer Woche wieder mit Gottesdiensten. Unternehmen aller Art fordern die Rückkehr zur „Normalität“. Die Forderungen werden größer und auch manche Drohgebärde zeigt sich: Wenn nicht, … dann …  - Die Politiker und Virologen werden nicht müde, aus die Risiken einer zu schnellen Öffnung aufmerksam zu machen. Es könnte ein zweiter Shutdown drohen, falls die Infektionszahlen drastisch in die Höhe schnellen. Und den würden wir nicht verkraften. Auf die vielen Nebenwirkungen machen Wirtschaft und Unternehmen aufmerksam: mehr Kurzarbeit, Arbeitslosigkeit, Insolvenzen, Depressionen, … Exitstrategien werden gefordert, in denen möglichst jeder Wunsch erfülllt werden soll.
Jetzt wird es darauf ankommen, wie wir alle mit den Abstandsregeln und Hygienestandards weiterhin klarkommen werden. Und die Politiker müssen gut ausbalancieren und jede Entscheidung gut und logisch begründen, damit sie Vertrauen nicht verspielen.

Woher kommt mir Hilfe? Für die einen aus der Logik des Denkens, den Erkenntnissen der Virologen und der Medizin, für die anderen aus ihrer eigenen Stabilität und Energie. All das brauchen wir. Für mich persönlich ist es ein Luxus, wenn ich in all dem Chaos und in all den Unsicherheiten beten kann: Meine Hilfe kommt von Gott, der Himmel und Erde geschaffen hat und dafür sorgt, dass mein Fuß nicht an einen Stein stößt und ich in der Hitze des Tages und der Kühle der Nacht behütet bin.
Das hilft meiner Seele, dass sie einigermaßen unbeschadet durch die Krise kommt.

 

01.05.2020  Tag der Arbeit / Josef der Arbeiter

Der Heilige Josef ist der Patron der Kolpingsfamilien. Die Kolpingsfamilien setzen sich unter anderem ein für Arbeitsgerechtigkeit, gerechte Entlohnung, freie Berufswahl, ... Zum Tag der Arbeit hat der Sekretär des Internationalen Kolpingwerkes, Dr. Markus Demele, eine Botschaft geschrieben, die wir hier verlinken. Link

Für unsere KF ist der 1. Mai immer ein wichtiger Begegnungs- und Gemeinschaftstag: Wandern, Grillen, Gedenken zum 1. Mai verbinden wir gewöhnlich. Diesmal können wir einzig den Hausgottesdienst für die Gemeinde als Impuls setzen. Link
Wir hoffen, dass wir uns im Herbst zum Gemeinschaftstag versammeln können.

 

30.04.2020   Es ist nicht auszuschließen, dass …

Wie oft habe ich diesen Satzanfang in den vergangenen Wochen gehört. Mal war er mit den derzeitigen Einschränkungen verbunden und hat diese eingeleitet oder betont. Mal vorausschauend: Wenn wir uns alle an die Einschränkungen halten, dann … wenn wir es nicht tun, … Es ist nicht auszuschließen, dass die geplanten Lockerungen bald ausgeweitet werden können. Es ist nicht auszuschließen, dass ein zweiter Lockdown nötig wird. Es ist nicht auszuschließen, dass bald ein Medikament gefunden wird, das bei Covid19 gut anschlägt. Es ist nicht auszuschließen, dass wir bis 2021 einen Impfstoff haben.

Es ist nicht auszuschließen, dass … ist eine verstörende Redeweise. Sie kündigt etwas an und weiß noch nicht genau das OB und WANN und WIE. Mit solchen Verunsicherungen müssen wir derzeit leben. Das sind wir nicht gewohnt. Und an manchen Tagen wirkt das etwas zermürbend.

Verlassen möchte ich mich in all den Verunsicherungen auf die Verheißungen Gottes – Es ist nicht auszuschließen, dass Gott mit uns ist und uns durch dieses Tal begleitet. Besser: Ich erfahre es so, dass Gott mit uns ist und uns begleitet. Wenn nichts sicher ist, so doch dies.

 

29.04.2020 Tag gegen den Lärm

Heute ist der Tag gegen den Lärm, hörte ich heute Morgen zufällig beim Aufwachen im Radio. Aha, das gibt es also auch. Auf der entsprechenden Homepage las ich dann: „Der Tag fällt dieses Jahr aus, er wird jetzt nicht gebraucht“. Corona hat die Welt stiller werden lassen? Nein, meine ich. Manche von uns arbeiten und leben entschleunigter, andere haben dafür Mehrarbeit und wieder andere keine mehr. In den letzten Tagen werden die Rufe nach Schulöffnung, Kitaöffnung, Ladenöffnung, Tourismusöffnung, Gottesdiensten, …. lauter und lauter. Die Theorien, wie dieses Virus überhaut in die Welt kam, mehren sich lautstark. Boris Palmer erntete laute Aufschreie, weil er wieder einmal sagte, was man nicht einmal denken sollte. … Und die Baustelle bei mir an der Ecke macht auch genügend Lärm. Es ist laut auch am Tag des Lärms – ohne Flugzeuglärm, ja. Doch laut in unseren Seelen, die angestrengt auf eine gute Zukunft hoffen und dies auch hinausschreien möchten in die Welt. Jedenfalls geht es mir so an manchen Tagen. – Doch es stimmt, den Tag gegen den Lärm brauche ich nicht.

 

28.04.2020          Vom richtigen Maß in der Corona-Krise

Die Diskussion angefeuert hat vor zwei Tagen Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble mit seiner Frage, ob in der Coronakrise alles dem Lebensschutz untergeordnet werden müsse. Die einen wollen den Lockdown noch eine Weile halten, andere haben Sorgen um die Grundrechtbeschränkungen, die nun schon einige Wochen andauern, die nächsten stellen die Finanzierungsfrage vehement. Selbst die Kirchen reagieren übertrieben mit ihrer Forderung, es müsse schnell wieder Gottesdienste geben – doch das zum Preis, das das Ganze keine Feier wird, sondern eine Hygienemaßnahmenveranstaltung. Welcher Kampf wird hier eigentlich gekämpft?
Doch zurück zum richtigen Maß in der Coronakrise (auch wenn es bei Kirchens auch um das richtige Maß geht). Wolfgang Schäuble plädiert dafür, dass über dem Lebensschutz die Würde des Menschen als allerhöchster Wert und allerhöchstes Gut steht. Diese Ableitung aus dem Grundgesetz dürfte auch jedem einleuchten. Die Würde des Menschen ist unantastbar. „Aber sie schließt nicht aus, dass wir sterben müssen.“ (W. Schäuble: https://www.tagesspiegel.de/politik/bundestagspraesident-zur-corona-krise-schaeuble-will-dem-schutz-des-lebens-nicht-alles-unterordnen/25770466.html; Abruf: 20.4.2020 – 19:00). – Die Gefahr, falsche Entscheidungen zu treffen, ist immer gegeben. Und jede/r einzelne kann mit Umsichtigkeit dazu beitragen, dass der Maßstab für Entscheidungen, die getroffen werden müssen, nicht zu eng wird.

 

27.04.2020  Neue Normalität

Die meisten von uns möchten ihr altes Leben zurück haben – die alten Gewohnheiten bei der Arbeit, beim Einkaufen, in der Familie, in der Freizeit, … Was war dabei eigentlich normal? Was ist normal? Ist es das, was wir kennen und gewohnt sind? Oder das, was wir nicht in Frage stellen und das auch nicht in Frage gestellt werden soll? Ist es die Routine? Ist es der Wohlstand unseres Landes? … Aus dieser Normalität wurden wir jäh herausgerissen. Von der neuen Normalität ist die Rede, von einem neuen Umgang miteinander – einige behaupten, wir seien uns eh viel zu nah gewesen bei  Umarmungsbegrüssungen, in Großraumbüros, Kindergärten, Schulen, im Freizeitverhalten, im Supermarkt.

Was ist normal? Ich weiß es nicht? In unserem Leben gibt es doch immer Veränderungen, Unterbrechungen und Brüche. Wenn das Mund-Nase-Maskentragen zukünftig normal sein soll und Standardassecoire, dann kann das aus meiner Sicht nur eine Schutzmaßnahme auf Zeit sein. Und so kommen mir eine ganze Reihe von Abstandsideen, die man für „normal“ erklären möchte, eher hilflos vor. Im Moment brauchen wir Maßnahmen, um die Pandemie einzudämmern – im besten Fall wieder loszuwerden. Doch eine „neue Normalität“ ist für mich was anderes. Oder besser gesagt, ich halte das für eine unglückliche Wortschöpfung, weil es normal nicht gibt – es gibt Gewohnheiten.

 

26.04.2020          „Jetzt ist der wichtigste Moment in deinem Leben“

Der Mystiker Meister Eckhart (1260-1328) hat einmal diesen Gedanken geprägt. Auf das JETZT kommt es ihm an. Das macht sein Wort so aktuell in diesen Wochen, nein schon Monaten, der Verunsicherung, der Einschränkungen, des Nichtwissens, wann wir wieder unser altes Leben zurück haben werden. Das alte Leben wird es nicht mehr geben, auch wenn ich vielleicht vermeintlich das Gefühl haben werde, es sei so. Ich werde vieles wieder tun, was ich jetzt vermisse, jedoch unter anderen Voraussetzungen – doch davon morgen mehr.

„Jetzt ist der wichtigste Moment in deinem Leben“ – da geht es implizit um das Loslassen. Loslassen einzuüben ist eine der großen christlichen Tugenden. Meister Eckhart empfiehlt sogar, sich selbst, andere und sogar Gott loszulassen, um sich, andere und Gott neu zu finden. Loslassen bedeutet, sich einzulassen auf das, was gerade wichtig ist. Dazu ist es notwendig, den Blick zu konzentrieren, nicht überallhin abzuschweifen und so Gott und den anderen tief verbunden zu bleiben.

Vielen Menschen, zu denen ich gerade online Kontakt habe oder wenn wir uns zufällig beim Spaziergang begegnen, leben das gerade. Die Konzentration auf das jetzt Wichtige, das Aushalten der Einschränkungen, das genießen der vielen kleinen schönen Entdeckungen, die sie sonst nicht so bemerkt haben – ich auch nicht.

„Jetzt ist der wichtigste Moment in deinem Leben“. Solch einen entscheidenden Moment erlebten wohl auch die Fischer im heutigen Evangelium Johannes 21,1-14. Wo ist der Jetzt-Moment in diesem Evangelium? Für die einen vielleicht, dass überhaupt jemand ihre Not sieht, für die anderen „Werft das Netz auf der anderen Seite aus“. Das spüre ich als den entscheidenden Augenblick für mich in diesem Evangelium. Da ist einer, das ist Jesus, der noch einmal eine neue Perspektive einbringt, auf die die Jünger, auf die ich selbst nicht gekommen wäre.

Das wünsche ich uns in dieser Zeit, in der wir so viel loslassen müssen – auf Zeit vieles loslassen müssen – , dass wir die Kraft haben und den Mut, diese Zeit als den jetzt wichtigsten Moment in unserem Leben zu erkennen, auch wenn es noch so schwer fällt.

Vielleicht ist es eine gute Übung, in der neuen Woche die kleinen "Jetzt-Momente" zu entdecken.

Hinweis: am 1.und 3. Mai werden die Hausgebete von der Kolpingsfamilie zusammen mit Pfr. Francis Mathew zur Verfügung gestellt, ebenfalls steht unsere für 3.5. geplante Maiandacht online unter „aktuell“.

 

25.04.2020          „Der Mensch ist des Menschen beste Medizin“

Von wem stammt dieses Sprichwort? „Von Paracelsus natürlich“, sagte ich. „Nein, aus meiner afrikanischen Heimat“, sagte mein Bekannter. Wie beschlossen, dass wir beide Recht haben. In dieser Weisheit liegt so viel Wahrheit, dass sie weltumspannend ist. Sie verbindet alle Menschen guten Willens. Und all diejenigen sind es zurzeit, die einander die beste Medizin sind.

  • Menschen, die einander ein Lächeln schenken – ab nächster Woche das Lächeln mit den Augen, denn beim Einkaufen und im ÖVNP wird es nur noch so erlaubt sein.
  • Menschen, die ihr Ohr öffnen für die, denen die Coronaeinsamkeit aufs Gemüt schlägt.
  • Menschen, die uns versorgen.
  • Menschen, die in Sorge um uns sind.
  • Menschen, die einander anrufen, in den sozialen Netzwerken miteinander sorgend unterwegs sind.
  • ....

Sei für deinen Nachbarn, deine Mitbewohner, deine Freunde, deine Kollegen … die beste Medizin – gerade jetzt.

 

24.04.2020          „Der Mensch ist frei geboren und überall liegt er in Ketten“

Rousseau, einer der Philosophen der Aufklärungszeit, hat das gesagt. Gefunden habe ich das Zitat zufällig im Sophipark in Bad Liebenzell – dieser Park ist einen Ausflug wert. Dort werden alle philosophischen Epochen von der Antike bis heute vorgestellt – in kleinen Gärten und mit Zitaten von Philosophen auf buntem Plexiglas. Es macht Spaß durch diesen Park zu gehen, sich inspirieren zu lassen und, wenn man zu Mehreren ist, über das eine oder andere Wort zu diskutieren.

Frei geboren und überall in Ketten liegend. Jeder und jede kennt solche Phasen im Leben, in denen er/sie sich beengt und eingeengt fühlt. Und ist es nicht auch so, dass Freiheit immer nur in Gebundenheit gelebt werden kann? – Im Augenblick scheint für uns alle eine Art Ketten-Zeit zu sein. Dieses verflixte Corona-Virus legt uns an Ketten, es nimmt Gesundheit und wenn die Abwehrkräfte nicht ausreichen das Leben, es schränkt Grundrechte ein, es minimiert unsere Gestaltungsmöglichkeiten, es treibt die Wirtschaft an absolute Grenzen, es lässt einige einsam werden, und und und. – Deshalb beginnen viele jetzt auch an allen Ecken und Enden zu zerren und wollen alle Freiheiten am liebsten sofort und auf einmal zurück erobern. Andere warnen vor den Risiken. Wir sehnen uns nach unserer Freiheit und nach dem Überleben und müssen einen Weg finden, der uns gleichzeitig nicht wieder oder noch mehr an Ketten legt, die wir kein zweites Mal wollen. Also ist absolute Vernunft gefragt oder der Geist der Erkenntnis des besten Weges.

 

23.04.2020 Pu, der Bär

Ich bekomme täglich das geistliche Wegwort der Bahnhofskirche Zürich. Pu‘ s Humor gebe ich heute gern weiter.

Weg-Wort vom 22. April 2020

Pu der Bär

Das Buch "Pu der Bär" erschien erstmals 1926. Dass die Geschichte so alt ist, war mir nicht bewusst. Ich liebe den gutmütigen, einfach gestrickten Bären. Seine Vergesslichkeit, seine gemütliche und honighungrige Art ist einfach sympathisch.
Seine Freunde, Ferkel, Eule, Esel, Kaninchen, Känguru und natürlich der kleine Junge "Christopher Robin" bezaubern und verzaubern LeserInnen jeden Alters.

Heute möchte ich Ihnen ein paar Weisheiten von Pu mit auf den Weg geben:

Pu: "Ich denke, wir sollten schlafen, um nicht so lange auseinander zu sein. Denn wenn wir jeweils in den Träumen des anderen sind, können wir die ganze Zeit zusammen sein."
Pu: "Ein Tag mit dir ist mein Lieblings-Tag. Also ist heute mein neuer Lieblings-Tag."
Pu: "Ein Tag ohne einen Freund ist wie ein Topf, ohne einen einzigen Tropfen Honig darin."
Pu: "Flüsse wissen, es gibt keine Eile. Wir werden eines Tages dort sein."
Der trübsinnige I-A (Esel): "Die Dinge, die mich anders machen, sind die Dinge, die mich ausmachen."
Ferkel: "Wie buchstabiert man 'Liebe', Pu?" – Pu: "Man buchstabiert sie nicht… Man fühlt sie."

Die Weisheiten sind nicht veraltet, egal wie alt das Buch ist. Sprüche von Pu und seinen Freunden können auch heute noch zum Nachdenken anregen und zum Handeln!
 
Mit freundlichen Grüssen

Ihre Bahnhofkirche

www.bahnhofkirche.ch 

 

22.04.2020          Maskenpflicht

Jetzt ist sie da – die Maskenpflicht. Und die Diskussionen zu Pro und Contra sind zahlreich. Beiden Positionen kann ich in ihrer Argumentation jeweils zustimmen. An der Maskenpflicht habe ich selbst meine Zweifel. Doch vielleicht werden manche Blicke wieder freundlicher. Mir fällt auf, dass die Angst vor Corona inzwischen bei einigen auch den Augen-Blick auslöst „Komm mir nicht zu nah!“ – Als ob ich das nicht längst verstanden hätte: Abstand halten. Und wieviel 150 cm oder 200 cm sind – da ist mein Auge inzwischen gut geschult. Vorgestern bin ich dann echt zusammengezuckt, denn ich hatte ungewollt einen Fehler gemacht. Ich habe die zwei Personen, die vor einer Bäckerei standen, nicht als Schlange erkannt und wollte ins Bäckergeschäft. Da ereilte mich ein unfreundlicher Rüffel. Das ist mir den ganzen restlichen Tag nachgegangen. Vor Schreck habe ich dann auf den Einkauf verzichtet. Auch nicht die Lösung, doch ich war so erschrocken. Ganz anders gestern am Fischstand. Dort war die Schlange lang, der Abstand gewahrt und ein fröhliches „Geschnatter“ aller, die sich einfach freuten, dass der Fischstand gekommen war, dass sie einander sehen konnten und plaudern.

Ich hoffe, wir geben weiter einander ANSEHEN mit und ohne Maske, denn jede und jeder von uns verdient den freundlichen Blick oder die wohlwollende hinweisende Geste.

 

21.04.2020          Halbvolle und halbleere Krüge

Wie betrachtest du das Leben in schwierigen Zeiten und Situationen? Sagst du eher: "Der Krug ist halb leer" oder sagst du "Der Krug ist halb voll". Das sind zwei unterschiedliche Perspektiven, mit denen man das Leben betrachten kann. Halb voll lenkt meinen Blick auf die zu erwartende Fülle. Halb leer signalisiert mir eher, dass der Krug noch leerer wird. Ich möchte mich auf "halb voll" einschwingen und sehen, was meinem Leben Fülle gibt, wovon ich profitiere, indem sich andere mir zuwenden, oder wovon ich beschenkt werde, weil ich andere unterstütze, was mein Leben reich macht. Mary Ward, die Gründerin der Englischen Fräulein - heute Mary Ward Schwestern, der weibliche Zweig der Jesuiten - sie hat einmal vorgeschlagen, sich einen Vorratsschrank anzulegen mit all den guten bzw. wichtigen Erfahrungen, die den Krug voll machen. Diese Vorratskammer ist der Proviant für schwere Tage. Jetzt in Coronazeiten greife ich gerne in meinen Vorratsschrank und erinnere mich an alle guten Erfahrungen, dass sie mich jetzt nähren, wo ich so viele Begegnungen vermisse.
Vielleicht mögt auch Ihr in Euren Vorratskammern nachschauen. Oder neue Vorräte sammeln, die es auch jetzt zu finden gibt.

 

20.04.2020          Ich glaubte, nicht recht zu hören - besser zu lesen …

dass der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz und der Sprecher des Zentralkomitees der Deutschen Katholiken sich Sorgen um die Religionsfreiheit machen, weil wir noch immer keine Gottesdienste feiern können. Kaum zu glauben!

Geht es denn gerade um ein paar Messen oder um die Bewältigung einer Pandemie, die unser aller Leben bedroht. Nein, die Religionsfreiheit ist nicht in Gefahr, der Staat hat sich die letzten Wochen immer positiv zu den Kirchen geäußert. Uns als Kirchen muss allerdings klar sein, dass wir im Moment nicht so systemrelevant sind als dass wir all unsere Rechte durchsetzen müssten. Sie sind nicht in Gefahr. Und was sollen solche Schutzkonzeptideen wie Mund-Nasen-Schutz im Gottesdienst und Hostienausteilung per Zange an pastoralem und liturgisschem Gehalt beinhalten. Wie soll das mit einer 150cm langen Zange und Mund-Nasen-Schutz denn gehen. Geht es um „Hauptsache Messe“ oder um ein Gemeinschaftsmahl?

Wenn, dann lasst uns  Wortgottesfeiern im Freien halten. Da geht Abstand halten. Und das ergibt auch einen pastoralen Sinn, weil dann alle Getauften das Wort ergreifen könnten und  ihre Berufung zur Verkündigung leben.

Wann traut uns Christen und Christinnen unsere Kirchenleitung endlich zu, dass wir in der Lage sind als Hausgemeinschaften Gottesdienst zu feiern und zu beten oder als Alleinlebende? Und dass dieses beten bei Gott nicht geringer geschätzt ist als die Messe. Mich macht es traurig, dass uns nichts anderes einfällt als möglichst umgehend zum falschen Zeitpunkt die Messe zurück haben zu wollen. Ich vermisse sie auch, ich schätze aber auch neu mein persönliches Beten und all die Initiativen, die entstanden sind, um Gott zu loben und zu preisen – jetzt, da Messe nun mal nicht angezeigt ist.

 

19.04.2020  Zweiter Sonntag der Osterzeit         Berührungen

Warum wird Thomas eigentlich der „Ungläubige“ oder der „Zweifler genannt. Beides ist er doch nicht. Er will nichts anderes als die anderen Jünger es erfahren hatten: den auferweckten Jesus sehen, beürhren und ihn so erkennen. Weshalb sollte er allein durch das Erzählen seiner Freunde sich zur Auferweckungsfreude hinreißen lassen. Das taten die anderen nicht – wieso wird es von ihm erwartet. Und genauso geschieht es dann auch. Er bekommt die Chance Jesus zu berühren. Noch einmal kommt Jesus durch verschlossene Türen – noch einmal offenbart er sich als der von Gott Auferweckte. Wie schön für Thomas, dass er Jesus so nah sein darf. Doch er bekommt auch sein Fett weg: „Selig, die nicht sehen und doch glauben!“ Dieses Jesus mutet ihm und uns schon etwas zu.

Wir alle sind doch Menschen, die dann glauben, wenn sie eine Erfahrung mit Jesus gemacht haben. Wir glauben doch alle nicht einfach blind, sondern wollen überzeugt werden durch ein Berührt werden und –sein. Mit den körperlichen Berührungen ist das im Moment nicht ganz machbar, doch die Berührungen unseres Herzens durch Jesus, das ist möglich. Es lohnt sich, Tag für Tag diese Berührungen der Seele aufzuspüren und sich ein dankbares Lächeln auf die Lippen zaubern zu lassen.

 

18.04.2020 Samstag der Osterwoche   „Das Virus ist nicht gerecht“

Ministerpräsident Winfried Kretschmann hat diesen Satz geprägt. Ebenso den Satz „Die Krise wird viele ärmer machen“. Beides erleben und befürchten wir alle. Seit einigen Tagen mehren sich die Stimmen wieder, die vor der Corona-Krise lauter waren als in den letzten Wochen: Prekäre Lebens- und Arbeitssituationen werden wieder deutlicher in Blick genommen. Werden diejenigen, die jetzt bejubelt werden – die Pflegenden, die Angestellten in den Supermärkten, … - zukünftig auch besser entlohnt werden? Bildungsgerechtigkeit: werden diejenigen, die beim home-schooling abhängen, weil sie sich die Ausstattung nicht leisten können, mehr im Blick sein und wird es Bildungskonzepte und Geld geben, die den Bildungshunger fördern. Der Online-Handel ist in der Diskussion, die Werte, die Frage, wer kann die Regierung in der jetzigen Krise optimal beraten und wie müssten solche Gremien dann besetzt sein. Und ganz wild gehen die Spekulationen, wenn gefragt wird „Wer ist schuld am Virus“

Das alles entnehme ich meiner Tageszeitung heute. Genug Stoff, sich eine Meinung zu bilden bzw. mit sich selbst zu diskutieren.

 

17.04.2020  Freitag in der Osterwoche        Zähle nicht die Tage, sorge dafür, dass die Tage zählen

Ich weiß nicht, von wem dieses Zitat stammt. Es ist mir heute “zugeflogen“.

Der Gedanke passt ein wenig zu der Stimmung der letzten Wochen. Manche Tage würde man gerne streichen können –
die mit den schlechten Nachrichten,
die, die einem unendlich Geduld mit sich selbst abverlangten,
die, an denen die Sorgen schwermütig umtrieben,
die, die auch langweilig waren,
die …

Jede und jeder hat viele eigene Geschichten zu erzählen zu den Tagen der letzten Wochen.
Jede und jeder kann erzählen, aus welchem guten Grund jeder Tag wichtig war und zählt.

Ich musste heute wegen der Corona-Pandemie mein Geburtstagsfest absagen. Das waren Minuten, die mich sehr traurig stimmten. Und dennoch zählt der heutige Tag und es wird mein Geburtstag zählen, der in besonderer Weise in die Geschichte meines Lebens eingehen wird.

„Unsere Tage zu zählen, lehre uns Herr“, lese ich in den Psalmen. 60 mal 365/366 Tage zählen zu können, sie mit Sinn zu erfüllen oder ihnen manchmal im Nachhinein einen Sinn geben zu können, dafür bin ich unendlich dankbar.

„Unsere Tage zu zählen, lehre uns Herr“ – daran will ich mich gerne weiter halten an jedem Tag meines Lebens.

 

16.04.2020  Donnerstag in der Osterwoche   „Lernen Sie miteinander zu leben, nicht gegeneinander“

Gestern war der Tag der neuen Entscheidungen im Umgang mit der Coronakrise. Und es war der Tag, an dem Richard von Weizäcker 100 Jahre geworden wäre.

„Lernen Sie miteinander zu leben, nicht gegeneinander“ ist sein berühmt gewordener Satz aus seiner Rede zum 8. Mai 1985. Ich war damals wenige Tage zuvor gerade 25 geworden und mir wurde schlagartig bewusst, welch wunderbare Jugend ich erlebt hatte im Vergleich zu meinen Eltern als Kriegsgeneration. Sie hatten das Gegeneinander erlebt. Ihren beiden Töchtern wünschten sie von Herzen, dass sie immer im Frieden und im Miteinander leben können. Eine funktionierende Demokratie ermöglicht das. Und in Zeiten wie der Coronapandemie ist die funktionierende Demokratie erst recht gefragt, selbst wenn zur Zeit einige Grundrechte von uns Bürgern und Bürgerinnen eingeschränkt werden mussten. Mein Eindruck ist, dass die Entscheidungen mit großer Besonnenheit gefällt werden mit dem Wissen, welche Zumutung sie bedeuten. Und die Pandemieregelungen werden weitgehend beachtet in dem Wissen, dass jede und jeder von uns unzählige Leben damit retten wird und das Eigene dazu.

Miteinander leben zu lernen und füreinander einstehen zu wollen, wird gerade zu einem hohen Gut – ja, zu einer Tugend, die alle Kräfte fordert. Das christliche Wort dafür ist Nächstenliebe. Wie schwer Füreinander einstehen ist, erleben wir – und wir erleben zugleich so viel an Füreinander im Großen und im Kleinen. Im Wahnsinnseinsatz der Ärzte und Pflegenden, im Management der Regierenden und in den vielen Kleinigkeiten, mit denen wir einander Gutes tun: Nachbarschaftshilfen, Kärtchen in den Briefkästen, Singen an Fenstern, unzähligen Telefonaten mit Familie und Freunden, Onlinekonzerten und und und …

Dieses „Lernen Sie miteinander zu leben, nicht gegeneinander“ gilt jeden Tag neu – auch nach den gestrigen Entscheidungen – und ist ein Anspruch an die ganze Welt in allen Bereichen des Lebens. Dann haben wir eine gute Zukunft.

 

15.04.2020  Mittwoch in der Osterwoche     „Die Zeit ist aus den Fugen …“ (William Shakespeare, Hamlet)

Unsere aktuelle Situation mag man genauso beschreiben können. „Die aus den Fugen geratene Zeit“ ist eine Beschreibung für das, was wir gerade mit der Coronakrise erleben. Rechts und links von Corona scheint es keine anderen Themen mehr zu geben, obwohl nicht nur diese Krise die Zeit und die Welt aus den Fugen geraten lässt. Allerdings sehen wir fast nur noch das eine Thema. Und bereits heute (am 14.4.) gibt es die heftigsten Diskussionen zu den Vorschlägen, die die Akademie Leopoldina zum weiteren Umgang mit der Coronakrise und den Schritten aus dem Lockdown gemacht hat. Viele melden sich zu Wort – alle mit dem berechtigten Anliegen, einen guten Weg finden zu wollen. – Mögen die Beratungen gelingen und der angemessene Weg gefunden werden, der weiterhin Leben schützt ohne plakative Lösungen wie „die Alten müssen drin bleiben“, die Jungen sollen raus“ zu wählen. Das allein kann kein Lebensschutz sein.

 

14.04.2020  Osterdienstag   Jedes Glück hat auch sein Leid …

… selbst das Leben wird mit dem Tode bezahlt, und gerade deshalb müssen wir es leben

Aus Panait Istrati s Buch Kyra Kyralina stammt dieses Zitat. Sein Buch erzählt eine tragische Bruder-Schwester-Geschichte, die auf dem Balkan spielt. Mein Literaturkalender stellt mir dieses Stück Weltliteratur für diese Woche vor.

Das Zitat passt zu Ostern und es passt zu unserer aktuellen Situation. Wir erleben gerade eine leidvolle Zeit der Einschränkungen, viele Familien ist Corona bis auf den Leib gerückt, viele trauern um einen Angehörigen, viele wissen nicht, wie ihre persönliche und berufliche Welt nach Corona aussieht. Viele zweifeln, viele hoffen. Über Ostern hat die Diskussion um Lockerungen und Aufhebung des Shutdown an Fahrt aufgenommen. Mehrere Modelle sind in der Diskussion. Die Politiker können kaum noch an sich halten, sie zu veröffentlichen, bevor morgen und übermorgen die Beratungen der Regierung dazu erfolgen. – Große Ungeduld und zugleich eine große Geduld der Bevölkerung, sich an die Kontaktsperrenregelungenzu halten.

Noch ist alles offen. Erbitten wir Gottes Geist für gute Entscheidungen, wie wir step by step zur Normalität – oder besser zu einer neuen Normalität kommen können. Wir müssen unser Leben leben.

 

13.04.2020  Ostermontag  Emmaus ist heute

Ich liebe das Evangelium von den Beiden, die von Jerusalem nach Emmaus gegangen waren (Lukas 24). In dieser Erzählung steckt alles drin, was Menschen an Gefühlen haben können. Höchste Begeisterung bis hin zu tiefster Trauer und wie am Boden zerstört sein. Kleopas und ein zweiter Jünger sind unterwegs. Der Zweite hat keinen Namen. Manche sagen, es ist Kleopas `Frau; andere sagen, der Zweite – das ist jede und jeder von uns. Beide Möglichkeiten gefallen mir. Heute wähle ich gerne die Rolle des zweiten Jüngers, der zweiten Jüngerin.

Und ich spüre, dass ich Phasen in meinem Leben kenne, in denen es mir genau so erging. Die Welt schien über mir einzustürzen, ich lief innerlich hin und her, jemand nahm mich – im Bild gesprochen – an der Hand und begleitete mich, so dass ich Schritt für Schritt erkennen konnte wie es weitergeht und bis ich das Licht am Ende des Tunnels selbst wieder sehen konnte.

Corona ist für uns alle eine unsichere Zeit. Oft denke ich: Hoffentlich geht der Spuk bald vorüber. Es hilft mir, mich gut zu informieren und die Schlagzeilen vom Inhalt der Nachricht zu unterscheiden. Er hilft mir, nüchtern zu bleiben, so schwer das manchmal fällt. Denn manche Nachrichten und manches Szenario, wie es wohl weitergehen wird, können nur beunruhigen. Und dann kommt da wieder eine Gelassenheit.

Ostern wird dann zum Hoffnungsanker, dass alles gut werden wird, weil Gott bei seinen Menschen ist und uns durch dieses Chaos begleitet. Darauf vertraue ich.

 

12.04.2020  Ostersonntag     Gott sei Dank, du lebst!

Als ich im Januar diesen Jahres schwer erkrankt war, hörte ich Freunde sagen: „Gott sei Dank, du lebst!“ Dieser Satz begann mich zu begleiten und der Gedanke, dass ich für Freunde und andere Menschen wichtig bin, tat mir in den darauffolgenden Wochen der Gesundung gut.

„Gott sei Dank, du lebst“ wird gerade zu einem Schlüsselsatz für diese Zeit. Von jedem Menschen, der von Covid-19 genesen ist, sagen wir: „Gott sei Dank, du lebst“. Was leisten doch all die vielen Ärzte, Arztinnen und Pflegenden, dass Schwerkranke überleben. Genesen von Covid 19 - das ist mit Auferstehung in diesem Jahr 2020 eng verbunden. Die Auferweckung Jesu erscheint in einem neuen Licht. Und verbunden mit vielen Anfragen an die bisherige Selbstverständlichkeit von Auferstehung zu reden und sie zu feiern.

„Gott sei Dank, du lebst!“ – diesen Ausruf dürfen wir gerne auch den Zeuginnen und Zeugen in den Mund legen, die Jesus nach ihrer ganzen Verzweiflung über sein grausames Sterben in ganz neuer Weise wiederentdeckt und wiedergesehen haben.

Möge ihre Erfahrung uns stärken und der Coronakrise zum Trotz singen lassen: Halleluja, Jesus lebt.

In diesem Sinn: Gesegnete Ostern“

 

11.04. auf 12.04.2020  Die Nacht der Wende zum Ostermorgen – zu Matthäus 28,1-10

Die Verkündigung der Auferweckung Jesu kündigt sich in unserem Evangelium lautstark an. Sie wird eingeläutet durch ein gewaltiges Erdbeben. Der Engel sieht aus wie ein Blitz in weißem Gewand. Wie sollen wir uns das eigentlich genau vorstellen? Haben wir dieses kleine Detail jemals beachtet! Und wie konnten die Grabeswächter und die Frauen dieses Erdbeben überleben, wenn es so gewaltig war? – Matthäus übertreibt hier wohl in seiner Darstellung. Man hat das Gefühl, es fehlt ein Stück der Erzählung. Er lässt uns im Unklaren darüber. Das scheint den Evangelisten wohl nicht zu interessieren. Vermutlich will er mit seiner Übertreibung die Aufmerksamkeit voll und ganz auf das Folgende zu lenken.

Wieder zweimal dieses „Fürchtet euch nicht!“ Das erscheint wie ein Schlüsselwort, das den Frauen ein unbändiges Vertrauen zu geben scheint. Dieses Vertrauen ermöglicht ihnen alles: sie schauen in das leere Grab – auch das muss ein hochemotionaler Augenblick gewesen sein und Fragen aufgeworfen haben. Sie brechen eilig zu den anderen Jüngern und Jüngerinnen auf. Sie schaffen es, die Energie dazu aufzubringen. Und dieses Vertrauen erreicht seinen Höhepunkt unterwegs. Mitten auf dem Weg kommt der auferweckte Jesus ihnen entgegen, grüßt sie und sendet sie. Total berührt umfassen sie Jesu Füße. Sie reagieren ganz emotional ohne darüber viele Worte zu verlieren. In diesem Augenblick ist es das Höchste der Gefühle, diesen Jesus, um den sie so getrauert hatten, berühren zu können.

Fürchtet Euch nicht, Jesus anfassen zu wollen, Jesus berühren zu wollen, Jesus tief im Herzen ganz nahe zu sein. Das genau mag unsere Sehnsucht an diesem so anderen Ostern sein. Die Sehnsucht, tief im Herzen zu spüren, dass Alles gut werden wird. Tief im Herzen die Ahnung zu haben, dass dieser Jesus uns gut begleitet durch diese Abgründe, die Corona offenbart. Tief im Herzen zu vertrauen, dass wir Menschen und unsere Welt in eine neue Zukunft gehen werden.

Dessen bin ich sicher. Fürchtet euch nicht! Halleluja! Amen!.

 

11.04.2020  Karsamstag – Brachzeit

Die Brachzeit war in früheren Zeiten eine wichtige Anbaumethode: Nach zwei Anbaujahren ließ man den Acker im dritten Jahr ruhen, damit er sich erholen und neue Kräfte schöpfen konnte. Brachzeiten sind eine Unterbrechung und sie ermöglichen einen Neuanfang. Sie ermöglichen nach einer Zeit der Erholung den Neustart. Brachzeiten sind Zeiten, in denen wir neuen Mut und neue Kraft schöpfen können. Brachzeiten sind immer auch Versuchungszeiten, denn wir möchten gerne immer wieder zum Alten, bisher Bewährten zurückkehren.

Der Karsamstag ist eine solche Brachzeit, den an diesem Tag, an dem so gar nichts passiert, passiert ganz viel. Gott bereitet seine Schöpfung auf die Auferweckung seine Sohnes Jesus vor. Wir spüren davon nichts. Erst wenn wir in das Osterhalleluja am Ostermorgen einstimmen, erkennen wir die Qualität des Brachtages Karsamstag.

Die Coronakrise mit einer Brachzeit vergleichen, ist vielleicht doch sehr vermessen. Doch für diese schier nicht enden wollenden langen Wochen gilt, dass vieles ausgesetzt ist und still steht, und es gilt auch, dass diese Wochen uns etwas lehren. Sie lehren uns, unser Leben neu zu betrachten als Geschenk. Sie lehren unsere christlichen Gemeinden, Stärken zu erkennen, die bislang verborgen waren. Sie lehren, das Getauftsein und den Auftrag aller Christen in neuem Licht zu sehen und nach Corona hoffentlich nicht wieder aus den Augen zu verlieren.

Mögen uns unverlierbare Erkenntnisse zuwachsen.

 

10.04.2020  Good Friday – Karfreitag auf Englisch – oder: God is good all the time

Merkwürdig! Guter Freitag – heißt es wörtlich übersetzt. Kaum zu glauben, dass man im anglophonen Sprachraum den Karfreitag Good Friday nennt. Die Spurensuche gibt nicht so viel her. Das althochdeutsche „kara“ = „Klage“ steckt in Karfreitag. Klagefreitag, das macht Sinn – haben wir doch den Tod Jesu zu beklagen und das ganze Drama, das zu seinem Tod geführt hatte.

Good – manche sagen, es käme von God = Gott – also Gottesfreitag. Andere meinen „Good“ hänge mit „heilig“ und „fromm“ zusammen. Und eine weitere Erklärung nimmt das „for good“, was so viel wie „für immer“ „für ewig“ bedeutet. Hier verband man mit dem Karfreitag gleich den Gedanken an die Auferstehung, die für Christen den Weg zum ewigen Leben freimachte.

Egal, welcher Erklärung man zuneigt. Den Karfreitag als Good Friday zu bezeichnen, wirft ein besonderes Licht auf die heiligen drei Tage, in denen sich Sterben, Grablegung, Auferstehung in so dichter Weise versinnbildlichen.

Und in der Tat ist es ja so, dass wir Christen und Christinnen den Karfreitag stets bereits im Licht der Auferstehungserfahrung begehen. So möge uns der Good Friday auch in diesem Jahr Herz und Sinn neu öffnen für diesen Gott, der allezeit gut ist (God is good all the time) und deshalb Jesus nicht im Tod belassen hat.

God is good all the time – Link zum Liedtext  Übersetzung kann angezeigt werden

God ist good all the time – Link zur Vertonung  Werbung überspringen

 

09.04.2020  Gründonnerstag: Pilger sind wir Menschen, suchen Gottes Wort

Beim Radfahren kam mir das Lied in den Sinn „Pilger sind wir Menschen (Link zum Text; Link zum Lied). Ist nicht gerade der Augenblick, wo wir mehr denn je Pilger sind – mehr denn je Suchende und Hoffende, dass unser Leben gut weiter geht, dass wir Erkenntnisse aus Corona ziehen, Einsichten, die uns sonst nicht so aufgegangen wären?

Pilger sind wir Menschen. Es ist Gündonnerstag. Viele von uns würden wie gewohnt den Abendmahlsgottesdienst besuchen und Jesus empfangen im Brot – und am heutigen Tag auch – im Wein.

In diesem Jahr wird es wichtig sein, eine eigene Feierform zuhause zu finden. So könnte es gehen.

  • Bereitet eine Bibel, Kerze, Brot und Wein vor.
  • Lest den Text vom letzten Pessachmahl Jesu mit seinen Jüngern und Jüngerinnen; hört seine Deuteworte auf sein Leben: Das bin ich für Euch. Diese Worte spricht er bei einem der Segenbecher über Brot und Wein.
  • Sprecht Euren Segen über Brot und Wein, z.B. Jesus Christus, wir erinnern uns heute an dich und dein Mahl, wir sind zu deinem Gedächtnis, das du uns aufgetragen hast, versammelt. Du selbst bist da in den Gaben von Brot und Wein. Segne dieses Brot und segne diesen Wein, damit wir sie genießen in Erinnerung an dich, in Erinnerung, dass du das Brot des Lebens und der Kelch des ewigen Segens bist. Amen.
  • Teilt miteinander Brot und Wein.
  • Schließt an mit dem Lied "Pilger sind wir Menschen" - als Gebet oder zum Anhören auf youtube.

 

08.04.2020   Lufthunger

In meiner Zeitung stand ein informativer Beitrag über den Lufthunger von Coronapatienten. Wie fast jeden Tag spielt mir die Presse oder eine Person, die ich beim Spaziergang zufällig „auf Abstand“ treffe, das Stichwort für meinen Impuls zu. Heute ist es der „Lufthunger“.

Ich meine nämlich, dass dieser Lufthunger auf bestimme Weise gerade die ganze Welt beschäftigt. Wenn ich heute die Nachrichten verfolge, so werden die Stimmen immer lauter, dass die Kontaktsperre und die anderen Einschränkungen nach Ostern langsam gelockert werden müssten. Längst sind sich nicht mehr alle Berater und Beraterinnen der Regierung einig, dass der Shutdown in der jetzigen Form noch lange durchzuhalten ist. Dabei entstehen manche Zweifel, ob er in dieser Form der einzig richtige Weg ist. Und ob er für alle in der gleichen Weise gelten muss. Und es werden täglich mehr nicht nur die wirtschaftlichen Folgen, sondern zunehmend die psychischen Folgen für uns Menschen diskutiert.

Ich spüre das auch: Die Decke fällt mir noch nicht auf den Kopf, weil mir genug zu tun einfällt. Doch ich spüre diesen Lufthunger – diese Sehnsucht nach etwas mehr unbeschwerterer Begegnung mit Freunden. Die digitale Kommunikation ist gerade auch für mich eine wichtige Form, doch die vis-à-vis-Begegnung kann sie nicht ersetzen. Da ist diese Sehnsucht, Zeit mit Freunden draussen zu verbringen oder auch wieder normal arbeiten zu können.
Ich muss auch jeden Tag ein paar Mal meine Gefühle in eine Kiste packen und Deckel drauf und dann wieder übergehen zum Kopfwissen, das mir selbstverständlich sagt, dass Abstand halten unser aller Leben retten wird. Doch der Deckel hebt sich immer öfter ganz leicht.

Dennoch: Durchhalten ist angesagt – wird sicher die Tugend des Jahres 2020 – und sich auf Ostern freuen. Wohnung schmücken. Grüße verschicken …

 

07.04.2020   Sich die Finger verbrennen

Kennt Ihr diese Situationen, in denen man das Gefühl hat, egal, was man tut, sich die Finger zu verbrennen. Schnell steht man in der öffentlichen Kritik. Schnell kann an ganz tief fallen, wo man vorher noch bejubelt wurde. Von unseren Politikern erwarten wir gerade die Perfektion an richtigen Entscheidungen – schließlich ich geht es um Menschenleben. Unsere Regierungsparteien sind gerade in der Akzeptanz gestiegen für ihr gutes Management in der Coronakrise. Es gibt sie dennoch, die Verlierer, und es gibt sie, die Gewinner.

Sich die Finger verbrennen – das kannte dieser Jesus von Nazareth gut. Die Jahre seines öffentlichen Auftretens hat er sich die Finger ständig verbrannt, weil er den Finger in die Wunde gelegt hat und Gott als seinen Vater verkündete, der Gerechtigkeit, Frieden, Barmherzigkeit und Versöhnung will. Jesus hat sein Mut, sich die Finger zu verbrennen, das Leben gekostet. Er stirbt brutal den Tod am Kreuz.

Diesen Weg Jesu gehen wir in dieser Woche symbolisch nach und im Gedenken an alle, die sich heute freiwillig oder unfreiwillig ebenso die Finger verbrennen.

 

06.04.2020  Wir können uns nicht mehr vorbeidrücken

„Die Corona-Zeit bremst den Alltag aus, aber sie bedeutet keine Zeitenwende“, schrieb zum Wochenende Guido Bohsem im Leitartikel meiner Tageszeitung. Er sieht diese Monate als eine „eine Art Durchlauferhitzer für Entwicklungen, die längst zuvor begonnen hatten“ und jetzt an Fahrt aufnehmen. Mit meinen bisherigen Beobachtungen kann ich diese Auffassung teilen. Wenn meine Kirche das auch begreifen würde, dass wir uns nicht mehr vorbeidrücken können an den ungelösten Fragen, die wir seit Jahrhunderten vor uns hertragen und die uns zum Vertrauenslust führten. Die Coronakrise zementiert noch einmal den Klerikalismus, wenn man da lesen muss, dass die Priester für uns beten und unsere Anliegen in der Solo-Messe vor Gott tragen. Kann ich das nicht in gleicher Qualität selbst als Getaufte? Oder wenn man uns eigens sagt, dass die Sonntagspflicht jetzt ausgesetzt sei. Haben wir nicht andere Sorgen? Wir werden digital gerade super versorgt. Dovh wie wird gerade unser aller Teilhabe am Priesterum Jesu Christi durch de Taufe gewürdigt? Oder ist das nur eine Theologenfrage? 

Was ich mir wünsche, beschreibt Tomas Halik: „Diese Fastenzeit der leeren und schweigenden Kirchen können wir entweder nur als ein kurzes Provisorium annehmen, das wir dann bald vergessen werden. Wir können sie jedoch auch als kairos annehmen – als eine Zeit der Gelegenheit, „in die Tiefen hinabzusteigen“ und eine neue Identität des Christentums in einer Welt zu suchen, die sich vor unseren Augen radikal verwandelt“ (Tomás Halík, in: Christ und Welt 2.4.2020). So stelle ich mir das vor.

Eure heute wieder einmal kritische Fragen stellende Geistliche Leiterin

 

05.04.2020  Palmsonntag – und ein kleines Detail

Ist euch das kleine Detail schon einmal aufgefallen? Jesus reitet auf zwei Eseln gleichzeitig in Jerusalem ein: auf der Mutter und auf dem Fohlen. Auf beiden reitend, das braucht etwas Akrobatik. Vielleicht ist Akrobatik ja genau das Stichwort, wenn es darum geht, zu verstehen, zu deuten, was gerade vor sich geht durch die Auswirkungen von Covid 19. Wir erfahren die Krisenzeit alle hautnah. Wir müssen in diesem Jahr neue Rituale für das gewohnte finden, wenn wir Ostern innerlich und äußerlich begehen wollen. Wir suchen Antworten auf unsere Fragen. Und vielleicht sind unsere religiösen Fragen andere geworden als sie es noch vor einigen Wochen waren. Es geht ans Eingemachte. Jetzt mit Jesus den Weg nach Jerusalem zu gehen, nach Golgotha, hinein ins Grab und dann ins Licht von Ostern, darum geht es. Und darauf zu vertrauen, dass er mit uns ist. Unser Herz offen halten für diese Erfahrung. Dann wird sie uns geschenkt werden. Das glaube ich fest.

Einen gesegneten Palmsonntag.

 

04.04.2020   „Gegen den Corona-Speck“

Ja, ich stelle mich auch täglich auf die Waage. Nein, ich prüfe nicht, ob ich Corona-Speck angesetzt habe.
Gestern fiel mir in meiner Zeitung der Artikel mit dieser Überschrift auf. Noch mehr als sonst wird meine Alltagstauglichkeit in Frage gestellt. Noch mehr als sonst erhalte ich Fitness-Tipps und täglich mehr Anregungen wie ich den Corona-Blues besser überstehen kann. Wie schön, dass es alle so gut mit uns meinen. Spätestens die jeweiligen App-Empfehlungen beenden dann die selbstlose Hilfe gegen den Blues und gehen auf Kundenfang.

Das ist ja irgendwo auch berechtigt, denn auch da geht es um Firmenexistenzen. Mir fällt auf, dass es von Tag zu Tag mehr ans Eingemachte geht. Die Forderungen nach Normalität, nach Lockerung der Kontaktsperre, nach mehr finanzieller Unterstützung für alle Gewerbetreibenden, damit sie nicht zu Grunde gehen in dieser Krise usw. werden von Tag zu Tag schärfer.

Die Not ist groß. Der Corona-Speck darunter die Kleinste.

 

03.04.2020  "Zeigen wir einander doch das Beste in uns!"

Bundespräsident Walter Steinmeier hat sich wieder zu Wort gemeldet mit ermutigenden Worten. Er erzählt von Menschen, denen er in den letzten Wochen begegnet ist und bei denen er spürt, dass sie das Beste von sich zeigen – nämlich absolute Zuverlässigkeit und Mitmenschlichkeit in dieser so deprimierenden Situation. „Wir sind vielleicht zur Isolation verdammt – aber nicht zur Untätigkeit“, so resümiert er als die vielen Aktivitäten, in denen Menschen sich einander zuwenden und unterstützen. Dennoch ist in meinem Herzen auch eine Stimme, die fragt, wie lange wir die Kontaktsperre aushalten, wie lange uns Social Media helfen wird, einigermaßen gut gestimmt zu bleiben, wie lange dieses Medium den vis-à-vis-Kontakt ersetzen kann. Ich lebe allein und spüre, dass ich mich gut beschäftigen kann. Allerdings spüre ich auch meine Sehnsucht nach Begegnung. Ich hoffe, dass ich das überhaupt zugeben darf, wo ich ja auch weiß, dass Kontaktsperre bedeutet, Leben zu retten?

Zeigen wir einander doch das Beste in uns!“ – das Wohlwollen, die Nächstenliebe, die Solidarität und nicht zuletzt das Einander-Beistehen im Beten.

Behüt Euch alle Gott!

 

02.04.2020   Herzhaft gelacht

Gott sein Dank bleibt vielen Menschen ihre Kreativität in diesem Coronachaos. Fast täglich bekomme ich ein nettes Foto geschickt. Heute einen Wegenetzplan durch die eigene Wohnung mit vielen Haltestellen und unterschiedlichen Routen. Eine Freundin, der ich das weiterleitete, meinte ebenso humorvoll: „Braucht man fast ein Nawi“. Solche Kleinigkeiten tun jetzt gut. Zu finden ist die Grafik hier: http://keratill.com/

Mir helfen auch gute Texte wie die von Huub Oosterhuis, dem Dichter auch von „Ich steh vor dir mit leeren Händen, Herr“. Mit seinen Zeilen zu Psalm 63 spricht er mir aus dem Herzen.

Zu dir steh ich auf am Morgen

Zu dir steh ich auf am Morgen,
rufe die Stunden, fleh um Licht,
krieche nach Wasser.

Nach dir dürst ich durch den Mittag,
Leib bin ich, flehende Seele,
mit den Schatten falle ich.

Nach dir wälz ich mich in der Nacht,
schläfst du? Rühr mich an,
dass ich zur Ruhe komme,

und zu dir aufstehe am Morgen.

Originaltitel: Naar jou sta ik op in de morgen
Text: Huub Oosterhuis / Übertragung: Annette Rothenberg-Joerges / Bibelstelle: Psalm 63,2-8

(Internetabruf am 1.4.20: http://huuboosterhuis.de/zu-dir.455.html)

Bleiben Sie behütet!

 

01.04.2020   Laufen

In den letzten Tagen habe ich den Roman „Laufen“ von Isabel Bogdan gelesen. Sie schildert den Trauerweg einer Frau, deren Partner Suizid begangen hatte. Die Protagonistin läuft und läuft und läuft – zuerst war es ein Davonlaufen und dann wurde daraus ein Weg zurück ins Leben. Laufen, Freunde, Wut, Trauer, Humor und die Liebe zur Musik nehmen es mit der schier nicht enden wollenden Verzweiflung auf. Am Ende siegt das Leben.

Die Lektüre ist keine leichte Kost. Mir hat das Lesen noch einmal mehr gezeigt wie wichtig es ist, jeweils Mittel und Wege zu kennen und einzuüben, die in Krisenzeiten durchhalten und aushalten lassen – vielleicht manchmal trotzig, aber immer mit dem mutigen Blick nach vorn.

Vielleicht auch ein Rezept für diese Zeit, in der wir uns so belastet fühlen durch Covid 19. In aller Verunsicherung, die ich gerade auch als zur Risikogruppe der Herzpatienten gehörend erlebe, hilft mir Psalm 23. Auch hier kommt das Laufen vor und der Weg, auf dem Gott uns geleitet. Und ich laufe gern selbst beim Beten dieser alten Worte:

Der HERR ist mein Hirte,
nichts wird mir fehlen.
Er weidet mich auf saftigen Wiesen
und führt mich zu frischen Quellen.
Er gibt mir neue Kraft.
Er leitet mich auf sicheren Wegen
und macht seinem Namen damit alle Ehre.
Auch wenn es durch dunkle Täler geht,
fürchte ich kein Unglück,
denn du, HERR, bist bei mir.
Dein Hirtenstab gibt mir Schutz und Trost.
Du lädst mich ein und deckst mir den Tisch
vor den Augen meiner Feinde.
Du begrüßt mich wie ein Hausherr seinen Gast
und füllst meinen Becher bis zum Rand.
Deine Güte und Liebe begleiten mich Tag für Tag;
in deinem Haus darf ich bleiben mein Leben lang.
(Übersetzung: Hoffnung für alle)

 

31.03.2020   Lieber Gott, kannst du bitte 2020 löschen und neu installieren. Es hat einen Virus.

Diesen humorvollen Satz zusammen mit dem Foto eines Babys bekam ich gestern zugeschickt. Ich kenne die ursprüngliche Quelle nicht. Auf jeden Fall hat mich dieser Gedanke zum Lachen gebracht zwischen all den anderen Nachrichten des Tages.

In den Kurznachrichten in der Frühe ging es um die „Existenzängste“ vieler. In der Zeitung hieß es dann, dass die „Solidaritätsressourcen endlich“ seien. Beides ist beunruhigend.
Angst um die eigene Gesundheit, Angst um den Arbeitsplatz, Angst um den eigenen Betrieb, Angst vor den vielen Einbußen und Folgen, die Covid 19 uns in diesem Jahr und darüber hinaus einbrockt. Im Moment ist die Unterstützung überall groß. Unsere Regierung versucht, niemanden zu vergessen. Und die, die sich vergessen fühlen, machen auf sich Gott sei Dank dann aufmerksam. Im Augenblick gibt es so viel an Solidarität mit denen, die sich kaum schützen können, weil sie Menschen pflegen, weil sie für unsere Nahrungsmittel und vieles andere Sorge tragen. Die Grenze der Solidarität bekam ich zu spüren in der kritischen Frage, wie man Kranke aus dem Ausland jetzt hier in Deutschland in Kliniken aufnehmen könne. Da kann ich nur antworten: Ja, wann dann, wenn nicht jetzt, wo wir noch dazu in der Lage sind, Menschenleben grenzüberschreitend zu retten.

Möge die Solidaritätswelle, die Aufmerksamkeit füreinander und für das L eben – christlich gesprochen: die Nächstenliebe anhalten und weiter wachsen. Dann brauchen wir 2020 nicht mehr löschen wollen, sondern werden daraus Wesentliches gelernt haben.

 

30.03.2020    Not lehrt beten

Ja, es bewahrheitet sich gerade wieder: Not lehrt beten. Und das ist ja auch gut so, dass es immer wieder Situationen gibt, in denen wir spüren, dass wir dem schöpferischen Gott unser Leben mit all seinen Möglichkeiten verdanken; dass wir spüren, dass es mehr gibt als das Sichtbare; dass wir spüren, wie sehr wir auf diese gute Macht** angewiesen sind. Corona bräuchten wir dazu allerdings nicht, die Herausforderungen und Katastrophen, die jede/r ins Gebet nehmen kann, gab es vorher schon genug.

Die Diözesen und Kirchengemeinden geben uns Christinnen und Christen jetzt auch alle möglichen Gebetshilfen an die Hand. Tausende von Gottesdienstvorlagen und anderen Gebetstetexn werden online gestellt. Das ist schön. Wir werden so gut versorgt wie selten, fast überversorgt. Und gerade wegen dieser Versorgung kommt die Frage in mir auf, ob wir es denn verlernt haben, mit unseren eigenen Worten zu beten und die Bibel aufzuschlagen und darin zu lesen. Oder ob wir in eine Lernschule gehen müssen.

Vielleicht ist jetzt eine Übungszeit für beides: Sich den Gebetsvorlagen anvertrauen  und gleichzeitig die ganz persönliche Fürbitte, Klage, Trauer, Wut und Hoffnung in eigenen Worten vor Gott zu bringen und Formulierungen zu finden, die genau das ausdrücken, was mir auf der Seele brennt..

Mir gefällt besonders das Coronagebet unserer Seelsorgeeinheit:

Gott.
Wir fragen uns, wo wir stehen.
Wir wissen nicht genau, was noch kommt.
Gehe den Weg mit uns, der vor uns liegt.
Schenke allen Menschen in unserem Land, die wichtige Entscheidungen treffen, Weisheit und Umsicht:
hier in Rottenburg und in ganz Baden - Württemberg
Schenke den kranken Menschen Deine Nähe;
und allen, die sich um Sie kümmern, innere Stärke und Gesundheit.
Schenke allen Nachbarn, Freunden, Familien Netzwerke der Unterstützung und den Zusammenhalt, den sie brauchen.
Lass die Kirchen ein Zeichen Deines Beistands für die Menschen sein.
Stärke die Völker in ihrer Verbundenheit untereinander.
Geh mit den Sterbenden ihren letzten Weg.
Gib den Toten Deinen Frieden.
Lass uns alle zum Zeichen Deines Segens füreinander werden.
Heute, morgen und in Ewigkeit. Amen.

** Und ich wähle gerne D. Bonhoeffers Worte:

„Von guten Mächten wunderbar geborgen
erwarten wir getrost, was kommen mag.
Gott ist mit uns am Abend und am Morgen
und ganz gewiss an jedem neuen Tag.“

 

29.03.2020   „Alle für Alle“ – Gemeinwohl geht vor Eigenwohl  

5. Fastensonntag – Misereorkollekte – „Herr, erbarme dich aller, die in Not sind überall auf der Welt, erbarme dich aller, die unter Covid 19 leiden und denen dieses Virus das Leben nimmt. …“ Der Misereorsonntag steht in diesem Jahr auch unter dem Vorzeichen Covid 19.

Der Misereorsonntag lenkt den Blick auch auf ein Prinzip der Katholischen Soziallehre, das kurzgefasst lautet „Gemeinwohl geht vor Eigenwohl“. Damit ist gemeint:
„Der Mensch muss stets das Gemeinwohl (das Wohl der Gemeinschaften, denen er von Natur aus oder freiwillig angehört, vor allem Familie und Staat), im Blick haben. Das Wohl des Einzelnen ist dem Gemeinwohl unterzuordnen, zu dem der Einzelne beizutragen hat. Andererseits darf der Dienst am Gemeinwohl den Menschen nicht völlig beschlagnahmen, sondern die Gemeinschaft muss dem Einzelnen dienen, das gemeinsam Geschaffene muss gerecht an die Einzelnen verteilt werden und das Ziel jeder Gemeinschaft muss die Entfaltung der Personalität ihrer Mitglieder sein.“( https://www.philso.uni-augsburg.de/institute/philosophie/Personen/Lehrbeauftragte/neidhart/Downloads/Sozialethik.pdf)

Einfacher gesagt – es geht genau um das, was der Slogan „Alle für Alle“, der im Zusammenhang mit Corona beständig durch die Medien geht, meint. Alle stehen füreinander ein, jede/r sorgt dafür und arbeitet darauf hin, dass wir alle in Coronazeiten und danach in eine gute und hoffnungsreiche Zukunft blicken werden. Dann haben wir verstanden und dann leben wir, was „Alle für Alle“ an radikalem Einstehen für das Wohl des Anderen ohne das eigene Wohl aus dem Blick zu verlieren bedeutet. Darin besteht eine riesige Herausforderung. Das einfachste wäre schon mal, Hamsterkäufe zu unterlassen und zu selbstloser Nachbarschaftshilfe z.B. überzugehen. Heute bei meinem Spaziergang habe ich viel von gelungener Nachbarschaftshilfe gehört. Das tat mir gut.

Denken wir an diesem Fastensonntag besonders an dieses „Alle für Alle“ oder "Gemeinwohl geht vor Eigenwohl". In diesem Sinn allen Segen.

 

28.03.2020  Vergessene Themen

Mich beschäftigt, was täglich in den Nachrichten gemeldet wird und welche Themen zur Zeit untergehen. Auch die Zeitung ist voll von Coronaberichten und nur am Rande geht es um die geflüchteten Kinder und die vielen Menschen in den Flüchtlingslagern, die unter unwürdigen Bedingungen leben. Das Thema Seenotrettung ist weg. Die Themen der Bauern treten in den Hintergrund. Wo kommen in den Nachrichten noch all die anderen Krisenherde der Welt vor? .....

Es scheint normal, dass wir den Blick auf das lenken, was uns am meisten beschäftigt und bedroht. Doch es ist auch nötig, noch über den eigenen Kirchturm und den eigenen Horizont zu schauen.
Mögen wir allen, die in Not sind, allen, die leiden und nicht weiterwissen, in diesen Tagen zurufen:

„Gott ist uns Zuflucht und Stärke;
ein bewährter Helfer in allen Nöten.
Darum fürchten wir uns nicht,
wenn die Erde auch wankt.“ (aus Psalm 46)

Gott behüte Euch alle.

 

27.03.2020  Wir bleiben zuhause – Glockenläuten und brennende Kerzen in den Fenstern

„Geduld und Abstand sind die großen Tugenden im Kampf gegen Corona“, hörte ich gestern wieder in der Sendung Brisant. „Wir bleiben zuhause“ ist die stetig wiederholte Formel. Für viele wird zuhause bleiben irgendwann zur Belastung, weil damit Existenzängste verbunden sind. Schüler/-innen machen ganz neue Lernerfahrungen mit der „online-Schule zuhause“; Großeltern vermissen ihre Enkel, allein Lebende müssen sich auf ihr Netzwerk mit den technischen Hilfsmitteln verlassen können; Familien sind so viel zusammen wie sonst nie… Ebenso wie das Zuhause bleiben beschwören wir, dass eine neue Nähe entstehen würde, weil wir die Distanz mit kreativen Ideen zu überwinden suchen. Zahllose Beispiele erzählen uns auch davon. Und dennoch bleibt es mühsam. – Für viele, die an ihren Arbeitsplätzen stehen, ist Abstand fast unmöglich. Kranke kann ich nur mir körperlicher Nähe versorgen. An den Kassen der Geschäfte sind zum Schutz Plexiglasvorrichtungen angebracht worden. Möge es nützen.

Wir warten alle sehnsüchtig darauf, dass der „Spuk“ ein Ende hat. Diese Sehnsucht kenne ich vom Volk Israel in der Bibel, das sehnsüchtig das Ende der Plagen, das Ende der Gefangenschaft im fremden Land, das Ende des Exils erhoffte, um wieder zur Normalität zurückzukehren mit dem neuen Bewusstsein, dass Gott seine Stärke und sein Helfer in der Not war.

Woher kommt mir Hilfe? Mir machen unter anderem das abendliche Glockenläuten zum Gebet, die brennenden Kerzen in den Fenstern, das Singen und Musizieren auf den Balkonen und in den Straßen von Dorfgemeinschaften Mut.

 

26.03.2020  „Uns stehen schwere Wochen bevor“ (Vizekanzler Olaf Scholz)

Diese Schlagzeile ging gestern durch die Medien. Die andere Meldung, die durch die News ging: „Nicht alle Corona-Toten sind auch am Virus gestorben“. Stimmt, was da ist immer wieder zu lesen ist, dass als Corona-Verstorbener auch derjenige gezählt wird, der infiziert war, jedoch an einer anderen Krankheit gestorben ist? – Das irritiert mich. Wenn das so wäre, wie aussagekräftig ist dann noch die Statistik?

Ja, sicher – uns stehen schwere Wochen bevor und wir sind genau genommen schon mitten drin. Dabei möchte ich mich gern auf die Nachrichtenmeldungen verlassen können.
Ich erinnere mich an Erzählungen in der Bibel, in denen dieses Phänomen auch vorkommt. Dort werden auch immer wieder Fakten so beschrieben, dass sie noch eindringlicher, markanter, bedrohlicher werden. Ich hoffe, das ist kein Stilmittel, um uns allen noch klarer zu machen, was wir verstanden haben: Uns stehen schwere Wochen bevor.

Gott halte uns in seinen bergenden Händen und bewahre uns vor Unheil. Amen.

 

25.03.2020   Verwundbar

Wir sind verwundbar geworden. Unser gewohnter Lebensrhythmus ist aus den Fugen geraten. Das Leben ist riskant geworden – ob ich nun zu einer der Risikogruppen gehöre, die dieses verrückte Virus auf keinen Fall einfangen sollten, oder ob ich zu denen gehöre, die jetzt besonders dem Risiko sich aussetzen, um für uns zu sorgen - ob in der Medizin oder im Handel. Wir sind verwundbar geworden, weil es so herausfordernd ist, diese Situation auszuhalten und sich in einer Art Wüstensituation / wüsten Situation zu befinden.

Verwundbar geworden war auch das Mädchen Maria von Nazareth als sie durch den Engel von ihrer Schwangerschaft „unter besonderen Umständen“ erfährt. Das war riskant: Sie hätte nach damaligem Recht gesteinigt werden können als ehebruchsverdächtig, mindestens ausgestoßen aus ihrer sozialen Gemeinschaft. Doch es kommt ganz anders. Josef beschließt, mit ihr zusammen zu leben. Maria hat ihr Ja zu dieser Schwangerschaft gesagt trotz allem Risiko. Auch sie hörte dieses einzigartige „Fürchte dich nicht!“

Möge uns das „Fürchte dich nicht“ in unserer Verwundbarkeit stärken.
Heute ist das Fest der Verkündigung des Herrn.

 

24.03.2020   Unsere Welt wird eine andere sein !?

Viele Propheten geben zur Zeit einander - im Bild gesprochen - die Hand. Sie prophezeihen uns wie wir uns verhalten und wie wir leben werden, wenn es gelungen ist, diesem tückischen Virus seine Macht zu nehmen. Wir werden distanzierter miteinander umgehen, wir werden einander näher sein, die Wirtschaft wird am Boden liegen, sie wird wieder erblühen, wir werden viel gelernt haben und diese Erkenntnisse umsetzen, wir werden egoistisch bleiben. Und so könnte man die Prophezeihungen weiterschreiben.

Ich weß nicht, was sein wird. Doch ich bin sehr neugierig darauf und sehnsüchtig warte ich auf das Ende dieses Ausnahmezustandes. 
Interessant fand ich einen Artikel, den mir ein Mitglied aus dem Prozessteam "Kirche am Ort - Kirche an vielen Orten" zugespielt hat. Der Zukunftsforscher Matthias Horx schreibt seine Gedanken über die Zeit nach Corona: Link

Worauf ich mich verlassen möchte ist dies: Meine Zeit steht in Gottes Händen Link

 

 

23.03.2020  Mir fällt die Decke auf den Kopf

Kontaktsperre – von Tag zu Tag mehr war mit schärferen Maßnahmen zu rechnen. Sie sind nötig im Kampf gegen das Virus. Ich kenne das Gefühl, dass mir die Decke auf den Kopf fällt, wenn mein Kontaktradius so eingeschränkt ist, nur aus Krankheitszeiten. Und diese Decke lässt sich dann nicht so einfach abwerfen. Das ist das Schlimme dran. Doch diese Zeiten waren für mich begrenzt.

Ich kenne viele Menschen, die allein leben, aber auch Familien, für die die jetzige Situation der absolute Ausnahmezustand bedeutet. Ich kenne auch viele Menschen, die dauerhaft ans Bett oder ans Haus gebunden sind. Ich denke an unseren Kolpingbruder Willi, der mit großer Fassung seine Begrenzung lebt und seinen Humor nicht verliert. An ihn denke ich viel in diesen Tagen. Er wird mir zum Vorbild, unser aller Begrenzungen in einem anderen Licht zu sehen.

Ich denke auch an den Propheten Elija, dem die Decke auf den Kopf fiel. Die menschliche Zuwendung der Witwe aus Sarepta und der ihres Sohnes, macht ihm Mut und er ermutigte die Witwe seinerseits zum nächsten  Schritt.

Mögen uns solche Erfahrungen geschenkt werden – vielleicht zur Zeit mehr am Telefon und virtuell als vis-à-vis.

 

22.03.2020  Online-Messen und andere Angebote

Heute ist der erste Sonntag, ohne dass wir eine Eucharistiefeier in unseren Kirchen besuchen können. Wer es gewohnt ist, jeden Sonntag zur Eucharistiefeier zu gehen, dem wird viel fehlen. In vielen Gemeinden sind Wortgottesfeiern am Sonntag längst vertraut und gewohnt. Sie tun sich vermutlich leichter. Unsere Diözese hat für heute eine Wortgottesfeier für die Hausgemeinschaft (Link) oder zum persönlichen Beten zusammengestellt. Das finde ich gut. Und ich habe heute in Allerherrgottsfrühe mit dieser Vorlage den Sonntag gefeiert.

Persönlich tue ich mir schwer mit dem Angebot „Online-Messen ohne Gemeinde“, so sehr ich viele andere geistliche Angebote online schätze.
Ich wünsche mir etwas anderes: Nämlich, dass wir das, was wir gerade spüren, intensiv als geistliche Erfahrung erleben: wie sehr wir nun auf Gott und auf unsere Beziehung zu Jesus Christus allein zurückgeworfen sind und darauf angewiesen, die Nähe zu Gott allein im Gebet zu spüren. Ich wünsche mir, dass wir als Priester und als Gemeindemitglieder uns betend vor Gott tragen mit all den Sorgen und Nöten, die uns aktuell zutiefst bewegen. Ich glaube, das ist die Herausforderung pur für unser geistliches Leben. Niemand kann mir das abnehmen. Mir hilft dabei das abendliche Glockenläuten mit dem Coronagebet unserer Gemeinde, mir hilft die entzündete Kerze am Abend im Fenster.

Für meine Person spüre ich, dass es mir schwerfällt, auf die Begegnung mit Christus im Brot des Lebens zu verzichten. Ich spüre jedoch auch, dass ich mir wünsche, dass Priester und Gemeindemitglieder diesen Verzicht gemeinsam üben und damit vielleicht überraschende Erfahrungen machen. Dass wir diese Erfahrungen machen werden, davon bin ich überzeugt. Vielleicht ist das jetzt so etwas wie die totale Wüstenerfahrung, wie sie die Völker der Bibel und Jesus selbst (Link) erfahren haben und viele einzelne Menschen heute. Den meisten erwuchs neue Kraft und ein neues Selbstbewusstsein.
Allen einen gesegneten Sonntag.

Übrigens: Unsere Seelsorgeeinheit hat eine Seite mit Coronainformationen "Woher kommt mir Hilfe" eingerichtet (Link)

 

21.03.2020  Wir schaffen das!

Die Kanzlerin sei vorsichtig geworden mit diesem Satz, hörte ich in diesen Tagen in einem Kommentar auf ihre Rede an die Nation. Stattdessen sagt sie: "Wir sind nicht verdammt, die Ausbreitung des Virus passiv hinzunehmen. Wir haben ein Mittel dagegen: Wir müssen aus Rücksicht voneinander Abstand halten." Dann schaffen wir es, möchte ich gerne hinzufügen. Ich bin überzeugt davon, dass wir dem Virus die Macht nehmen, indem wir jetzt das tun, was wir uns in normalen Zeiten nicht vorstellen können: auf vis-à-vis-Nähe verzichten und mehr die virtuelle Nähe suchen und uns zurückhalten mit allem, was dem Virus Ansporn gäbe. Als Beziehungsmensch und als Frau, die anderen gerne begegnet, fällt mir das verdammt schwer und ich leide darunter.

Doch was ist dieses Leiden gegen die Zukunft, die wir dann wieder zu erwarten haben. Mir hilft das in der Bibel am meisten wiederholte Wort „FÜRCHTE DICH NICHT!“ Damit denke ich gegen die Sorgen an und bin mir sicher: „Wir schaffen auch das!“ Darauf vertraue ich.

Vielleicht mag uns Cohens Halleluja in der Corona-Variante ein wenig ermutigen. Seit heute kommt bei mit der Link ständig auf whatsapp an: https://youtu.be/00uOKLwrq1s

Und viele unterstützen uns mit Gebetstexten und Impulsen, so auch die evangelische Kirche, deren Impuls ich ebenfalls verlinke. Hausgebet
Am Samstag um 19.30 Uhr laden die Glocken der Christuskirche zum Gebet ein und es wäre ein Hoffnungszeichen, wenn wir alle eine Kerze ans Fenster stellen würden.

 

20.03.2020 Bleib gesund!

Jedes Telefonat, jede Mail, jede Whatsapp endet derzeit mit diesem Wunsch. In Coronazeiten konzentriert sich alles auf den Wunsch nach dem Erhalt der Gesundheit. Wie wohltuend ist doch dieses „Bleib gesund“. Wie warm klingt es in unseren Ohren. Wie bewusst macht dieser Wunsch das hohe Gut der Gesundheit.

In den Evangelien hören wir Jesus in den Heilungserzählungen immer wieder fragen: „Was willst du, dass ich dir tun soll?“ Jede und jeder von uns würde im Augenblick antworten: „Gesund bleiben“ – „Gesundheit für mich und andere“. Vielleicht auch das: Dass unsere Seele keinen Schaden nimmt durch die vielen Beschränkungen, die wir nicht gewohnt sind, dass uns die Decke nicht zu sehr auf den Kopf fällt – trotz Einsicht in diese Maßnahmen –; dass wir geduldig bleiben und einigermaßen gelassen.

Das wünsche ich uns allen.